Ortstermin

»Mathe habe ich gehasst«

Gut vorbereitet: Moderator Levi Foto: Marina Maisel

Diese Unterrichtsstunde werden die Kinder der Sinai-Schule so schnell nicht vergessen. Sie fand nicht wie sonst üblich im Schultrakt des IKG-Gemeindezentrums statt; in der vergangenen Woche wurde sie ins altehrwürdige Rathaus am Marienplatz verlegt. Wenn dann auch noch ein gut gelaunter, souveräner und lässiger Oberbürgermeister persönlich zu dem Treffen erscheint, wird die Schulstunde für die Kinder zu einem Hit. Fast 60 Minuten lang beantwortete Dieter Reiter die vielen Fragen der Kinder – mit erstaunlicher Offenheit.

Schwer zu sagen, wer kurz vor dem außergewöhnlichen schulischen Highlight in dem historischen Saal mit der gewölbten Decke aufgeregter war: Schulleiterin Anja Weigand-Hartmann und die Klassenlehrerinnen der vierten Klassen oder die rund 50 Kinder. Eine große Rolle spielte die Nervosität aber nicht, denn jegliche Anflüge verschwanden mit dem Erscheinen des Stadtoberhaupts wie von selbst.

Zu Beginn jedoch hatte erst einmal Levi das Sagen. Oberbürgermeister Dieter Reiter ernannte den Schüler kurzerhand zum Leiter der »Sitzung«. Seine Aufgabe war es, kein Durcheinander zuzulassen und seinen Mitschülern das Wort zu erteilen. Und die hatten eine Menge Fragen an das Oberhaupt der bayerischen Landeshauptstadt – amüsante wie ernsthafte.

Wie sehen Sie, Herr Oberbürgermeister, das Flüchtlingsproblem?
Auf die aktuelle Krisensituation hatte der Oberbürgermeister für die Kinder eine klare Überzeugung parat: »Auch wenn es für uns eine große Herausforderung darstellt: Es ist unsere Pflicht, diesen Menschen zu helfen.« Humanität und Nächstenliebe seien dafür die ausschlaggebenden Gründe.

Haben Sie Vorbilder?
Diese Frage beantworte Dieter Reiter ohne Umschweife: Willy Brandt, der die sozialen Aspekte stärker in den Vordergrund gerückt und als Bundeskanzler der Außenpolitik neue Impulse gegeben habe, lautete die prompte Antwort. »Seinetwegen bin ich SPD-Mitglied geworden«, verriet er den Schülern. Nicht minder habe ihn allerdings auch einer seiner Vorgänger im Chefsessel des Rathauses beeindruckt: SPD-Ikone Hans-Jürgen Vogel, mit dem er erst jüngst dessen 90. Geburtstag gefeiert hat.

Haben Sie auch einen richtigen Beruf, oder sind Sie nur Oberbürgermeister?
Bei dieser Frage der Kinder musste Reiter angesichts seines überquellenden Terminkalenders schmunzeln: »Momentan bin ich tatsächlich nur Oberbürgermeister, sonst nichts. Vorher war ich viele Jahre als Verwaltungsangestellter in der Stadtverwaltung tätig, vor meiner Wahl zum Oberbürgermeister auch Referent für Arbeit und Wirtschaft.« Mit Zahlen müsse man sich da auch gut auskennen, meinte er.

Was waren denn in der Schule Ihre Lieblingsfächer? Mathematik?
Diese Frage löste beim Chef des Rathauses zumindest leichtes Frösteln aus. Vielleicht machte er es deshalb kurz und bündig. Sein »Geständnis«: »Deutsch und Sport haben mich einigermaßen interessiert, Mathematik habe ich gehasst.« Aber er fügte auch noch eine Erklärung hinzu, die er den Kindern besonders ans Herz legte: »Es wäre besser gewesen, wenn ich in der Schule fleißiger gewesen wäre. Eine gute schulische Ausbildung ist heute für den Beruf und die Zukunft wichtiger denn je.« Er selbst, verriet Reiter, habe sich das Wissen, das ihm in der Schule entgangen sei, später als Erwachsener mühsam in seiner Freizeit anlesen müssen. »Das hätte ich mir auch sparen und einfacher haben können«, so Reiter.

Haben Sie zu Hause Haustiere?
Nur mit Fragen nach seinen Amtsgeschäften gaben sich die Viertklässler der Sinai-Schule nicht zufrieden, sie wollten auch persönliche Dinge vom Oberbürgermeister erfahren. Seinen Worten zufolge ist es bei ihm so wie in vielen anderen Familien mit Kindern: »Wir hatten schon alles: Hund, Wellensittich, Hamster, Schildkröte.«

Haben Sie als Oberbürgermeister viele Freunde?
»Ich habe natürlich einige Freunde, aber das hat nichts mit meinem Amt zu tun. Ein Oberbürgermeister muss neutral entscheiden und darf sich nicht von Freundschaften bei Entscheidungen beeinflussen lassen, die die Stadt betreffen«, erklärte er seinen Besuchern. Was er aber zugleich bedauert, ist der Umstand, dass nicht nur seine privaten Freundschaften und das Familienleben in den Hintergrund treten mussten. Das Stadtoberhaupt: »Für das Privatleben bleibt für den Oberbürgermeister kaum Zeit. Er ist immer im Dienst, auch an den Wochenenden und den Abenden.«

Schauen Sie Fernsehen?
Da sieht es bei Münchens Oberbürgermeister ganz düster aus: »Wenn ich spätabends einmal dazu komme, sind es höchstens die Nachrichtensendungen.« Und um gleich die richtigen Dimensionen seiner TV-Abstinenz zurechtzurücken, fügte er hinzu: »Also all die Vorabendserien, die so beliebt sind, sagen mir nur vom Namen her etwas. Gesehen habe ich noch keine.«

Und welche Musik hören Sie am liebsten?
»Rockmusik. Hardrock«, lautete die unmissverständliche Ansage des Oberbürgermeisters zu seinem Musikgeschmack. Mit Hip-Hop, wie er sagte, kann er wenig anfangen: »Die Texte sind ja oft gut, aber da ist mir zu wenig Musik drin.« AC/DC und Co. sind für ihn nicht zu toppen.

Sind Sie Fußballfan, und für wen schlägt Ihr Herz?
Die in München unter Fußallexperten bei der Sympathieverteilung nahezu unvermeidliche Frage nach »rot« oder »blau« fiel zugunsten von Rekordmeister FC Bayern München aus. »Ich bin Bayern-Fan«, legt er sich fest, ohne aber den zweiten großen Münchner Fußballverein, den TSV 1860 München, die »Löwen«, zu vergessen. »Wenn die Löwen wieder besser spielen und tatsächlich ein eigenes Stadion bauen wollen, unterstütze ich sie als Oberbürgermeister natürlich so weit wie nur möglich. Ich bin ja Oberbürgermeister für alle.«

Dieter Reiters unaufgeregte, lässige Art dürfte ihm ein paar neue Fans beschert haben. Für Selfies mit den Schülern war er nach dem Interview ausgesprochen begehrt, schrieb Autogramme und freute sich über den israelischen Wein, den er von den Kindern als Geschenk überreicht bekam. Während Reiter wieder seinen Amtsgeschäften nachging, stiegen die Schüler und Lehrer noch auf den Rathausbalkon. Bei strahlendem Sonnenschein wollten sie sich den Blick über München nicht entgehen lassen.

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