Porträt der Woche

»Jeder Tag zählt«

Miriam Acoca ist Sozialarbeiterin und leitet das Café Zelig in München

von Katrin Diehl  06.04.2019 23:55 Uhr

»Als wir während der zweiten Intifada in Tel Aviv wohnten, haben wir hautnah die Anschläge miterlebt«: Miriam Acoca (45) aus München Foto: Christian Rudnik

Miriam Acoca ist Sozialarbeiterin und leitet das Café Zelig in München

von Katrin Diehl  06.04.2019 23:55 Uhr

Es ist faszinierend zu beobachten, was sich für Kinder, für jüdische Kinder, die in München groß werden, im Laufe der Zeit so verändert hat. Ich verfolge das und denke darüber nach. Besonders, wenn sich meine drei Kinder zwischen fünf und 15 Jahren aufmachen in die Schule oder den Kindergarten, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählen, ihren Freunden, wenn sie anfangen zu fragen.

»Koffer‐Frage« Dann erinnere ich mich und vergleiche. Wie war das damals bei mir? Wie ist es heute? Und ich muss sagen, ich sehe da viel Positives. Es fühlt sich normaler an, offener, die »Koffer‐Frage« scheint in die Ferne gerückt zu sein.

Ich kam 1973 in München zur Welt. Die jüdische Community war im Vergleich zu der heute natürlich noch wesentlich kleiner. Innerhalb dieser Community gehörte ich zu den wenigen Kindern, die sehr jüdisch aufgewachsen sind. Meinen Eltern war das wichtig. Sie wollten ausdrücklich eine jüdische Erziehung für uns. Natürlich haben wir den Schabbat gehalten, natürlich auch alle jüdischen Feiertage. Natürlich sind wir in den jüdischen Kindergarten und die jüdische Schule gekommen, obwohl die wirklich nicht um die Ecke lagen. Meine Mutter hat uns, meinen Bruder und mich, dorthin immer mit dem Auto gefahren. So etwas war zu dieser Zeit unter den Münchner Juden eigentlich eher unüblich.

Mein Vater erzählte oft beim Abendessen davon, wie er überlebt hatte.

Und noch etwas war bei uns anders. Es gab kein Schweigen. Von Anfang an gab es bei uns kein Schweigen. Schon als Volksschulkind hatte ich auf meine Art und Weise verstanden, dass es die Schoa gab und dass sie sehr viel mit meiner Familie, mit meinem Vater zu tun hat. Mein Vater hat oft davon erzählt, dass er versteckt worden ist. Meistens beim Abendessen. Nicht wirklich lange, nicht wirklich ausführlich. Das waren eher so einzelne schwere Sätze wie: »Ein Tritt konnte den Tod bedeuten.« So etwas bleibt hängen. Ich habe große Traurigkeit gespürt. Ja, die habe ich gespürt.

Aber ich habe auch eine noch größere Dankbarkeit gespürt darüber, dass er überlebt hat, dass er da saß und unser Papa war. Im Fernsehen wurden damals die ersten Dokumentationen über den Holocaust ausgestrahlt. Da haben die Eltern vor uns die Türen verschlossen – was uns Kinder umso neugieriger gemacht hat. Wir haben uns gefragt: »Was ist denn da drin nur los?« Danach haben wir gemerkt, dass die Erwachsenen traurig waren, dass etwas Schweres auf ihnen lastete.

SCHOA Mein Vater wurde 1927 in Polen geboren, in Belcize, einer kleinen Stadt bei Lublin. Er hat mich ziemlich spät bekommen. Meine Mutter ist um einiges jünger. Sie ist in einem DP‐Lager in Bad Reichenhall zur Welt gekommen. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Stuttgart, kam später nach München, wo sie eine Banklehre absolvierte. Da haben sich die zwei dann kennengelernt. Mein Vater war nach dem Krieg auf der Suche nach einer Frau. Eigentlich wollte er weiter nach Amerika, hat aber dann in München angefangen, Geschäfte zu machen, auch um seinen älteren Bruder, der schon in Israel gelebt hat und dem es nicht so gut ging, zumindest finanziell unter die Arme zu greifen. Und dann waren wir eben bald eine Münchner jüdische Familie.

Mit dem Besuch des Gymnasiums – ein jüdisches gab es damals in München noch nicht – bin ich in die nichtjüdische Welt eingetreten, obwohl ich natürlich auch schon in unserem Hinterhof beim Spielen meine christlichen und muslimisch‐türkischen Freunde hatte und wir wirklich eng waren. In der Schule war das aber etwas anderes und auch nicht so einfach. Irgendwann kam im Unterricht Israel dran, und ein Lehrer machte mir und einer syrischen Mitschülerin den Vorschlag, vor der Klasse über den Nahostkonflikt zu diskutieren.

Im Unterricht sollte ich mit einer syrischen Mitschülerin über den Nahostkonflikt diskutieren. Das konnte nur schiefgehen.

Das war vielleicht gut gemeint, aber eigentlich konnte es nur schiefgehen. Das syrische Mädchen hatte sich zur Verstärkung seinen Vater mitgebracht. Und ich? Ich bin ins Jugendzentrum gegangen und habe mir Awi Blumenfeld geholt! Der war in der Diskussion allen Beteiligten dermaßen überlegen, dass das syrische Mädchen weinend aus dem Klassenzimmer gerannt ist. Ein schrecklicher Moment, den ich nicht vergesse.

Später sollte ich auch noch von meinem Vater als Schoa‐Überlebendem erzählen. Ich hatte mich darauf wirklich sehr aufwendig vorbereitet. Aber auch das ging daneben. Meine Mitschüler haben sich irgendwie durch das, was ich erzählt habe, in die Enge getrieben gefühlt. Vielleicht war ich zu engagiert. Vielleicht habe ich zu anschaulich erzählt. Ab da hingen mir gegenüber immer so Fragen in der Luft wie: »Was willst du eigentlich von uns, was erzählst du uns so schreckliche Sachen, sollen wir uns jetzt schuldig fühlen, sollen wir jetzt unsere Großeltern ausfragen?«

Ich begann, mich in der Schule zurückzuziehen. In der Abi‐Zeitung stand dann über mich: »Also, die Miriam denkt, wenn man sich nicht täglich an den Holocaust erinnert, ist man ein Neonazi.« Nach der Schule bin ich einfach so schnell wie möglich nach Israel aufgebrochen. Überhaupt gingen damals alle, die jüdisch waren und mit mir Abitur gemacht haben, danach nach England, Amerika oder Israel. Für mich war es Israel.

ISRAEL Ich hatte da ja auch viel Verwandtschaft, war schon immer in der ZJD, bin auf die ZWST‐Machanot gefahren, wo ich meine glücklichsten Momente als Kind und Jugendliche erlebt habe und wo es damals noch diese unendlichen Diskussionen gegeben hat zu Themen wie: »Wer bist du eigentlich, bist du ein Jude in Deutschland oder ein deutscher Jude?«. Etwa 100 Antworten gab es auf solche Fragen.

Meine Mutter hatte mich in Israel zum Hebräischlernen in diese Mechinat Olim gesteckt. Später habe ich mich, was die Interessensrichtung anbelangt, sehr schnell in Richtung Soziales bewegt, schließlich in Tel Aviv an der Uni Sozialarbeit studiert. Tja, und im Studentenheim habe ich dann meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er wurde zwar in Israel geboren, seine marokkanischstämmige Familie ist aber, als er zehn Jahre alt war, nach Kanada ausgewandert. Fürs Studium und das Militär kam er nach Israel zurück. Vielleicht nicht ohne Hintergedanken. Vielleicht hoffte die Familie, dass der Sohn in Eretz jemanden Nettes kennenlernen würde. Hat ja auch geklappt. Kurz: Wir haben in Israel geheiratet, und zwar mit allem Drum und Dran. An die 350 Leute sind gekommen. Wir waren ja beide die Erstgeborenen. Für mich gab es diese Henna‐Zeremonie und auch Bauchtanz.

Der Treff für die Schoa‐Überlebenden ist für die ganze Community wichtig.

Und dann, nach acht Jahren, haben wir beschlossen, wieder nach München zurückzukehren. Die stapelweisen Briefe meiner Freundinnen und Freunde aus Deutschland haben irgendwann einfach nicht mehr ausgereicht, um mich über mein Heimweh hinwegzuretten. Außerdem haben mein Mann und ich festgestellt, dass wir mit dem israelischen Leben nicht wirklich zurechtkamen. Vielleicht waren wir zu ängstlich dafür, sehnten uns nach einem ruhigen Alltag. Als wir dort lebten, war ja gerade die zweite Intifada, und wir waren in unserer Tel Aviver Wohnung hautnah dran an den Anschlägen, haben sie sozusagen »live« miterlebt.

Sozialpädagogik Wieder zurück in München, war meine erste Arbeitsstelle in Deutschland eine in der Gemeinde. Das lag einfach nahe. Im Jugendzentrum habe ich als Sozialpädagogin gearbeitet, half beim Aufbau der Erziehungsberatungsstelle mit, die heute ziemlich gut dasteht. Außerdem habe ich mich um Freizeitaktivitäten für die vielen Kontingentflüchtlinge gekümmert.

Irgendwann habe ich mich dann als Diplomsozialarbeiterin – mein israelischer Abschluss wurde in Deutschland anerkannt – auf dem nichtjüdischen Markt umgesehen. In Israel hatte ich ja bereits Erfahrungen in einem therapeutischen Jugendwohnheim für verhaltensauffällige Jugendliche gesammelt. Das war höchst intensiv. Hier in München bin ich dann in einem Brennpunktviertel in die Schulsozialarbeit und die Suchtprävention eingestiegen. Und seit Kurzem ist die Arbeiterwohlfahrt meine Arbeitgeberin.

TREFF Und noch etwas ist mir sehr wichtig. Das Café Zelig nämlich, für das ich als Sozialarbeiterin zuständig bin. Das Café ist ein wöchentlicher Treff für Holocaust‐Überlebende, der von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, der IKG München und der B’nai-B’rith-Loge unterstützt wird. Auch mein Papa sitzt da immer zusammen mit den anderen an einem der schön eingedeckten Tische. Und obwohl er eigentlich nicht so gesprächig ist, redet er in dieser Runde immer mehr über das, was er erlebt hat.

Das Café Zelig ist wichtig für diese alten Menschen, aber nicht nur für sie. Für die ganze Community ist es wichtig. Und ich kann gar nicht aufhören, darum zu bitten, uns Geld zu spenden. Damit es weitergehen kann mit den kleinen Freuden für die letzten Überlebenden, für die jeder Tag zählt.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

Pessach

Post aus Ludwigsfelde

In diesem Jahr verschickt der Zentralrat 1000 Pakete an Schüler und Studenten. Eine Reportage

von Heide Sobotka  18.04.2019

Jubiläum

Ein offenes Haus

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern wird 25 Jahre alt

von Axel Seitz  18.04.2019

Köln

Die Stadt zu Gast

Betroffenheit über steigenden Antisemitismus überschattet den Jahresempfang der Gemeinde

von Constantin und Ulrike von Hoensbroech  18.04.2019