9. November

»Jeder hatte einen Namen«

Es war eine jener unsäglichen Hetzreden, die Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels am 9. November 1938 im Saal des Alten Rathauses hielt. Die unmittelbare Folge waren die Novemberpogrome, der Beginn des Holocaust, die Entrechtung, Deportation und Ermordung der Juden. 79 Jahre später, am vergangenen Donnerstag, gedachte München an dem historischen Ort den Opfern des Wahnsinns.

Die öffentliche Namenslesung zuvor am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße war in diesem Jahr den Künstlern gewidmet, die in München gelebt hatten und der Verfolgung durch die Nazis zum Opfer fielen. Diesem Dienst der Erinnerung stellten sich Kulturreferent Hans-Georg Küppers, Petra Reiter, die Gattin des Oberbürgermeisters, und die Kabarettistin Luise Kinseher.

Zeichen Mit ihrer Beteiligung an der Namenslesung setzten auch viele prominente Münchner ein sichtbares Zeichen: Mario Adorf, Volker Banfield, Dieter Borchmeyer, Nikolaus Brass, Sibylle Canonica, Dieter Dorn, Doris Dörrie, Dietrich Fink, Jens Malte Fischer, Christian Gerhaher, Peter Michael Hamel, Peter Hamm, Gert Heidenreich, Franz Hitzler, Stefan Hunstein, Caroline Link, Andreas Meck, Waltraud Meier, Thomas Meinecke, Sunnyi Melles, Albert Ostermaier, Georg M. Oswald, Hans Pleschinski, Bettina Reitz, Tobias Schneid, Michael Semff, Bernhard Sinkel, Kerstin Specht, Michael Verhoeven, Anne Sofie von Otter und Armin Zweite.

Die zentrale Gedenkfeier fand am Abend im Alten Rathaus statt. Während der in wenigen Monaten aus dem Amt scheidende Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums, Winfried Nerdinger, zum Thema »Bedeutung und Formen der Erinnerung« referierte, gingen Oberbürgermeister Dieter Reiter und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch auch auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation ein, insbesondere auf das Erstarken der rechtsradikalen Kräfte in Deutschland und die Zunahme von Antisemitismus aus unterschiedlichen Richtungen und auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Oberbürgermeister Dieter Reiter erinnerte zunächst daran, dass damals während der Novemberpogrome Proteste seitens der nichtjüdischen Bevölkerung so gut wie ausgeblieben seien. »Die meisten haben einfach zugeschaut, bisweilen in die Hetzgesänge der Ausführenden mit eingestimmt oder sich im schlimmsten Fall sogar aktiv an den Zerstörungen und Brandschatzungen beteiligt«, sagte Reiter. Seinen Worten zufolge gilt dies auch für die damalige Münchner Stadtverwaltung als »willfährigen Handlanger und eigenständigen Akteur«. Auch daraus wachse die dauerhafte Verpflichtung gegenüber den Opfern, das viel beschworene »Nie wieder!« zum Maßstab praktischen Handelns zu machen.

»Israelkritik« Ebenso wie Oberbürgermeister Reiter äußerte auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch ihre große Besorgnis über den anwachsenden Antisemitismus, der im Zuge der rechtspopulistischen und rechtsextremen Renaissance wuchere. Den Einzug der AfD in den Bundestag bezeichnete sie in diesem Zusammenhang als »eine Zäsur«. Darüber hinaus gebe es aber auch in Teilen des linken politischen Spektrums antisemitische Motive, die unter dem Schlagwort »Israelkritik« verbreitet und verfestigt oder als Imperialismus- und Kapitalismuskritik getarnt würden. Hinzu komme weiterhin der Judenhass unter vielen Muslimen.

Nach Überzeugung von Charlotte Knobloch gebe es für die, die offenen und verdeckten Antisemitismus verurteilen würden, auch keine Alternative, als klar gegen die antisemitische Kampagne »Boycott, Divestment and Sanctions« (BDS) Stellung zu beziehen. Sie brachte dabei auch ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass der von der CSU und der SPD getragene Vorstoß »Gegen jeden Antisemitismus – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung« eine breite Zustimmung im Stadtrat finden und damit ein bundesweites Zeichen gesetzt werde.

»Dieser Antrag«, sagte Charlotte Knobloch, »ist von größter Wichtigkeit.« Sie appellierte in diesem Zusammenhang an die Wachsamkeit der Bürger und erklärte: »Unsere Demokratie darf nicht ihre innere Kraft verlieren. Sie lebt von Zivilcourage und der Unterstützung jeder einzelnen Bürgerin, jedes einzelnen Bürgers. Lassen Sie uns keine Zeit verlieren.«

Erinnerungskultur Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums, erinnerte in seinem Vortrag an die jahrelange Verdrängung der NS-Zeit in der jungen Bundesrepublik. Erst die Nachfolgegeneration habe das Schweigen mit einer intensiven Erinnerungskultur durchbrochen. Er warnte in seiner Rede indes davor, die Emotionalisierung und Inszenierung beim Umgang mit dem Nationalsozialismus in den Fokus zu stellen, um der Wahrheit näherzurücken.

»Lernen sollte man aus der rationalen, kritisch distanzierten Auseinandersetzung mit den Tätern«, erklärte Nerdinger. Den aktuell wiedererwachenden Nationalismus betrachte er als die größte Gefahr für die »Wiederkehr der Barbarei«. Deshalb, so seine Schlussfolgerung, seien Orte wie das NS-Dokumentationszentrum auch so wichtig.

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