Novemberpogrome

Merkel und Steinmeier gedenken der Opfer

Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Piero Chiussi

In der Berliner Synagoge Rykestraße fand am vergangenen Freitagvormittag die zentrale Gedenkveranstaltung für die jüdischen Opfer des 9. November 1938 statt, die vom Zentralrat der Juden ausgerichtet wurde.

Zuvor hatte der Bundestag in einer Gedenkstunde der Opfer gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in seiner Rede: »Am 9. November erinnern wir Deutsche an beides: an Licht und an Schatten unserer Geschichte.« Die Novemberpogrome stünden »für den unvergleichlichen Bruch der Zivilisation, für den Absturz Deutschlands in die Barbarei. Die Verantwortung dafür kennt keinen Schlussstrich«.

Gleich nach der Gedenkstunde im Bundestag kamen Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und weitere Abgeordnete aller Fraktionen außer der AfD, die nicht eingeladen war, in die Synagoge Rykestraße. Dort eröffnete Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die Veranstaltung mit mehr als 900 Gästen, die im ZDF übertragen wurde.

zivilisationsbruch Nach Zentralratspräsident Schuster sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel, die mit Beifall begrüßt wurde. Sie nannte die Novemberpogrome eine Wegmarke zur Schoa mit sechs Millionen getöteten Juden. 80 Jahre danach zeige sich ein zwiespältiges Bild: Als »unerwartetes Geschenk nach dem Zivilisationsbruch der Schoa« gebe es heute wieder blühendes jüdisches Leben in Deutschland.

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Zugleich sei ein besorgniserregender Antisemitismus festzustellen, der sich zunehmend offen entlade: »Wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen, und stehen fassungslos vor dem rechtsradikal motivierten Angriff auf ein jüdisches Restaurant im August dieses Jahres in Chemnitz.« Dies sei eine Form antisemitischer Straftaten, die schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgungen in den 30er-Jahren wecke.

Doch mit der Einsetzung eines Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen den Antisemitismus, »so richtig und nachvollziehbar das ist, ist es nicht getan«. Die Frage sei: »Sind unsere demokratischen Institutionen stark genug, um ein weiteres Erstarken oder gar eine Mehrheitsfähigkeit des Antisemitismus für die Zukunft zu verhindern?«

gedenkorte Auch jetzt wieder lebten die Menschen in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen mit rasanten technologischen Umbrüchen. In solchen Zeiten sei die Gefahr besonders groß, dass diejenigen Zulauf erhielten, die mit einfachen Antworten auf die Herausforderungen reagierten.

Der Staat muss konsequent handeln, wenn Hass auf Juden und Hass auf Israel ausgeht.

»Unbedingte Richtschnur unseres Handelns« müsse Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes sein, mahnte Merkel. »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.«

Der Staat müsse konsequent handeln, wenn Hass auf Juden und Hass auf Israel »verbal und nonverbal von in unserem Lande lebenden Menschen ausgeht, die von einem anderen religiösen und kulturellen Hintergrund geprägt worden sind«. Jeder, der in unserem Land lebe, müsse sich zu den Werten des Grundgesetzes bekennen. Merkel betonte, das Gedenken brauche Orte, »die davon erzählen, was geschehen ist«. Wie Schuster nannte auch Merkel die AfD nicht beim Namen, erwähnte aber ausdrücklich das Denkmal für die ermordeten Juden Europas »im Zentrum unserer Hauptstadt«.

gebet Nach Merkels Rede trug Kantor Isaac Sheffer das El Male Rachamim und das Kaddisch-Gebet vor. Chöre der Synagoge Pestalozzistraße umrahmten die Veranstaltung musikalisch. Teilnehmer des Dialogprojekts »Likrat« präsentierten Zeit-
zeugnisse aus dem »1938Projekt – Posts from the Past«.

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