Berlin

Kiddusch unterm Regenbogen

Der »Keshet-Kiddusch« in der Synagoge Oranienburger Straße wurde von »Keshet Deutschland« ausgerichtet. Foto: Marco Limberg

Berlin

Kiddusch unterm Regenbogen

In der Synagoge Oranienburger Straße wurde der bisher größte Berliner Queer-Schabbat gefeiert

von Ayala Goldmann  10.02.2019 08:17 Uhr

Gut 100 Menschen sind am vergangenen Freitag in der Synagoge Oranienburger Straße zum Gebet zusammengekommen. Der anschließende »Keshet-Kiddusch« wurde von »Keshet Deutschland« ausgerichtet und vom Zentralrat der Juden in Deutschland finanziell gefördert.

Keshet ist das hebräische Wort für Regenbogen. Unter den Teilnehmern waren auch Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, und der Grünen-Politiker Volker Beck. Monty Ott, Vorsitzender von Keshet Deutschland, zeigte sich hochzufrieden. »Es war der größte Queer-Schabbat bisher in Berlin«, sagte er. Keshet Deutschland will die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen/Transgender und intersexuellen (LGBTQI) Jüdinnen und Juden fördern.

TORAZITAT Gekommen waren neben Stammbetern zahlreiche Menschen, die sonst nicht regelmäßig in die Synagoge gehen – unter ihnen auch viele Israelis. Der Gottesdienst begann mit intensivem Gesang von Liedern aus dem Siddur. Das Dwar Tora hielt Naomi Henkel-Gümbel (27), Rabbinatsstudentin am Zacharias Frankel College.

Sie setzte sich mit dem Torazitat auseinander, das Geschlechtsverkehr unter Männern verbietet: »Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; ihr Blut komme über sie« (3. Buch Mose 20,13).

Rabbinerin Gesa Ederberg rief gleichgeschlechtliche jüdische Paare auf, sich bei ihr zur Chuppa anzumelden.

Die Studentin zitierte den US-Rabbiner Bradley Artson, Dekan des Frankel College: »Homosexuelle Beziehungen heute können nicht mit der Antike verglichen werden. Ich kenne zu viele gleichgeschlechtliche Paare, die liebende Eltern ethisch erzogener Kinder sind. Wer hat das Recht zu sagen, dass diese Beziehungen in den Augen Gottes weniger heilig sind als meine Beziehung zu meiner Frau und meinen Kindern?«

MAINSTREAM Rabbinerin Gesa Ederberg rief zum Schluss des Gottesdienstes gleichgeschlechtliche jüdische Paare auf, sich bei ihr zur Chuppa anzumelden. »Bisher wollte ich nicht zwei Männer oder zwei Frauen trauen. Vor zwei Jahren, angesichts des weltpolitischen Klimas, habe ich meine Meinung geändert. Denn das Private ist politisch – und die verschiedenen Bewegungen, die sich um Gerechtigkeit und Genderfragen kümmern, sollten sich nicht auseinanderdividieren lassen«, sagte die Rabbinerin. Auch früher habe es jüdische LGBTQI-Initiativen gegeben: »Jetzt sind sie mehr im Mainstream angekommen.«

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