Volkstrauertag

Mahnung zur Demokratie

100 Jahre nach Kriegsende: Zeremonie auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in der Garchinger Straße Foto: Marina Maisel

Der Blick von Charlotte Knobloch richtete sich ein ganzes Jahrhundert zurück. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Mitglieder des IKG‐Vorstands, hochrangige Vertreter der Bundeswehr und zahlreiche Repräsentanten des politischen und gesellschaftlichen Lebens fanden sich am Volkstrauertag auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in der Garchinger Straße ein, um 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der jüdischen Gefallenen zu gedenken.

In ihrer Rede vor dem Gedenkstein für die Toten machte Knobloch deutlich, warum die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg selbst ein Jahrhundert später angesichts des wieder erstarkenden Antisemitismus so notwendig und von geradezu beklemmender Aktualität sei.
Sie erinnerte daran, dass die jüdische Bevölkerung zu Kriegsbeginn dem gemeinsamen Aufruf des »Verbandes der deutschen Juden« und des »Central‐Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« gefolgt war und für ihr Vaterland in den Krieg zog.

Doch all das sollte kurz darauf keine Bedeutung mehr haben. Charlotte Knobloch ergänzte: »Schon unmittelbar nach Ende des Krieges sah sich die jüdische Bevölkerung aggressivem Hass und widerlicher Hetze ausgesetzt.« Nur 20 Jahre später wurde Auschwitz grausame Realität.

BOTSCHAFT Die Botschaft, die von den Toten des Ersten Weltkriegs, von den jüdischen Gefallenen, ausgehe, fasste die IKG‐Präsidentin in einem Satz zusammen. »Es ist die Mahnung zu einer freiheitlichen, demokratischen und wehrhaften Ordnung«, erklärte sie. Charlotte Knobloch wies in diesem Zusammenhang aber auch auf den Aspekt des Vergessens hin und stellte fest: »Das Andenken an die gefallenen jüdischen Soldaten wurde aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt – für weite Kreise der Bevölkerung bis heute.«

Die Zahlen, die Charlotte Knobloch bei der Gedenfeier nannte, lassen keinen Zweifel am damaligen Selbstverständnis der Juden, sich als Deutsche zu fühlen.

Die Zahlen, die Knobloch bei der Gedenkfeier auf dem Friedhof nannte, lassen keinen Zweifel am damaligen Selbstverständnis der Juden, sich als Deutsche zu fühlen, und an ihrem persönlichen Einsatz. 100.000 jüdische Soldaten gehörten zwischen 1914 und 1918 der deutschen Armee an, 80.000 von ihnen waren an der Front stationiert. 30.000 jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs wurden mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet, 19.000 befördert, 2000 in den Offiziersrang erhoben, 12.000 Soldaten jüdischen Glaubens verloren ihr Leben. »Diese Opfer, diese Schicksale, das Leiden werden wir nicht vergessen«, betonte Charlotte Knobloch.

Der damalige Traum der Vorfahren von einem freien Leben habe sich indes nicht erfüllt. Umso wichtiger sei es, unsere Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft zu bekräftigen.

»Heute«, so Charlotte Knobloch, »sind wir selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft – und wir bleiben es.« Sie sage das an diesem Ort ganz bewusst, auch wenn Juden heute wieder Ausgrenzung, Ablehnung und Hass erlebten und die gefährlichen Erfolge einer rechtsextremen Partei und nationalistischer, rassistischer und antisemitistischer Populisten mit Sorge beobachteten. »An diesem Denkmal erwächst uns die Verantwortung für unsere freiheitliche Gesellschaft und der Auftrag, uns aktiv für sie einzusetzen«, machte Knobloch deutlich.

WERTESYSTEM In Anwesenheit zahlreicher Bundeswehr‐Angehöriger sprach die IKG‐Präsidentin auch von deren herausragender Rolle im demokratischen Wertesystem. »Staatsbürger in Uniform verkörpern heute die wehrhafte Demokratie und verteidigen Einigkeit und Recht und Freiheit – im Ernstfall mit ihrem Leben«, erklärte sie.

Charlotte Knobloch wies zudem auf die veränderten politischen Rahmenbedingungen hin. Deutsche Soldaten würden heute nicht mehr nur für ihr eigenes Land in der Verantwortung stehen, sondern für ganz Europa. Nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg sei die Bundesrepublik in die solidarische Staatengemeinschaft zurückgekehrt und heute als geachtetes Mitglied in diese eingebettet.

Die IKG‐Präsidentin ging auch auf die Diskussion über eine europäische Armee ein.

Knobloch ging auch auf die Diskussion über eine europäische Armee ein. Im Zentrum derartiger Überlegungen müsse ihrer Ansicht nach »der Gedanke des einzigartigen Friedensprojektes Europa« stehen. Sie zitierte dabei Jean‐Claude Juncker mit dem Satz: »Eine gemeinsame europäi­sche Armee würde der Welt zeigen, dass es zwischen den europäischen Ländern nie wieder Krieg geben wird.« Die IKG‐Präsidentin sagte dazu: »Das wäre viel in einer Welt, die heute mit ihren zahlreichen hoch explosiven, komplexen internationalen Konflikten und Kriegen so unsicher und instabil ist wie seit Langem nicht.«

ZEREMONIE Auf die Rolle der Bundeswehr und die Bedeutung des Gedenktages ging auch Oberst Kai‐Uwe Mayer ein, der den stellvertretenden Kommandeur und Standort­ältesten des Landeskommandos Bayern, Oberst Ralf Klewin‐von Fintel, vertrat. IKG‐Vorstandsmitglied und Stadtrat Marian Offman nahm an der Feier als Vertreter von Oberbürgermeister Dieter Reiter teil. Die Tradition, bei der Zeremonie zum Volkstrauertag auf dem Neuen Israelitischen Friedhof dabei zu sein, setzte auch Georg Eisenreich fort, der in den Vorjahren als Staatssekretär erschienen war und inzwischen neuer Justizminister in Bayern ist.

An der Veranstaltung nahmen außerdem teil die Oberregierungsrätin Eva Reithmeier vom Karrierecenter der Bundeswehr, der Leitende Regierungsdirektor Alfons Lindner, Bundeswehrdienstleistungszent­rum München, Robert Schwab für die Sanitätsakademie der Bundeswehr, Oberfeldapotheker Heuermann vom Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr München, Militärdekan Michael Gmelch, Geschäftsführer Jürgen Raab sowie Schul‐ und Bildungsreferent Maximilian Fügen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, MdL Robert Brannekämper als Vorsitzender des Bezirksverbandes München, Anita Kaminski, IKG‐Vorstandsmitglied und Präsidentin der B’nai B’rith Loge, Andreas Heusler vom Stadtarchiv als Vertreter des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie«, Martin Rückert, Werner Lederer‐Piloty, Clemens Baumgärtner und Wolfgang Kuhn von den Bezirksausschüssen sowie IKG‐Vorstandsmitglieder und Vertreter des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern.

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