Porträt der Woche

»Lange war es nur ein Traum«

Rachel Dohme ist Pädagogin und baute in Hameln die liberale Gemeinde auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  27.02.2019 09:26 Uhr

»Ich wünsche mir, dass die nächste Generation das jüdische Leben in Hameln weiterführt«: Rachel Dohme (67) Foto: privat

Rachel Dohme ist Pädagogin und baute in Hameln die liberale Gemeinde auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  27.02.2019 09:26 Uhr

Anfang der 80er-Jahre folgte ich meinem Ehemann aus den USA in seine deutsche Heimat in der Nähe von Hameln. Als gute jüdische junge Frau machte ich mich hier als Erstes auf die Suche nach einer Gemeinde. In Hameln gab es damals keine Synagoge, also fuhr ich nach Hannover.

Vor der Synagoge in der Haeckelstraße stand ein älterer Herr. Als ich mich näherte, dachte ich noch, dass das nett sei, von einem Gemeindemitglied begrüßt zu werden. Er aber sah mich nur stumm an und zeigte mit dem Daumen in die Höhe. Ich habe vermutet, dass das ein niedersächsischer Gruß ist, und habe das auch gemacht. Ohne mit mir zu sprechen, zeigte er nun heftiger auf eine Treppe, die nach oben führte. Erst da verstand ich, dass ich nicht direkt in die Synagoge hineindurfte, sondern auf eine Frauenempore musste.

gottesdienst In meiner Gemeinde in Pennsylvania und auch in anderen Synagogen, in denen ich in den USA war, gab es so etwas nicht. Mit jeder Stufe nach oben wurde ich stinkiger, und als ich oben ankam, sah ich dort lauter junge Frauen, wie ich eine war. Sie wirkten alle unglücklich, weil sie abseits sitzen mussten und nicht direkt am Gottesdienst teilnehmen durften. Die Frauen, die neben mir saßen, waren dieselben, die ich später bei der Gründung einer liberalen Gemeinde in Hannover unterstützt habe.

Ich wurde in der Kleinstadt Butler im US-Bundesstaat Pennsylvania in eine jüdische Familie geboren. Wir gehörten einer konservativen Synagoge an. Insgesamt gab es in unserer Stadt etwa 100 jüdische Familien, und so ist es noch immer.

Jüdisch zu sein, bedeutete mir immer sehr viel, denn das ist meine Identität.

Ich bin eines von vier Kindern. Meine Eltern haben beide gearbeitet, und meine drei Geschwister und ich waren ins Gemeindeleben involviert. Meine Brüder machten Barmizwa, aber damals gab es in der konservativen Richtung für die Mädchen noch keine Batmizwa. Allerdings war es damals in den USA üblich, dass alle in der zehnten Klasse Konfirmation feierten. Das hieß tatsächlich so und war das formelle Ende des jüdischen Unterrichts. Zuvor waren wir jeden Sonntag in die jüdische Sonntagsschule gegangen. Außerdem waren wir Mitglieder in der B’nai B’rith Youth Organization, deren lokale Präsidentin ich in Butler sogar einmal war. Das Jüdischsein hat mir immer sehr viel bedeutet, denn das ist meine Identität.

ELTERN Nach der Highschool habe ich Sonderschulpädagogik studiert. Danach unterrichtete ich nacheinander in drei verschiedenen Bundesstaaten. In Pennsylvania habe ich meinen späteren deutschen Ehemann kennengelernt. Er war nach seiner Promotion als Biologe als Postdoktorand in die USA gekommen, war also für eine befristete Zeit an einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt tätig.

Für meinen Vater war es ein Problem, dass ich einen nichtjüdischen Deutschen heiraten wollte. Dazu muss man wissen, dass meine Schwester ein Jahr zuvor einen Japaner geheiratet hatte. Mein Vater klagte: »Was habe ich nur falsch gemacht, dass meine Töchter sich in unsere Feinde aus dem Zweiten Weltkrieg verlieben?«

Meine Eltern waren zwar schon in den USA geboren, aber die Vorfahren von beiden kamen aus Litauen. Sie haben einen großen Teil dieser Familien in Bergen-Belsen verloren. Deshalb hat mein Vater sich sein Leben lang geweigert, einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen, selbst als ich später hier lebte und er sich mit seinem Schwiegersohn gut verstand.

Mein Vater weigerte sich sein Leben lang, einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen.

Ein solches Verhalten war übrigens nicht untypisch unter amerikanischen Juden seiner Generation, wenngleich meine Mutter und andere Verwandte uns durchaus besuchen kamen. Zu unserer Hochzeit in den USA wiederum kam nur die Mutter meines Mannes, sein Vater blieb zu Hause. Wahrscheinlich aus demselben Grund, weshalb mein Vater nicht nach Deutschland kommen wollte.

SCHULD Meine Schwiegereltern hatten eine große Champignonzucht, und mein Mann ist in dieses Unternehmen eingestiegen. Ein Jahr später, das war im Jahr 1982, bin auch ich nach Deutschland gekommen – in die Nähe von Hameln, wo ich mit ihm zuvor schon mehrmals zu Besuch war.

Auf mich als Amerikanerin wirkte Deutschland immer ein wenig märchenhaft, und als Jüdin war für mich das seltsame Gefühl vorhanden, in dem Land zu sein, von wo die Schoa ihren Ausgang nahm. Damals lebte ja noch die Generation, die in der Nazizeit schon erwachsen war. Wenn ich solchen Menschen begegnete, habe ich natürlich Überlegungen angestellt, ob diese Person wohl ein aktiver Nazi gewesen ist.

Interessanterweise hat mein Schwiegervater nie versucht, die Deutschen von der Schuld freizusprechen. Im Gegenteil! Er hat sich nicht wirklich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, aber er riet mir, niemandem zu glauben, der sich reinwaschen wollte. Er sagte: »Wir waren alle dabei, wir sind alle Nazis gewesen!« Aus dieser Generation war er der einzige ehrliche Mensch, den ich je getroffen habe.

ZUWANDERER Zwei der Frauen, die ich in der Haeckelstraße auf der Frauenempore kennengelernt hatte, waren Katharina Seidler und Ingrid Wettberg. Sie machten sich bald daran, in Hannover eine liberale Gemeinde zu gründen. Soweit es mir möglich war, half ich mit. Wir haben verschiedene Räume gemietet. Es gab keinen Kantor und auch keinen Rabbiner, wir mussten den Gottesdienst selbst gestalten. Nach und nach kamen immer mehr jüdische Leute.

Einige Jahre später habe ich davon erfahren, dass viele russische Juden in Schloss Hasperde in der Nähe von Hameln untergebracht worden waren. Der Ort ist nicht weit von dort entfernt, wo meine Familie lebt. Also habe ich meine drei Kinder ins Auto gepackt, und wir sind hingefahren. Ein Motiv war für mich, dass meine Kinder mit anderen jüdischen Kindern aufwachsen und jüdisches Leben erleben sollten.

Eine Zeit lang habe ich die jüdischen Zuwanderer in diesem Übergangsheim betreut. Sie wussten nur aus ihrem sowjetischen Pass, dass sie Juden waren, aber vom Judentum hatten die meisten absolut keine Ahnung. Ich habe sie gefragt: »Wollen Sie etwas über die Religion Ihrer Vorfahren lernen? Wollen Sie eine jüdische Gemeinde werden?« Sie bejahten.

Ich fragte auch, ob dies auf Russisch geschehen und ich mich mehr im Hintergrund halten solle. Das verneinten sie, denn sie wollten ohnehin gern Deutsch lernen. Als sie nach und nach in Hameln Wohnungen bezogen, haben wir uns in einer davon getroffen, und ich habe ihnen das Schma Jisrael beigebracht. In der Wohnung wurde es bald zu eng, und ich fand in Hameln einen Raum im katholischen Gemeindezentrum. Dort blieben wir ein Jahr. Danach sind wir von einem Raum zum anderen gezogen.

BAUKOSTEN Schließlich bestand die Möglichkeit, das Grundstück, auf dem einstmals die Synagoge stand, zu kaufen. Im Gespräch mit dem Bürgermeister war von einem symbolischen Kaufpreis von einer Mark die Rede, doch als wir dann am Verhandlungstisch saßen, sprach der Stadtkämmerer von 20.000 D-Mark.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte, und habe mich bei meinem Mann ausgeweint. Er sagte, er würde das Grundstück für uns kaufen. Darauf eine Synagoge zu bauen, war lange Jahre nur ein Traum.

Mein Mann sagte, er würde das Synagogen-Grundstück für uns kaufen.

Dann aber gab es das Angebot, dass, wenn wir ein Drittel der Baukosten aufbringen würden, die zuständige Kommune und das Land Niedersachsen auch jeweils ein Drittel beisteuern würden. Ein Architekt erstellte uns den Plan für ein kleines Bethaus.

Der Bau kostete 1,1 Millionen Euro. Für unser Drittel haben wir einen Kredit aufgenommen – den haben wir mittels Fundraising in den USA, Deutschland und in der Gemeinde zusammengesammelt und abbezahlt. Dafür haben wir eine Stiftung gegründet, der viele Christen angehören und deren Vorsitzende ich bin. Seit sieben Jahren haben wir nun in Hameln wieder eine Synagoge – auf genau dem Platz, wo bis 1938 auch die alte stand.

rabbinerin Mit Ulrike Offenberg haben wir auch eine Rabbinerin gefunden, die ein Juwel unter den Rabbinerinnen ist. Wir sind sehr glücklich, dass wir sie zumindest alle 14 Tage in Hameln haben. Deshalb arbeite ich so hart daran, das Geld aufzutreiben, damit wir sie behalten können.

Meine Vision für die Zukunft ist, dass die Jugend unsere Gemeinde übernimmt, sodass ich in den Ruhestand gehen kann und die nächste Generation das jüdische Leben in Hameln weiterführt. Meine unmittelbare Vision aber ist, dass es der Stiftung und auch dem Freundeskreis der Hamelner Synagoge gelingen möge, genügend Geld aufzutreiben, um unsere Rabbinerin künftig jede Woche bezahlen zu können.

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