Köln

Judenhass erkennen

Astrid Messerschmidt von der Universität Wuppertal Foto: Stefan Laurin

Mehr als 3000 Mitgliedsorganisationen zählt der Paritätische Wohlfahrtsverband alleine in Nordrhein‐Westfalen. Das Spektrum der Gruppen, die sich in ihm zusammengeschlossen haben, reicht von alevitischen Gemeinden über den Arbeiter‐Samariter‐Bund bis zu Pro Familia.

Diskurs In Zusammenarbeit unter anderem mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Forschungseinrichtung Forena der FH Düsseldorf, die sich mit Rechtsradikalismus und Neonazismus beschäftigt, hielt das Paritätische Jugendwerk am Montag in Köln die Konferenz zum Thema »Antisemitismus – alte und neue Herausforderungen im Alltag und für die Jugendarbeit« ab. Auch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) war eingeladen.

»Staatsräson schützt
nicht vor Antisemitismus.«

Weit mehr als 100 Besucher nahmen im Horion‐Haus, der zentralen Verwaltung des LVR, an der Konferenz teil, die von Lorenz Bahr, dem Jugenddezernenten des LVR, eröffnet wurde. »Staatsräson schützt nicht vor Antisemitismus«, sagte Bahr. Über die Zuwanderung von Menschen aus dem arabischen Raum gewinne zudem der Nahostkonflikt an Bedeutung und verstärke den Antisemitismus in Deutschland. Die Ächtung des Antisemitismus, sagte Bahr, sei der beste Schutz für die in Deutschland lebenden Juden. »Auch wenn der Antisemitismus keine deutsche Erfindung ist, Auschwitz und die Schoa waren es«, so Bahr.

zusammenhänge Astrid Messerschmidt, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Bergischen Universität Wuppertal, machte klar, dass für sie die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Rassismus besonders wichtig seien. »Wir können nicht über Antisemitismus sprechen, ohne über Rassismus zu reden, der sich gegenüber Migranten verstärkt hat.«

Beides sei als Beziehung zu der Gesellschaft zu verstehen, in der man sich befinde, und sei etwas, mit dem man sich gesellschaftlich auseinandersetzen müsse. »Antisemitismus hat eine lange und eine kürzere Geschichte. Die lange Geschichte ist der religiöse Antijudaismus.« Kürzer sei die Geschichte des modernen Antisemitismus, der eine starke nationale Komponente habe.

»Im modernen Antisemitismus haben wir das Bild der Überlegenheit. Der markierte Andere ist überlegen, das unterscheidet den Antisemitismus vom Rassismus, wo der markierte Andere unterlegen ist.« Der Rassismus sei die Rechtfertigung für den Kolonialismus gewesen und sei ein gesellschaftliches Orientierungsmuster.

Nation Gemeinsam, sagte Messerschmidt, hätten Rassismus und Antisemitismus starke nationale Komponenten. »Beides rekurriert immer wieder auf die Nation als homogener Raum.«

Antisemitismus sei »wahnsinnig flexibel«. Es gebe rechtsradikalen Antisemitismus, antiamerikanischen Antisemitismus und einen Antisemitismus von »Gruppen, die den Islam politisch missbrauchen«. Grundsätzlich seien jedoch alle rechten Gruppen antisemitisch, auch wenn sie sich, wie die AfD, juden‐ und israelfreundlich geben würden.

»Es gibt Parallelen zwischen antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus«, sagte Messerschmidt. Auch der antimuslimische Rassismus sei religionsfeindlich, stelle sich den Muslim als Täter vor und sei migrationsfeindlich. Allerdings erkannte Messerschmidt einen Unterschied. »Der Antisemitismus hat die Idee der Auslöschung der Juden. Das ist ganz anders als bei den Muslimen.«

Michael Szentei‐Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, fragte dann bei Messerschmidt nach, warum sie nicht auf den linken Antisemitismus eingegangen sei. Messerschmidt stimmte zu: »Natürlich gibt es auch einen linken Antisemitismus, der oft globalisierungskritisch und antiamerikanisch daherkommt und sich als Kapitalismuskritik ausgibt.«

»Selbst in der AfD
will niemand Rassist
oder Antisemit sein.«

Sie forderte, dass künftig Gruppen gegen Antisemitismus und Antirassismus stärker zusammenarbeiten. Szentei‐Heise verwies darauf, dass es eine solche Zusammenarbeit bereits gegeben habe. »Bei der Beschneidungsdebatte kamen muslimische Gruppen auf uns zu und suchten unsere Unterstützung. Aber es ist ein Problem, wenn eine Gruppe, die von Rassismus betroffen ist, selbst in ihrer Mehrheit antisemitisch und nicht bereit ist, das, was sie für sich fordert, auch gegenüber Juden zu leisten.«

konsens Saba‐Nur Cheema von der in Frankfurt ansässigen Bildungsstätte Anne Frank berichtete schließlich in ihrem Vortrag von der praktischen Arbeit gegen Antisemitismus. »Es gibt einen breiten Konsens gegen Rassismus und Antisemitismus. Selbst in der AfD will niemand Rassist oder Antisemit sein.« Aber dieser Konsens sei kein Schutz gegen Antisemitismus.

Vor allem in der Arbeit mit Jugendlichen komme es darauf an, Antisemitismus herauszuarbeiten und die Jugendlichen dabei zu unterstützen, ihn zu erkennen. »Wenn Kollegah und Farid Bang über ›Auschwitzinsassen‹ rappen, fällt das leicht. Aber bei anderen Stücken von Kollegah, in denen er antisemitische Verschwörungstheorien in seinen Texten verbreitet, ist das schwieriger, weil es nicht auf den ersten Blick so offensichtlich ist.«

Arte bezeichnete Gaza
kürzlich als »das größte
Gefängnis der Welt«.

Kollegah sei zwar kein Muslim, verorte sich aber in einem muslimischen Milieu. Seine Dokumentation »In Palästina« sei ein Beispiel für einen sekundären Antisemitismus, der sich gegen Israel richte. Und der sei nicht selten. Sie verwies auf einen Twitter‐Post des Fernsehsenders Arte, in dem Gaza kürzlich als »das größte Gefängnis der Welt« bezeichnet wurde. Es sei schwierig, Jugendlichen zu erklären, was antisemitische Taten und Aussagen sind, wenn ein Gericht einen Anschlag auf eine Synagoge in Wuppertal als nicht antisemitisch bezeichnet, weil sich die Täter auf die Politik Israels bezogen hatten.

Ein anderes Beispiel sei der Sänger Xavier Naidoo. »Naidoo beschreibt Deutschland als besetztes Land, singt über die Rothschilds und darf nach einem Urteil nicht Antisemit genannt werden, obwohl es in seinen Stücken ganz klar antisemitische Aussagen gibt. Durch solche Urteile wird es schwierig, Jugendlichen zu erklären, was Antisemitismus ist.«

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