Porträt der Woche

»Mein Körper ist mein Kapital«

Mykhaylo Matviyenko bewacht die Jüdische Kultusgemeinde Essen

von Philipp Peyman Engel  12.07.2010 16:45 Uhr

»Die Konzentration über acht Stunden am Tag aufrechtzuerhalten, ist sehr anstrengend«: Mykhaylo Matviyenko (39) Foto: Alexandra Umbach

Mykhaylo Matviyenko bewacht die Jüdische Kultusgemeinde Essen

von Philipp Peyman Engel  12.07.2010 16:45 Uhr

Es gibt nicht viele Besucher der Jüdischen Kultusgemeinde Essen, die den ersten Kontakt mit mir angenehm finden. Auf die meisten von ihnen wirke ich anfangs bestenfalls unfreundlich, zumeist aber bedrohlich oder gar aggressiv. Diese Fehleinschätzung lässt sich leider nicht vermeiden. Mein Beruf als Sicherheitsdienstleiter der Gemeinde bringt es eben mit sich, dass andere Menschen mir mit einem gewissen Respekt begegnen. Wenn ich mit jemandem in der engen Sicherheitsschleuse stehe und ihn abtaste, muss ich jedes Mal aufs Neue mit einem unwahrscheinlichen, aber jederzeit möglichen Angriff rechnen und hochkonzentriert sein. Dieses professionelle Vorgehen wird fälschlicherweise oft als Bedrohung wahrgenommen. In meinem Job ist ein zwangloses Gespräch erst nach der Sicherheitsüberprüfung möglich. Das mag für beide Seiten unangenehm sein, doch der Schutz unserer Leute ist mir heilig.

Konzentration Aus diesem Grund muss ich jederzeit voll und ganz auf meine Arbeit fokussiert sein. Alles, was um mich herum passiert, jedes scheinbar noch so unwichtige Detail kann unter Umständen von Bedeutung sein. Auf die Gunst des Zufalls darf ich nicht einmal hoffen. Auf alles vorbereitet zu sein, das ist es, was meinen Job ausmacht – und oft auch so schwierig gestaltet.

Die Konzentration über acht Stunden am Tag aufrechtzuerhalten, ist sehr anstrengend. Wer diesen Beruf ausübt, muss topfit sein. Mein Körper ist mein Kapital, also muss ich ihn fordern, um den Status quo beizubehalten. Überhaupt ist regelmäßiger Sport eine wichtige Säule für ein gutes und gesundes Leben. Er formt die Seele, verleiht Selbstbewusstsein und dient nicht zuletzt auch dazu, sich im Leben zu behaupten. Diese Lektion habe ich schon in jungen Jahren gelernt.

Kinderbanden Als Kind war ich alles andere als stark. Mein Heimatort Shmerinka in der Ukraine war von Konflikten unter einzelnen Jugendgruppen geprägt. Auch bei uns Kindern gab es große Spannungen, etwa zwischen arm und reich, jüdisch und nichtjüdisch. Innerhalb der verschiedenen Cliquen gab es immerzu Kämpfe. Ich wurde öfters verprügelt, weil man sagte, ich sei Jude und nichts wert. Heute weiß ich: Diese Beleidigungen stammten nicht von den Kindern, sondern von deren Eltern. Ich habe damals sehr darunter gelitten.

Als Antwort darauf habe ich angefangen, in einem Sportverein im griechisch‐römischen Stil zu ringen. Es dauerte etwa zwei Jahre, bis ich wesentliche Fortschritte machte. Von da an wussten die anderen, dass man mir und meinen Freunden besser keinen Ärger macht. Ich habe meine Möglichkeiten aber nie offen zur Schau gestellt. Wenn man Kampfsport betreibt, gehört die Aggressivität ausschließlich in den Ring. Etwas anderes wäre in meinem Fall auch gar nicht nötig gewesen. Man strahlt ganz automatisch Sicherheit aus, wenn man professionell trainiert.

Diese in meiner Kindheit vorherrschende Stimmung des Kampfes und der fortwährenden Behauptung wurde zum Ausgangspunkt meiner beruflichen Karriere. Man kann also sagen, dass ich aus einer negativen Erfahrung das Beste gemacht habe. Mit 18 Jahren, kurz nach meiner Schulzeit, kam ich zur Armee, dort habe ich andere Soldaten ausgebildet. Dass ich jüdisch bin, war zu dieser Zeit schon kein Problem mehr. Beim Militär sah man ein, dass ich in meinem Bereich unersetzlich bin, also ließ man mich in Ruhe. Freunde von mir hingegen, etwa jene, die studieren wollten, hatten nach wie vor Probleme. Zu der Zeit gab es an den Universitäten des Landes immer noch eine sogenannte Judenquote.

Leibwache Nach meiner Armeezeit wurde ich in Kiew zum Leibwächter ausgebildet. Das war eine wirklich aufregende Zeit. Viele meiner ehemaligen Kollegen schützen heute hochrangige Politiker und arbeiten für Sondereinsatzkommandos. Im Rahmen der Ausbildung war ich auch mehrmals in Israel, aber darüber darf ich keine genaue Auskunft geben. Nur so viel: Dort habe ich meine sicherheitstechnischen Fertigkeiten perfektioniert.

Mittlerweile bin ich Experte für Krav Maga, eine vom israelischen Militär weiterentwickelte Kampfsportart, bei der es vor allem auf die richtige Technik und weniger auf Kraft ankommt. Es ist ein guter Sport für alle, die nicht angreifen, sondern sich verteidigen möchten. Wenn man so will, passt Krav Maga sehr gut zu Israel. Die Haltung, die hinter diesem Kampfsport steckt, ähnelt aber auch meinem Wesen: Ich agiere zu Beginn einer Interaktion nicht offensiv, sondern orientiere mich erst einmal an meinem Gegner. Wenn man freundlich mit mir spricht, reagiere ich ebenso. Der Ton macht die Musik, nennt man das im Deutschen. Wird jemand also frech, weiß ich darauf ebenfalls angemessen zu reagieren.

Angst Von Bekannten werde ich oft gefragt, ob ich in gefährlichen Situationen Angst habe. Selbstverständlich, antworte ich dann. In der Ukraine sagt man: Nur Dummköpfe haben keine Angst. Sie bewirkt, dass man wach ist, reaktionsbereit. Angst ist wie die Zündung meines Verhaltens. Ich hänge am Leben, möchte noch nicht sterben. In diesem Sinne ist Angst sogar professionell. Und es gibt durchaus Situationen, in denen es brenzlig wird. Gerade im Zeitalter des Internets und des Islamismus ist ein kompetenter Sicherheitsdienst für jüdische Gemeinden notwendig. Ich stelle immer wieder fest, dass Juden in Deutschland es vermeiden, sich öffentlich zu ihrem Judentum zu bekennen. Das finde ich traurig. Keiner soll Angst haben zu sagen: Ich bin Jude. Ich möchte, dass wir es mit Stolz sagen!

In der Ukraine gab es dieses Selbstbewusstsein – trotz aller Diskriminierungen. Das war gut an diesem Land. Aber zurück möchte ich unter keinen Umständen. Ich fühle mich hier außerordentlich wohl, auch wenn mein Anfang in Deutschland mit einer großen Enttäuschung begann: Ich hatte mich bei der Polizei beworben, doch dort sagte man mir, dass ich mit 33 Jahren schon zu alt sei. Und das bei meiner Qualifikation! Ich konnte es nicht fassen. Zum Glück wurde ich sofort danach mit Kusshand von der Gemeinde eingestellt, durfte ein umfassendes Sicherheitskonzept entwickeln und umsetzen. Dafür bin ich noch heute dankbar.

Zukunft Was ich beruflich machen werde, wenn mein Körper irgendwann nicht mehr in der Lage ist, das hohe Niveau zu halten? Ich hoffe, ich kann diesen Job noch viele Jahre ausüben. Dafür tue ich alles. Ich ernähre mich gesund, bewege mich viel, und Sparring mache ich immer nur mit Boxern, die bedeutend schwerer sind als ich, damit ich mich mehr anstrenge. Aber ich weiß, dass der Tag, an dem ich mich nach etwas Neuem umschauen muss, kommen wird und dass dieser Tag mit jedem abgelaufenen Jahr immer näher rückt.

Angst davor habe ich nicht. Ich bin zwar schon lange im Sicherheitsbereich tätig, aber in meiner Heimat wurde ich an der Universität auch zum Sportlehrer ausgebildet. Das ist für mich eine schöne Perspektive. In der Gemeinde gebe ich schon seit Jahren Fitness‐, Fußball‐ und Kampfsport‐Kurse für alle Altersgruppen. Erst kürzlich hat eine von mir trainierte Nachwuchs‐Mannschaft bei einem Fußballturnier den ersten Platz belegt. Es ist vor allem die Arbeit mit Kindern, die mich glücklich macht. Einige von ihnen, die inzwischen fast erwachsen sind und in China oder den Niederlanden studieren, kommen manchmal zu Besuch und sagen mir, dass meine Arbeit mit ihnen sehr wichtig für ihren Lebensweg war. Für mich ist das jedes Mal aufs Neue pures Glück.

Ich glaube, jeder sollte seinen Job gerne machen. Wenn nicht mit Liebe, warum dann überhaupt noch irgendetwas tun?

Aufgezeichnet von Philipp Engel

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