München

Lichter der Freiheit

Die IKG feierte gemeinsam mit Stadt und Bürgern – über Religion und Herkunft hinweg

von Helmut Reister, Miryam Gümbel  19.12.2014 16:33 Uhr

Zwei Damen vom Frauenverein Ruth lassen sich Sufganiot schmecken. Foto: Sharon Bruck

Die IKG feierte gemeinsam mit Stadt und Bürgern – über Religion und Herkunft hinweg

von Helmut Reister, Miryam Gümbel  19.12.2014 16:33 Uhr

Fast acht Meter ist die vom Künstler Gershom von Schwarze geschaffene Chanukkia auf dem Jakobsplatz hoch, einer der größten Leuchter außerhalb Israels. Deshalb war auch eine Hebebühne nötig, um die sechs Lichter in den geschmiedeten Blütenschalen zu entzünden. Rabbiner Israel Diskin von Chabad Lubawitsch und der frühere Oberbürgermeister Christian Ude, ein erklärter Freund der jüdischen Gemeinde, ließen sich dieses Ereignis am vergangenen Sonntag nicht entgehen.

Vor der Kulisse der Synagoge und des Gemeindezentrums hatten sich mit Ude und Diskin Hunderte Menschen versammelt, die gemeinsam Chanukka feiern wollten – Sufganiot, Latkes, warme Getränke und Musik inklusive. Die Herkunft der Gäste spielte bei dem ebenso fröhlichen wie besinnlichen Fest auf dem Jakobsplatz keine Rolle. Das entspricht ganz dem Gedanken von Chanukka, wie Präsidentin Charlotte Knobloch erklärte.

interreligiös »Heutzutage gilt das Chanukkafest religionsübergreifend als Symbol des Triumphs von Freiheit über Unterdrückung, von Licht über Dunkelheit«, sagte Knobloch. Umso mehr freute sie sich, dass auch in diesem Jahr wieder so viele Menschen das Lichterzünden der IKG besuchten, um ihre Verbundenheit mit den Juden und der jüdischen Gemeinde Münchens zum Ausdruck zu bringen.

Den hohen Stellenwert, den das von der Israelitischen Kultusgemeinde und Chabad Lubawitsch gemeinsam organisierte Fest genießt, bewies auch die Redner- und Gästeliste: Staatsminister Ludwig Spaenle gehörte dazu, Christian Ude, Bürgermeister Josef Schmid, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Erzpriester Apostolos Malamoussis, Generalkonsuln aus mehreren Ländern, Vertreter der Kirchen, des Stadtrats und der Bezirksausschüsse.

Ex-Oberbürgermeister Ude bezeichnete den öffentlichen Brauch des Lichterzündens, den Rabbiner Israel Diskin vor 15 Jahren auch in München etablierte, als »eine feste Tradition im Leben der Stadt«. Das ehemalige Stadtoberhaupt erinnerte bei aller Feierlaune aber auch an das schwierige vergangene Jahr, als Rassismus und antisemitische Hetze auf die Straße getragen worden sind.

wirkung Diesen Auswüchsen müssten alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte ein mutiges und eindeutiges Zeichen entgegensetzen, forderte Ude. In diesem Zusammenhang hob der Politiker auch die Bedeutung der Israelitischen Kultusgemeinde in München hervor, die als »ein Sprachrohr« nicht nur für das Judentum, sondern für die gesamte Gesellschaft gelte.

Charlotte Knobloch bezeichnete das Lichterfest als »eine Botschaft der Hoffnung«, räumte in ihrer Rede aber ein, dass ihr in diesem Jahr die Worte »Hoffnung«, »Freude« und »Feiern« weniger leicht über die Lippen kämen als in früheren Jahren. »Zu schwer«, erklärte sie, »ist mir immer noch ums Herz – so wie leider vielen jüdischen Menschen in unserer Stadt und in unserem Land nach diesem Jahr des wieder aufflammenden und hemmungslosen Antisemitismus.«

An alle Anwesenden am Jakobsplatz gerichtet, sagte Knobloch: »So wie Sie hier heute müssen wir künftig immer zusammenstehen – nicht nur zum Feiern, sondern auch im Ringen für unsere freiheitlichen Werte. Wie schnell und hemmungslos aus Stimmungen Hass und aus Hass Völkermord werden kann, das lehrt uns unsere Geschichte.«

Hoffnung Doch auch das weltweite Flüchtlingsdrama und die Hunderttausende Menschen, die »der Bürgerkrieg und die Schreckensherrschaft von IS und anderen islamistischen Terrorbanden aus ihrer Heimat vertrieben haben«, dürfen nicht vergessen werden, so Knobloch weiter. Das Lichterfest gebe eine gute Möglichkeit, das in den Mittelpunkt zu rücken, was die Menschen über Religion und Herkunft hinweg verbinde: »Wir alle wollen, dass unsere Familien und Freunde wohlbehalten und sicher leben können. Wir alle brauchen helle Freude und Hoffnung. Wir alle sehnen uns in unseren Gebeten nach Frieden.«

Chanukka – acht Tage lang stand das Fest, das an den Sieg jüdischer Freiheitskämpfer über die griechisch-syrischen Besatzer des Heiligen Landes vor 2100 Jahren erinnert, im Mittelpunkt aller Abteilungen und Einrichtungen der Kultusgemeinde. Die öffentliche Feier auf dem Jakobsplatz war zwar der Höhepunkt der IKG-Aktivitäten. Die erste Chanukkakerze des Jahres war da aber schon längst von Rabbiner Israel Diskin im Alexander-Moksel-Kindergarten entzündet worden.

Im Schein der Chanukkia und im Kreise ihrer Betreuer und Eltern feierten auch die ganz Kleinen aus der Kinderkrippe das Lichterfest. Zugleich war es aber auch eine willkommene Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen. Die Kinderkrippe ist die jüngste Einrichtung der Gemeinde.

Lampenfieber Musik, Tanz, Theater, Kino: So feierte die Sinai-Schule im voll besetzten HubertBurda-Saal des Gemeindezentrums zusammen mit Eltern, Lehrern und Freunden Chanukka – und das in drei Sprachen (Hebräisch, Deutsch, Englisch). Von etwas Lampenfieber befallen, aber am Ende sehr souverän, zeigte das neu gegründete Kinderorchester unter der Leitung von Luisa Pertsovska sein musikalisches Können.

Anja Weigand-Hartmann, die Leiterin der Schule, bereicherte das Orchester mit ihrer Tischharfe. Über die Bedeutung von Kindern und ihrer Erziehung war sie sich auch mit Marcus Schroll, dem Leiter des religiösen Erziehungswesens in der Sinai-Schule, einig. »Kinder sind wie kleine Sonnen, die auf wundersame Weise Wärme und Licht in unser Leben bringen.« Dieser Satz der Schulleiterin fand auch die Zustimmung von Charlotte Knobloch, die sich diese Veranstaltung nicht entgehen ließ.

»Menschen wie Sie geben unserer Gemeinde ein menschliches Antlitz. Sie sind da, Sie geben Ihre Zeit, Ihre Aufmerksamkeit und Ihre verschiedenen Talente, um anderen zu helfen, wenn diese selbst nicht weiterwissen. Sie tun das still, mit bewundernswertem Einsatz und ohne großes Aufheben zu machen«, sagte die Präsidentin bei der Feier für die Ehrenamtlichen, die in diesem Jahr auf die Chanukkatage fiel.

Wunsch So konnte Olga Albrandt, die Leiterin der Sozialabteilung, neben Charlotte Knobloch auch IKG-Vizepräsidentin Judith Epstein und Vorstandsmitglied Ariel Kligman begrüßen. Dieser ergriff auch selbst das Wort und hob die wichtige Arbeit der Anwesenden hervor. Sein Dank galt den Damen vom Frauenverein Ruth und den Mitzwe Makers. Er äußerte den Wunsch, dass im kommenden Jahr alle gemeinsam feiern sollten: die Ehrenamtlichen, der Frauenverein Ruth und die Mitzwe Makers. Die Lichter entzündete auch hier Gemeinderabbiner Israel Meir Levinger, der die Bedeutung des Festes erklärte. Leoni Volshanik, der auch dem Synagogen-Chor angehört, stimmte schließlich das traditionelle Chanukkalied »Maos Zur« an.

Das Licht der brennenden Kerzen rief auch bei den älteren Gemeindemitgliedern die richtige Chanukka-Stimmung hervor. Der Frauenverein Ruth hatte ältere Menschen zum Mitfeiern eingeladen und sorgte für besinnlich-fröhliche Stunden im Restaurant Einstein. Über eine entspannte Atmosphäre bei Kerzenschein, Musik (Gesang von Alina Badowar, in Begleitung von Wjacheslav Dorochov) und leckeren Speisen freuten sich auch die Bewohner des Saul-Eisenberg-Seniorenheims.

Hier zündete Rabbiner Steven Langnas die Kerzen an. Für Charlotte Knobloch war es eine Selbstverständlichkeit, gemeinsam mit den Senioren Chanukka zu feiern. Und sie nahm die Gelegenheit wahr, sich auch bei Hans Schneider, dem Vorsitzenden der Eisenberg-Seniorenheim-Stiftung, für dessen Unterstützung zu bedanken.

Erfreulich war auch der Einsatz der Mitzwe Makers, die in diesem Jahr einen Besuchsdienst organisiert hatten, damit kein Gemeindemitglied am Lichterfest alleine bleiben musste. Sie brachten die Chanukka-Päckchen zu den Menschen, die ihr Haus nicht mehr verlassen können, und zündeten mit ihnen gemeinsam die Lichter an.

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