Wolfgang Nossen

Mahner und Ermunterer

Wolfgang Nossen sel. A. in seiner Synagoge. Die Gemeinde hat ihm viel zu verdanken. Foto: Peter Michaelis

Vor wenigen Tagen, am 9. Februar, feierte Wolfgang Nossen noch seinen 88. Geburtstag. Der Körper durch Krankheit geschwächt, der Tagesablauf seit Jahren von den Terminen der Dialyse bestimmt. Einen »Mahner und Ermunterer« nennt ihn Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.

»Geradlinig« und manchmal auch »etwas grantelig« sei der langjährige Vorsitzende der Landesgemeinde Thüringen gewesen. Die Nachricht von Nossens Tod traf ihn. Beide kannten sich noch aus seiner Zeit in der politischen Opposition. »Mit Dank schauen wir in Thüringen auf einen Menschen, der es geschafft hat, alle zum Zusammenstehen zu bringen«, schrieb Ramelow.

»Der Tod von Wolfgang Nossen reißt eine schmerzhafte Lücke«, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster. »Er gehörte zu jener Generation, die in der Schoa unendlich gelitten hat und dennoch nach dem Krieg mit unbeugsamem Willen zum Neubeginn des jüdischen Lebens beigetragen hat. Der Wiederaufbau der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen ist maßgeblich ihm zu verdanken. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren«, dankte Schuster Nossen für seine unermüdliche Arbeit.

»Der Tod von Wolfgang Nossen reißt eine schmerzhafte Lücke«, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster.

Gemeinde Wolfgang Nossen war ein besonderer Mensch. Von 1995 bis 2012 führte er die Jüdische Landesgemeinde Thüringen. Es war die Zeit, in der viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Thüringen kamen, so wie Mark Pukhovytskiy. Er sagt: »Wolfgang Nossen hatte immer ein offenes Ohr für uns.« Das Wort »Hilfe« fällt oft, wenn man im Umfeld der Jüdischen Landsgemeinde fragt, was Nossen auszeichnete. »Er hat unterstützt und begleitet. Als er hierherkam, war er genau der Richtige!«

Nossen wurde 1931 in Breslau geboren, der Vater hatte das KZ in Buchenwald überlebt, die Familie überstand das Ghetto, Flucht und Versteck. Es muss viel Glück im Spiel gewesen sein, Überlebenskunst und vor allem Mut, den ein 14-Jähriger damals brauchte, um sich über Wasser zu halten.

Südamerika Erfurt war nur als Zwischenstation geplant. Nossens Ziel hieß Südamerika. Dort wollte die Familie ein neues Leben beginnen, wenn die Mutter nicht krank geworden wäre und Wolfgang ausgerechnet in Erfurt seine große Liebe getroffen hätte. Eine Frau, die er erst Jahrzehnte später heiratete und die bis zuletzt an seiner Seite war.

Das Existenzrecht Israels war für ihn nicht verhandelbar, unantastbar und seine persönliche rote Linie

Eine Christin, die er stets als »meine bessere Hälfte« bezeichnete. Ihre Kaffeetafel bleibt legendär und symbolisch für das, was Nossen bis zu seinem Lebensende prägte: Neugier, sich einbringen, Gastfreundschaft und Einladung zum Gespräch. Er versammelte die unterschiedlichsten Menschen, die sonst nie miteinander ins Gespräch gekommen wären.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das Existenzrecht Israels war für ihn nicht verhandelbar, unantastbar und seine persönliche rote Linie, die Gesprächspartner besser nicht überschreiten sollten. Er diskutierte und ärgerte sich, wenn dies infrage gestellt wurde. Ein Lebensraum, den er ab 1948 mit aufgebaut hatte, damals in einem Kibbuz. Mitte der 70er-Jahre kam er nach Deutschland zurück, obwohl ihn das Land nicht sonderlich interessierte. Seine einstige Jugendliebe glaubte er verloren zu haben.

MOBIT Er war Mitgründer des Vereins MOBIT (Mobile Beratung in Thüringen. Für Demokratie – gegen Rechtsextremismus) und engagierte sich unentwegt gegen Rechtsextremismus. »Ein Mensch, dessen Wort gehört wurde«, sagt der langjährige MOBIT-Wegbegleiter Sandro Witt.

Viel Aufhebens um sich selbst hat er nicht gemacht. »Er hatte etwas Unbeugsames«, sagt der Theologe Ricklef Münnich von der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum. »Sonntagsreden von Politikern konnte er nicht leiden.« Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 ließ sie intensiver zusammenarbeiten. Für viele wurde Nossen zum Vorbild, zum väterlichen Freund. »Einer, der sagt, was er denkt, und dann auch noch tut, was er sagt«, lobte ihn Teresa Begrich, ehemalige Pröbstin Erfurt-Nordhausen, bei der Verleihung des Jochen-Bock-Preises für Zivilcourage 2014.

Frankfurt am Main

Jüdische Gemeinde zeichnet Jugendengagement mit Beni-Bloch-Preis aus

»Wir ehren unser langjähriges Vorstandsmitglied Benjamin Bloch sel.A. und erinnern damit an seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft«, sagt der Vorstandvorsitzende der Gemeinde, Benjamin Graumann

 01.06.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Berlin

»Ein leuchtendes Beispiel«

Jüdische Gemeinde Chabad zeichnet die First Lady Elke Büdenbender für ihr Engagement zur Stärkung jüdisches Lebens in Deutschland aus

 20.05.2026

Chemnitz

Ausstellung zum Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz

»Jetzt erst recht!«: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie erinnert an den mutigen Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz 1945

 18.05.2026

Baden-Württemberg

»Voices of Hope« - Stuttgart ist Bühne für Jewrovision

Die Veranstalter sprechen vom größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb Europas: Am Freitag startet die Jewrovision in Stuttgart. Vorbild ist der ESC, der parallel in Wien stattfindet - jedoch mit anderen Tönen

von Leticia Witte  12.05.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

Sicherheit

»Keine jüdische Veranstaltung soll je abgesagt werden müssen«

Nach dem Massaker von Sydney wendet sich Zentralratspräsident Josef Schuster in einer persönlichen Botschaft an alle Juden in Deutschland: Lasst euch die Freude an Chanukka nicht nehmen!

von Josef Schuster  17.12.2025