Potsdam

»Juwel der Filmlandschaft«

Politik und Prominenz auf dem roten Teppich, darunter Regisseur Radu Mihaileanu (2.v.r.) und sein Hauptdarsteller Sir Derek Jacobi (3.v.r.) Foto: Uwe Steinert

Für Radu Mihaileanu war es ein sehr emotionales Wiedersehen. Sein Film Die Geschichte der Liebe eröffnete am vergangenen Sonntag das 23. Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg (JFBB) – so wie schon 1999 Zug des Lebens, eine Tragikomödie, mit der dem rumänisch‐französischen Regisseur seinerzeit der internationale Durchbruch gelang.

18 Jahre später betrat Mihaileanu bei der Eröffnungsgala des JFBB im Potsdamer Hans‐Otto‐Theater wieder die Bühne, an der Seite seines Hauptdarstellers, des britischen Schauspielers Sir Derek Jacobi. Er sei eigentlich Mihaileanus zweite Wahl gewesen, gestand der 78‐jährige Brite. Dennoch sei die Rolle des Leo Gursky in Die Geschichte der Liebe die Rolle seines Lebens gewesen, nicht zuletzt dank der enormen Aufmerksamkeit und Sensibilität des Regisseurs. Mihaileanu gab das Kompliment zurück: Erst die wunderbaren Darsteller hätten die komplexe Romanvorlage der amerikanischen Autorin Nicole Krauss mit Leben gefüllt.

preis Überraschend emotional ging es auch in den Reden und Grußworten zu, ebenso wie bei der ersten Preisverleihung des Festivals. Den mit 2000 Euro dotierten Gershon‐Klein‐Preis, eine »Empfehlung für den besten deutschen Film mit jüdischer Thematik«, übergaben gleich zu Beginn der Gala die Schauspielerinnen Adriana Altaras und Birgit Schade stellvertretend an den Produzenten von Die Blumen von gestern. »Wir finden uns in diesem Film wieder, weil er so komisch ist, so anrührend, grotesk und tiefsinnig«, begründete Adriana Altaras die Entscheidung des Ehrengremiums.

Unter dem Motto »Nicht ganz koscher« präsentiert das JFBB 44 Dokumentar‐, Kurz‐ und Spielfilme aus zehn Ländern, darunter Ungarn, Israel, Hongkong und Australien. Nicht zuletzt dank dieser Vielfalt, vor allem aber wegen des unermüdlichen Engagements der Festivalleiterin Nicola Galliner habe sich das Festival »zum bedeutendsten Forum für den jüdischen und israelischen Film in Deutschland entwickelt« und sei »ein Juwel der hiesigen Kulturlandschaft«, sagte Brandenburgs Ministerpräsident und Schirmherr Dietmar Woidke (SPD) in seiner Ansprache.

»Es ist für uns ein ganz, ganz wichtiges Festival.« Auch deshalb, weil es im Unterschied zu anderen jüdischen Filmfestivals weltweit ein vorwiegend nichtjüdisches Publikum erreiche. Das Filmfest biete tiefe Einblicke in den Facettenreichtum jüdischen Lebens in unterschiedlichen Weltgegenden, betonte Woidke.

dialog Die Filme seien damit ein »riesengroßer Beitrag« zum interkulturellen und interreligiösen Dialog, »um Fremdenhass und Antisemitismus den gefährlichen Nährboden zu entziehen«. »Wir werden alles dafür tun – und haben auch die Pflicht, alles dafür zu tun –, dass sich dieses Festival auch weiter gut entwickelt«, versprach Woidke.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, appellierte vor diesem Hintergrund insbesondere an den Bund, »seine Verantwortung auf diesem Gebiet weiterhin wahrzunehmen«. Dass dem Festival neben seiner kulturellen Vermittlerrolle auch eine zunehmende politische Dimension zukommt, machte Schuster in seinem Grußwort deutlich. »Wenn wir wirksam und nachhaltig den Antisemitismus in allen Facetten bekämpfen wollen, und dazu gehört inzwischen in immer größerem Ausmaß der israelbezogene Antisemitismus, dann müssen wir auch die Herzen gewinnen. Und das gelingt über Bilder, über Filme«, sagte Schuster.

Er verwies in diesem Zusammenhang auf die vielen gesellschaftskritischen Filme aus Israel. »Ich weiß gar nicht genau, was hier in Deutschland los wäre, wenn unsere Kinofilme ebenso gesellschaftskritisch und kritisch gegenüber unserer Regierung wären, wie israelische Filme es in der Regel sind«, sagte Schuster.

happy end So seichte Kost, wie sie häufig in deutschen Komödien zu finden sei, treffe man in israelischen Filmen nicht an. »Sie gehen hart mit gesellschaftlichen Missständen ins Gericht. Sie stellen unbequeme Fragen. Aber – und das ist eben der entscheidende Unterschied zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus – israelische Filme zeichnen sich durch eine Liebe zum Menschen aus. Es sind pro‐menschliche jüdische Filme.« In jüdischen Filmen heute gehe es nicht mit Pseudo‐Konflikten glatt zum Happy End, sondern in ihnen sei von den Abgründen der menschlichen Seele bis zu wahrem Heldentum alles dabei.

Zuschauer haben bis zum 11. Juli an insgesamt 14 Spielstätten in Berlin und Brandenburg Gelegenheit, diese Vielfalt zu erleben. Als besondere Highlights empfahl RBB‐Filmexperte Knut Elstermann, der die Gala gewohnt kenntnisreich moderierte, die Sonderreihe »100 Jahre UFA – Dem Vergessen entrissen«, eine Hommage an den britischen Filmproduzenten Emeric Pressburger – nicht aber, ohne noch einmal den Eröffnungsfilm zu loben: »Der Film wird Sie durchrütteln, er wird Sie zum Lachen bringen und zum Weinen – es ist ein Werk mit einer großen Kraft und einer fantastischen Besetzung.« So endete die Eröffnungsgala, wie sie begann – hoch emotional.

Porträt der Woche

Neuer Glanz für alte Scheiben

Maoz Barda ist Elektroingenieur und verkauft in seinem Laden Schallplatten

von Katrin Diehl  20.02.2019

Berlin

»Die Bedrohung ist real«

Yorai Feinberg über seine Onlinepetition gegen Hassmails, Drohanrufe und psychopathische Antisemiten

von Jérôme Lombard  19.02.2019

Thüringen

Trauer um Wolfgang Nossen

Zum Tod des langjährigen Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde

 17.02.2019