Berlin

Jüdische Geschichte fortschreiben – aber wie?

Aus Anlass des 70. Geburtstages von Hermann Simon, dem Gründer und langjährigem Direktor des Centrum Judaicum, haben seine Nachfolgerin Anja Siegemund und die Humboldt-Universität Simons »Lebensleistung auf dem Gebiet der Erforschung und Präsentation jüdischer Lebenswelten« in einer über zwölf Wochen dauernden Ringvorlesung gewürdigt. Thematisch reichten die Veranstaltungen von den »Berliner jüdischen Salons um 1800« bis zur Neuorganisation des Gemeindelebens nach der Schoa. Diese Vorlesungsreihe ging nun mit einem Podiumsgespräch zu Ende.

Auf die Bühne des Centrum Judaicum waren dazu eingeladen die Berliner Schriftstellerin Marion Brasch, die Anthropologin Dani Kranz, die im rheinischen Bergheim ein privates Beratungsunternehmen betreibt, Irit Dekel, die vor einigen Jahren zu »Heimatmuseen in Deutschland und Israel« forschte und nun an der Uni in Jena arbeitet, sowie die amerikanische Historikerin Atina Grossmann, deren Arbeitsschwerpunkt deutsch-jüdische Beziehungen und Geschlechterverhältnisse des 20. Jahrhunderts sind.

Moderation Michael Wildt von der Humboldt-Universität hatte die Moderation übernommen und damit die Aufgabe, diese sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten über das Thema »Woran anknüpfen, was neu definieren? Die Berliner jüdische Geschichte wird weitergeschrieben« miteinander ins Gespräch zu bringen.

So unterschiedlich ihre Professionen, so verschieden waren die Ansätze der Diskutanten.

Der Historiker versuchte den Einstieg mit der Frage nach der »jüdischen Identität« der Diskutanten und erreichte damit eher eine Demonstration der Vielseitigkeit jüdischen Denkens und Fühlens. Marion Brasch begann den Reigen der Antworten mit der Feststellung, dass ihr so etwas wie eine jüdische Identität vollkommen fremd ist. Sei sie doch in der DDR im Haushalt eines kommunistischen Spitzenfunktionärs groß geworden und habe erst im Erwachsenenalter erfahren, dass es für die Emigration ihrer Eltern noch einen anderen Grund als deren antifaschistische Haltung gegeben hatte.

Die Anthropologin Dani Kranz hielt Identitäten grundsätzlich für Konstrukte, Atina Großmann empfahl, die Frage nach der Identität mit Vorsicht zu behandeln, während Irit Dekel darauf verwies, dass es immerhin sehr vielfältige jüdische Identitäten gebe.

Hieran knüpfte wiederum die Gastgeberin Anja Siegemund an, die ebenfalls auf dem Podium Platz genommen hatte. Sie sprach von »Identitätsgemengelagen«, hob die deutsch-jüdische Bindestrichidentität als Kernaussage der Erbauer des Gebäudes in der Oranienburger Straße hervor und stellte gleichzeitig »die oft gebrauchte Dualität ›jüdisch hier – deutsch dort‹« infrage.

anknüpfungspunkte Interessant war der Einstieg in die Diskussion schon deswegen, weil man dem Thema des Abends kaum einen Schritt näher kam. Der Moderator versuchte nun die Frage »Woran anknüpfen?« in den Mittelpunkt zu stellen. Die Historikerin Atina Großmann räumte ein, dass jüdische Geschichte, soweit sie sich in Metropolen abspielte, zunächst tatsächlich in Berlin beheimatet gewesen sei. Heute aber sei das anders, finde sie doch aktuell in Jerusalem, Buenos Aires, in Los Angeles und New York statt. Im Übrigen könne man jüdische Geschichte in Berlin nicht so erzählen, als wäre sie nicht untergegangen.

Welchen Reiz übt Berlin auf viele Juden aus?

Die Anthropologin Dani Kranz sprach von einer »mystischen Zeit« und einer »Melange aus Vergangenheit und Zukunft«. Schließlich stellte sie die provokante Frage: »Ist Berlin als Stadtraum denn so viel anders als andere Städte?« Anja Siegemund erzählte von der zweiten und dritten Generation der Nachkommen Berliner Juden, die heute in die Stadt kommen und sich seit den 70er-Jahren in Grassroots-Initiativen zur Entdeckung jüdischer Spuren im Stadtraum engagieren.

Auch gebe es heute mehr als 200 jüdische Institutionen, Gruppierungen und Initiativen in Berlin, wovon die Gesamtgesellschaft wenig wisse. Dies schien auch den Podiumsgästen nicht bekannt gewesen zu sein. Immerhin steckte hinter dieser Information, dass Juden in Berlin längst eigene Initiativen ergriffen haben, um jüdische Geschichte weiterzuschreiben.

unterschiede Die Museumsfrau Siegemund erklärte etwas ganz anderes zur »Megafrage«, nämlich die Differenz. Es sei zwar gut und wichtig, im christlich-jüdischen Dialog oft die Gemeinsamkeit der monotheistischen Religionen zu betonen, die größere Herausforderung aber sei, auf die Diversität – wie etwa die Speisegesetze und anderes – hinzuweisen, Unterschiede, die die Gesellschaft auszuhalten habe.

Man dürfe diesbezüglich künftig auf einige Projekte des Centrum Judaicum hoffen. So war ihr am Ende ein wenig gelungen, was dem Moderator Michael Wildt den Diskutantinnen zu entlocken nicht vergönnt war, nämlich wie jüdisches Leben sich in Berlin entwickeln kann.

Das Schlusswort hatte der Geehrte selbst. Hermann Simon versprach zu Beginn, einer Empfehlung des ehemaligen Gemeinderabbiners Ernst Stein zu folgen, die da lautete: »Reden Sie über alles, aber nicht über fünf Minuten!« Und in diesen fünf Minuten gestand er, dass erst diese Ringvorlesung ihm wieder ins Gedächtnis gerufen habe, »wie sehr doch jüdische und Berliner Geschichte miteinander verwoben, ja, beide nicht voneinander zu trennen sind«. Er habe alle Vorträge besucht, viele ihm bis dato unbekannte Fakten erfahren.

Berührt habe ihn vor allem das, was Annette Leo zum Thema »1969 – Antisemitische Töne in der Humboldt-Universität« gesagt habe, es betreffe ihn schließlich selbst. Manche der Vorträge seien ihm stärker in Erinnerung geblieben als andere, bekannte er. Die Zeit wird zeigen, zu welcher Kategorie die Podiumsdiskussion am Abschlussabend der Ringvorlesung gehören wird.

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