München

»Jude sein muss Spaß machen«

Marcus Schroll hat ein ausgeprägtes Faible für Bücher. Um das zu erkennen, muss man über keine hellseherischen Fähigkeiten verfügen, ein Blick in sein Arbeitszimmer im vierten Stockwerk des Gemeindezentrums genügt. Die vollgestopften Bücherregale ächzen unter einer gefühlten 150-Prozent-Auslastung, auf seinem Schreibtisch und anderen Möbeln mit Ablagemöglichkeiten stapeln sich die Bücher in bedenklicher Schieflage, in vielen stecken zwischen den Seiten grüne Zettel mit handschriftlichen Anmerkungen. Willkommen im Reich des Religionswissenschaftlers und Pädagogen im Dienst der Kultusgemeinde.

In diesem Schuljahr fallen die Sommerferien für Marcus Schroll kürzer als sonst aus. Obwohl die Ferien längst begonnen haben, sitzt er in seinem Arbeitszimmer, telefoniert, organisiert, liest und schreibt. »Es ist noch so viel zu tun«, sagt er ganz unaufgeregt über sein Arbeitspensum – und ist mit dem Kopf bereits im neuen Schuljahr, obwohl das alte kaum zu Ende gegangen ist. Mit der Eröffnung des jüdischen Gymnasiums, das in den ersten beiden Jahren im Gemeindezentrum Platz finden wird, steht auch Schroll vor neuen Aufgaben. Trotzdem will er noch genügend Zeit finden, um mit seiner Familie in den Urlaub zu fahren. »Wohin es geht, wird kurzfristig im Familienrat entschieden«, schmunzelt er.

stationen Pädagogisches Neuland ist der Unterricht auf Gymnasialebene für Marcus Schroll nicht. Zusammen mit Anja Weigand-Hartmann leitet er die Sinai-Schule, wurde vom Kultusministerium als Fachberater für jüdische Religion anerkannt, hat Erfahrungen in der Erwachsenenbildung und vermittelt Schülern im Luitpold-Gymnasium seit vielen Jahren das Judentum. Seine Lehrtätigkeit an der Universität hat er jetzt allerdings aufgeben müssen. »Es geht zeitlich einfach nicht mehr«, sagt er etwas wehmütig.

Unter Zeitdruck stand Marcus Schroll schon in jungen Jahren, als er zwischen seinem Studienort Heidelberg und seiner Heimatstadt Weiden in der Oberpfalz hin- und herpendelte, wo er in der jüdischen Gemeinde eine zentrale Rolle spielte und schon damals Religionsunterricht gab. In den Jahren danach folgten ein zusätzliches Pädagogikstudium und ein Studienaufenthalt in Jerusalem. Den Kontakt zur jüdischen Gemeinde verlor der Lehrer auch dann nicht, als er in Israel studierte. 2002 landete er schließlich bei der IKG in München, wo es für ihn Schritt für Schritt vorwärts ging.

»Jude sein muss Spaß machen«, lautet eine Überzeugung von ihm, die er seinen Schülern vermitteln will. An den schulischen und pädagogischen Voraussetzungen wird die Vermittlung jüdischer Religion Schrolls Worten zufolge nicht scheitern. »Das pädagogische Konzept, das hier in der IKG aufgebaut wurde, ist vorbildlich«, lobt Schroll das Engagement aller Mitarbeiter, besonders aber die weitsichtige und konsequente Handlungsweise von IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die sich mit Vehemenz und Diplomatie auch für das Gymnasium stark gemacht habe und immer die bestmögliche Bildung der Kinder und die Interessen der Schule im Auge habe.

Lehrbuch Der eigenen Beschreibung zufolge verfolgt Marcus Schroll als Pädagoge das Ziel, seinen Schülern die Grundwerte des Judentums in der Form zu vermitteln, dass sie in der Lage sind, sie auch im Alltag umzusetzen und zu leben. Das gelingt ihm in durchaus überzeugender Weise. An dem Schullehrbuch Ethik im Judentum, das Standardwerk im Unterricht, hat Marcus Schroll mitgearbeitet.

»Die Tora mag 3000 Jahre alt sein, aber sie liefert die Antworten auf alle grundsätzlichen Fragen des Zusammenlebens«, ist Schroll überzeugt. Im Unterricht behandelt er deshalb auch Themen wie »Toleranz«, »Umgang mit Mitmenschen« oder »Randgruppen«. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen sei das noch wichtiger als sonst, wie er betont. Thematische Berührungsängste kennt er ohnehin nicht, sie wären in den oberen Jahrgangsstufen des Gymnasiums, wo er ebenfalls unterrichtet, auch nicht angebracht. »Ethische Fragestellungen wie Stammzellenforschung oder Genmanipulation«, weiß Marcus Schroll, »werden heiß diskutiert«.

Bei den IKG-Abiturfeiern steht Marcus Schroll alljährlich jenen Schülern gegenüber, von denen er die meisten seit Beginn ihrer Schulzeit kennt. Erst unterrichtete er sie in der Sinai-Schule, viele von ihnen danach im Luitpold-Gymnasium, das mit der IKG eng kooperiert. Auch mit dem jüdischen Gymnasium wird sich daran zunächst einmal nichts ändern. Bis die erste »hauseigene« Abiturientenklasse gefeiert werden kann, dauert es aber noch etliche Jahre.

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