Zeitzeugen

»Mir sajnen do!«

Im Gespräch: Jens-Jürgen Ventzki und Natan Grossmann Foto: Marina Maisel

Seit mehr als einem Jahr treffen sich in den Räumen der B’nai-B’rith-Loge dienstagnachmittags Holocaust-Überlebende im Café Zelig.

Initiator Joram Ronel, Oberarzt in der Klinik für Psychosomatik der TU München, schuf mithilfe der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« einen Raum zum Treffen, Sprechen und auch zum Schweigen. Einen Raum der fröhlich sein will, »zelig« eben.

Biografie Ein regelmäßiger Besucher ist Natan Grossmann, 1927 in Zgierz geboren und Überlebender des Ghettos Lodz. Er kam über Auschwitz in eine Autofabrik nach Braunschweig, dann ins KZ-Außenlager Vechelde und wurde schließlich auf einem Todesmarsch bei Ludwiglust befreit. Der Dokumentarfilm Linie 41 von Tanja Cummings beschreibt Grossmanns Suche in Lodz nach Spuren seines totgeprügelten Vaters Abraham, seiner Mutter Bluma, die ihre Essensration dem jüngeren Sohn gab und im Ghetto verhungerte.

Natan Grossmann nimmt es sich bis heute zu Herzen, dass er von ihr Brot angenommen hat. Tröstlich ist für ihn die Entdeckung, dass sein älterer Bruder Ber so mutig war, sich als Kundschafter in einen Transport nach Chelmno zu schmuggeln. Er hatte ja nicht wissen können, dass es aus diesem Vernichtungslager kein Zurück gab.

Joram Ronel hatte zum einjährigen Jubiläum des Zeitzeugen-Cafés die Filmvorführung im Hörsaal des Klinikums rechts der Isar anberaumt. Die Veranstaltung war nach kurzer Zeit ausgebucht, unter den Teilnehmern befanden sich viele Therapeuten und Psychoanalytiker. Auch der Moderator Salek Kutschinski war vom Fach: Der Münchner ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Er sprach auch mit Jens-Jürgen Ventzki, der im Film Linie 41 eine große Rolle spielt.

»Nestreiniger« Ventzki ist Sohn des deutschen Oberbürgermeisters von Litzmannstadt in der NS-Zeit und arbeitet die dunkle Biografie seines Vaters auf. Ihm war erst Anfang der 90er-Jahre aufgegangen, dass sein Vater mit der ihm unterstellten Ghettoverwaltung ein lupenreiner Täter gewesen war. Sein Bedürfnis, sich mit seinen Eltern zu identifizieren, so Kutschinski, war Ventzki genommen. Für Grossmann ist Ventzki ein mutiger Mensch, »ein Nestreiniger«.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch sagt: »Es gibt keine Heilung für das Unheilbare. Aber es muss einen Weg geben, wie wir die Lehren aus der Vergangenheit vergegenwärtigen.« Ein guter Weg ist es, wie Regisseurin Tanja Cummings mit Natan Grossmann und Jens-Jürgen Ventzki Opfer- und Täterperspektiven sowie deren jeweilige Familiengeschichten zu thematisieren. Am Ende wurde gelacht und gesungen: Rina Zingelbach und Natan Grossmann stimmten das Partisanenlied »Mir sajnen do!« an. Eine wahrhaft berührende Hymne auf das Leben.

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