Unterricht

Jüdisches für Elfjährige

Charlyn klettert am Treppengeländer vor der Synagoge Pestalozzistraße herum. So verbringt sie die letzten Minuten Wartezeit, bis der Batmizwa-Unterricht beginnt. »Ich bin nicht so oft in der Synagoge«, meint die Elfjährige. Deshalb finde sie den Unterricht spannend und könne noch viel lernen. Im Gottesdienst mag sie vor allem die Lieder zu Beginn und am Ende. »Ich komme gerne zum Unterricht, auch weil es nicht so streng zugeht.« Doch nun stoppt sie das Klettern, denn die anderen Mädchen trudeln ein. »Du siehst cool aus«, begrüßen sie sich. Obwohl an diesem Tag kurz vor Schawuot bereits Schulferien sind, kommen immerhin fünf von sieben Mädchen.

Bindung Ihre Religionslehrerin Regina Yantian hat sich viel vorgenommen. Sie möchte, dass die Mädchen nicht nur ein religiöses Grundwissen und eine Ahnung von der Bedeutung der Batmizwa bekommen, sondern auch eine Bindung zur Synagoge aufbauen. Deshalb lädt sie die Elfjährigen und ihre Familien regelmäßig zum Kabbalat Schabbat ein. Das Angebot wird so gut angenommen, dass der Kidduschraum der Synagoge mitunter zu klein ist. Alisa, Charlyn, Chiara. Lena und Laura haben sich nun an den Tisch gesetzt. »Kommt ihr am Freitag zum Gottesdienst?«, fragt Regina Yantian. Alle nicken.

Heute soll der Ablauf des Batmizwa-Gottesdienstes genau durchgenommen werden, denn bei den Zwillingen Lena und Laura ist es bald so weit. Dann sind sie zwölf Jahre alt, nach dem jüdischen Religionsgesetz erwachsene Mitglieder der Gemeinde. An diesem besonderen Tag stehen sie im Mittelpunkt. Zuvor gilt es jedoch noch einiges zu lernen. Auf einem Blatt Papier hat die Lehrerin verschiedene Punkte aufgelistet, die sie mit den Mädchen erarbeiten will. Da geht es um den besonderen Ritus der Synagoge Pestalozzistraße, den jüdischen Kalender, die Feiertage, Tora und Tenach sowie die Rechte und Pflichten einer jüdischen Frau.

Aufgabe Regina Yantian hat in Heidelberg, Jerusalem und Berlin Judaistik und Vergleichende Musikwissenschaft studiert. Seit zwölf Jahren ist sie Organistin und Chorleiterin in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Außerdem leitet sie das Synagogal Ensemble Berlin und arbeitet seit sechs Jahren mit dem Shalom Chor Berlin. Mit beiden hat sie zahlreiche Auftritte und Konzerte in Berlin und ganz Deutschland gegeben. »Ich hatte nicht geplant, Lehrerin zu werden, aber jetzt bringt es mir sehr viel Spaß«, sagt die Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Nach dem Ausscheiden der langjährigen Lehrerin Rachel Bendavid-Korsten hatte es seit dem Sommer keinen Batmizwa-Unterricht mehr in der Synagoge Pestalozzistraße gegeben. Im Januar übernahm Yantian diese Aufgabe.

Dafür hat sie ein neues Konzept mit Inhalten und Materialien erstellt. »Das Niveau der Kinder ist recht hoch. Am Vorwissen merkt man, dass etliche die jüdische Grundschule besuchen.« Dennoch, meint die 46-Jährige, hätten sie noch zu wenig Kenntnis der jüdischen Geschichte. Wie lange Juden bereits in Europa leben – das war ihnen nicht klar. Dass es beispielsweise ein goldenes Zeitalter auch für Juden in Spanien gegeben hat, hätte keines vermutet. Sie holt ein Blatt Papier heraus. Zwei Grundrisse von Synagogen sind darauf gezeichnet. Einmal einer mit einem einfach strukturierten Gebetsraum der Synagoge in Worms, und einer, der größer ist, der Grundriss der ehemaligen Synagoge Oranienburger Straße. »Ich möchte den Unterricht so anschaulich wie möglich machen.« Deshalb plant sie auch Ausflüge. Zudem werden Mesusot in einer Keramikwerkstatt hergestellt und Challot selbst gebacken. Und besonders wichtig ist ihr, dass die Kinder lernen, wann, was und warum etwas im Gottesdienst passiert.

Gottesdienst Ganz besonders wichtig ist das für den Freitagabend-Gottesdienst ihrer Batmizwa. »Wo steht ihr, wenn das erste Gebet vorbei ist und das erste Lied gesungen wird?«, fragt sie die Mädchen. »Auf der Seite, wo auch die Kerzen sind«, antworten die Elfjährigen. Lena und Laura dürfen die Kerzen anzünden. »Ihr müsst die Brachot dazu auswendig aufsagen«, fordert die Religionslehrerin. Die Mädchen fangen an zu beten. »Was macht ihr mit euren Händen?« Sie halten sie vor das Gesicht. »Gut«, lobt Regina Yantian.

»Und dann nach dem Abendgebet kommt euer Auftritt«, sagt sie. Alisa schreibt auf ihren Zettel: »Ich ans Mikro. Lieder singen. Dann Vortrag halten, die Rede, die ich mit Regina geschrieben habe.« Anschließend sollen sie an Ort und Stelle stehen bleiben, da sie noch vom Rabbiner und Kantor gesegnet werden und Geschenke vom Vorstand bekommen. »Na hoffentlich geht das alles gut«, sagt Charlyn. »Aber zum Glück haben wir ja noch eine Generalprobe.«

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