Ludwig Spaenle

Kultur des Hinschauens

Seit Mai hat Bayern mit Ludwig Spaenle einen eigenen Antisemitismusbeauftragten. Eine seiner ersten größeren Amtshandlungen führte ihn ins Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, eine Herzschlagkammer jüdischen Lebens im Süden der Republik.

In einem auf Vertrauen basierenden Gespräch tauschten Ludwig Spaenle und Vorstandsmitglieder der IKG mit Präsidentin Charlotte Knobloch an der Spitze ihre Gedanken aus. »Wir haben unsere Wünsche und Sorgen offen formuliert und zugleich gemeinschaftlich deutlich gemacht, dass wir für die Bemühungen der Staatsregierung sehr dankbar sind«, erklärte Charlotte Knobloch nach dem informellen Treffen.

Persönlichkeit Es kam auch nicht von ungefähr, dass die IKG-Präsidentin von der personellen Besetzung des neu geschaffenen Amtes angetan ist. »Eine bessere Persönlichkeit als Dr. Ludwig Spaenle könnte es dafür nicht geben«, sagte sie in einer gemeinsamen Pressekonferenz. Schließlich ist Ludwig Spaenle für die jüdische Gemeinde Münchens alles andere als ein »unbekanntes Wesen«. Als langjähriger bayerischer Kultusminister bestand zur IKG und ihrer Präsidentin an der Spitze ohnehin ein enger Kontakt.

Sensibilisieren, koordinieren, unterstützen – diese drei Begriffe wählte der Antisemitismusbeauftragte, um das Ziel seiner künftigen Arbeit zu charakterisieren. »Die Stelle«, sagte er, »ist ein Zeichen des Commitments der Staatsregierung und des Freistaats, jüdische Bürgerinnen und Bürger besser zu schützen.«

Seine Sorge über erstarkenden Antisemitismus und Israelhass in ganz Europa, aber auch vor der eigenen Haustüre, brachte er mehrfach zum Ausdruck. »Wenn das Wort ›Jude‹ wieder ein Schimpfwort ist, muss das zu denken geben«, erklärte er.
Den juden- und israelfeindlichen Erscheinungen, die sich bereits in der Mitte der Gesellschaft verfestigt haben, muss nach Überzeugung von Charlotte Knobloch entschieden entgegengetreten werden.

Kundgebung »Der Kampf gegen Antisemitismus muss als staatliche Angelegenheit verstanden werden und nicht nur als ein jüdisches Problem«, betonte die IKG-Präsidentin. Sie bediente sich dabei eines Zitats, das der Kabarettist Christian Springer einige Tage zuvor bei der von der Stadt organisierten Kundgebung gegen Antisemitismus benutzt hatte: »Wer Juden hasst, hasst uns alle.«

Eine gesamtgesellschaftliche Relevanz sieht Charlotte Knobloch vor allem bei israelbezogenem Antisemitismus, wie ihn zum Beispiel die BDS-Bewegung in einem Dutzend von Städten ungehindert betreibe. Mit Kundgebungen, Aufrufen und Stellungnahmen allein sei dem Problem nicht beizukommen. Es bedürfe tiefer gehender Anstrengungen. »Das Bildungssystem als Hoheitssache des Freistaats ist hier der Schlüssel zu einer Verbesserung der Situation«, erklärte sie.

Ein Büro und eine Sekretärin hat Ludwig Spaenle für seine neue Aufgabe schon, sonst steht er noch ganz am Anfang seiner Aufgabe. »Die Strukturen meiner Arbeit müssen erst entwickelt werden«, sagte er und ließ deutlich erkennen, dass er voller Tatendrang steckt.

Erinnerungsarbeit Wie breit sein Arbeitsfeld ist, lässt der Titel erahnen, der mit seiner neuen Tätigkeit verbunden ist: »Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe«. Spaenle erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es bereits seit der Römerzeit jüdisches Leben in Bayern gebe. Auch daraus erwachse eine besondere Verpflichtung.

Angesichts der vielen unterschiedlichen »Gesichter«, hinter denen sich Antisemitismus verbirgt, hat sich Spaenle eine »Kultur des Hinschauens« zum Ziel gesetzt. Wissenschaftlicher Input und konkrete Erwachsenenbildung könnten seiner Ansicht nach ein brauchbares Instrument zum Beispiel im pädagogischen Bereich sein und eine Wende herbeiführen.

»Das Absinken der Hemmschwelle gegenüber jüdischen Menschen«, so der Antisemitismusbeauftragte, »hat etwas mit dem Zustand der Gesellschaft zu tun.« Spaenle ist auch davon überzeugt, dass es mit einem klaren Kurs möglich sei, öffentliches Handeln zu beeinflussen. »Ich ersetze als Beauftragter zwar keinen politischen Ansprechpartner, aber ich sorge dafür, dass es an die richtige Stelle kommt«, versprach er.

Eines der ersten Projekte, die er schnell umzusetzen gedenkt, ist eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle, um ein genaueres Bild über die Ausmaße zu gewinnen und sie richtig einordnen zu können. Aus den derzeit von den Behörden geführten Statistiken gehe dies in vielen Fällen nicht hervor. Eine weitere Idee, die Spaenle realisieren möchte, ist der Aufbau eines bayerisch-israelischen Jugendwerks.

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