München

Integration statt Ausgrenzung

Diskutierten über jüdische Geschichte: Deidre Berger und Michael L. Miller Foto: Marina Maisel

Neuanfang und Affidavit in der »Goldenen Medine« Amerika, Care-Paket und Reeducation für Deutschland nach 1945 sind Begriffe, die aus jüdischer Sicht mit den USA assoziiert werden.
In einer von Mirjam Zadoff, der Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, moderierten Runde versuchten drei gebürtige Amerikaner, einem gebannt lauschenden Publikum im Jüdischen Gemeindezentrum die rund 250-jährige jüdische Erfolgsgeschichte in den USA nahezubringen, die durch rassistische und antisemitische Ausbrüche wie in Charlottesville im August 2017 und in Pittsburgh im Oktober 2018 nicht den ersten, jedoch einen sehr massiven Dämpfer erlitt. Zadoff, die seit 2014 für knapp vier Jahre eine Professur an der Indiana University in Bloomington innehatte, gab zu Beginn des Abends einige grundlegende Informationen zum Thema.

Mehr als zwei Millionen Juden hatten in dem Bestreben, Verfolgung, Armut und Perspektivlosigkeit hinter sich zu lassen, das alte Europa verlassen. Auch wenn sie vom Regen in die Traufe kamen, bezeugten ihre Briefe in die alte Heimat dies kaum. Dass sie nicht wirklich willkommen waren, belegt eine in den 20er-Jahren eingeführte Einwanderungsquote, die nicht einmal nach der Konferenz von Évian 1938 aufgegeben wurde. Und doch haben sich die USA zum weltweit zweitgrößten Zentrum für jüdisches Leben entwickelt.

biografien Ob und wie sich das in den Biografien der Diskutierenden widerspiegelt, wollte Mirjam Zadoff an diesem Abend wissen. Deidre Bergers Großeltern begegneten einander nach der Emigration, obwohl sie in Russland nur 150 Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen waren. In ihrer Familie lag – wie bei vielen – der »Fokus auf schneller Integration«. Dazu gehörte vorrangig das Erlernen der neuen Sprache.

Berger, seit 2000 Direktorin des American Jewish Committee in Berlin, konstatierte neben wachsender Säkularisierung und wohltätigem Engagement auch ein politisches Streben, gleichgültig ob in der Friedens- beziehungsweise Bürgerrechtsbewegung oder in den Beziehungen zu Minderheiten.

identität Deborah Feldman wuchs in Williamsburg in einem ultraorthodoxen Milieu auf, das Amerika nicht als das gelobte Land begriff: Immerhin bot es »die Freiheit, sich zurückzuziehen«. Die Vielfalt entdeckte sie erst mit 21 Jahren auf dem College. Im Gegensatz zu den USA haben ihrer Meinung nach Debatten über Identität in Europa etwas Gequältes.

Für Deidre Berger nicht weiter verwunderlich, denn ihrer Meinung nach ist es etwas ganz anderes, auf einem Kontinent aufzuwachsen, in dem zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung ermordet wurden. Allerdings sei auch in den USA nicht alles zum Besten gewesen, denn bis in die 50er-Jahre bremsten Quoten Juden hier vielfach aus.

Aktuell macht Michael L. Miller eine derartige Erfahrung. Seit 2000 lehrt er an der von George Soros geförderten Central European University in Budapest. Nach seiner Gastprofessur am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur in München kehrt er dorthin zurück – um seine Koffer zu packen.

Die Regierung Orbán hat das Ende der Universität beschlossen. Miller, der in Poughkeepsie nördlich von Manhattan aufwuchs, bezeichnet sich selbst humorvoll als »Landjuden«. Jüdisch sein war in seiner Heimatstadt »etwas Selbstverständliches«.

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