Louis Lewandowski

In Synagoge und Rathaus

Abschluss des Festivals mit allen Chören beim Konzert in der Synagoge Rykestraße Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Das habe es noch nie im Roten Rathaus gegeben, dass ein ganzes Sinfonieorchester kommt und spielt, sagte Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister zu Berlin. Doch das Louis‐Lewandowski‐Festival, dessen Schirmherr er ist, macht es möglich.

Müller eröffnete am Mittwochabend vorvergangener Woche das »Pre‐Opening Konzert«. Er war am Ende so begeistert von der Musik, den Musikern und der Stimmung, dass er gemeinsam mit der Zeitzeugin und Ehrenbürgerin Berlins, Margot Friedländer, Festivaldirektor Nils Busch‐Petersen und dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), im Takt mitwippte und später sogar verhalten tanzte.

Nach dem Konzert, als das Publikum den Saal schon verlassen hatte und nur noch ein paar wenige Zuschauer zurückgeblieben waren und sich unterhielten, legte Müller Busch‐Petersen ans Herz: »Das Festival ist so großartig, das müssen Sie weiterführen.«

WUNSCH Bereits in seiner Eröffnungsrede hatte der Regierende Bürgermeister auf die Bedeutung des Synagogalmusik‐Festivals für Berlin hingewiesen. Es sei »etwas Besonderes, das Festival zum achten Mal auf die Beine zu stellen«. Es sei aber auch ein besonderes Jahr – 80 Jahre nach den Novemberpogromen und 70 Jahre nach der Gründung des Staates Israel.

»Diese Daten muss man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen«, sagte Müller. Es sei ein wunderbares Geschenk, dass »das Judentum wieder zu uns gehört«. Gemeinsam solle sich jeder überall gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen. »Wir wünschen uns ein friedliches Zusammenleben«, betonte Müller.

Das Blatt Papier mit dem Stück
fand er in einer »Schmutzkiste«
bei Enkelkindern des
Kantors Joseph Rosenblatt (1822–1933).

Lobende Worte fand der Regierende Bürgermeister für die selbstkritische Auseinandersetzung des Handelsverbandes Berlin‐Brandenburg mit seiner Geschichte. Seit Jahren engagiert sich der Verband für eine Erinnerungskultur auch und gerade im Einzelhandel. Nils Busch‐Petersen, der auch Hauptgeschäftsführer des Verbandes ist, wird nicht müde, weiter zu recherchieren und die Ergebnisse in der Reihe »Jüdische Miniaturen« zu publizieren, zuletzt über die Warenhausgründer Oscar Tietz und Adolf Jandorf (KaDeWe).

ERFINDER »1933 waren weniger als ein Prozent der Einwohner Juden, aber 25 Prozent aller Einzelhändler und rund 75 Prozent aller Kauf‐ und Warenhausbesitzer waren jüdische Kaufleute«, sagt Busch‐Petersen. Derzeit arbeitet der Verbandsgeschäftsführer an der Biografie von Heinrich Grünfeld, der den nationalen Handelsverband ins Leben gerufen hat und als Erfinder des Wortes Einzelhandel gelten dürfte.

Auch eine Urenkelin von Oskar Tietz besuchte das Konzert – um Kantor Joseph Malovany aus New York zu hören, der normalerweise in der Synagoge an der Fifth Avenue amtiert. »Im Januar trafen Joseph und ich uns in den USA bei einem koffeinhaltigen Getränk – er trinkt immer Cola light – und spannen herum, was wir einmal machen könnten«, sagte Busch‐Petersen. Das sei nun elf Monate her, und im Dezember folgte der Kantor, der unter anderem auch als Professor für Liturgische Musik an der New Yorker Yeshiva‐Universität und an der Moskauer Schule für Jüdische Musik unterrichtet, der Einladung Busch‐Petersens nach Berlin zum Louis‐Lewandowski‐Festival.

Im Mittelpunkt standen
Komponisten, die nach Israel
auswanderten oder
dort geboren wurden.

Wie so viele Veranstaltungen im vergangenen Jahr stand das Festival im Zeichen von 70 Jahren Israel und widmete sich unter dem Titel »Stern der Hoffnung« Israels vielfältiger Chormusik‐Landschaft von den Anfängen des modernen Staates bis heute. Im Mittelpunkt standen Komponisten, die nach Israel auswanderten oder dort geboren wurden. Eingeladen waren drei israelische Ensembles – der Adi Classical Young Choir, das Cecilia Ensemble und das Ensemble Barocameri –, ein Chor aus Moskau, ein Saxofonquartett, das Sinfonieorchester Czernowitz und das Synagogal Ensemble Berlin. Der Jugendchor der Synagoge Pestalozzistraße fehlte diesmal. »Leider, wegen der Ferien«, sagte Regina Yantian, Künstlerische Leiterin des Festivals.

CHARISMA »Ich habe lange gewartet, bis ich mich entschieden habe, in Berlin ein Konzert zu geben«, erzählte Kantor Joseph Malovany dem Publikum. Hinter ihm stand der Chor, dahinter saß das Sinfonieorchester Czernowitz. Dann verständigte er sich mit einem Blick mit dem Dirigenten Alexander Tsaliuk und stimmte mit seiner durchdringenden klaren Stimme die Gebetsmelodie »Ba‐avur David« an.

Vor dem Kantor stand ein Pult mit Notenblättern, die Malovany vor jedem neuen Stück sortierte – aber eigentlich dann keines Blickes mehr würdigte. Denn er brauchte weder Text noch Noten. Sein Bühnencharisma und sein Wissen taten ihr Übriges.

»HaBen Yakir Li Ephrayim« – dieses Stück habe er, niedergeschrieben auf einem Blatt Papier, in einer »Schmutzkiste« bei Enkelkindern des Kantors Joseph Rosenblatt (1822–1933) gefunden. Er hat es dann arrangiert. »Bitte singen Sie es jetzt beim zweiten Mal mit, wenn Sie es können. Und wenn Sie es nicht können – dann bitte auch«, forderte er das Publikum auf. Die Lacher hatte er auf seiner Seite.

Damit kündigte er auch schon ein weiteres Highlight des Festivals an, nämlich »Louis’ LAB«, eine Art Experimentierprojekt in den Reinbeckhallen in Oberschöneweide, bei dem das Publikum mit den Festivalchören zusammen singt. Das erfreut sich seit Jahren immer sehr großer Beliebtheit, auch weil der Rahmen eher unkonventionell ist.

WALZERTAKT Der erste Konzertteil im Roten Rathaus war a cappella gesungen, zusammen mit der Moscow Male Jewish Cappella, dem einzigen professionellen jüdischen Männerchor in Russland, der vor knapp 30 Jahren von dem Kantor mit Unterstützung des damaligen Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, gegründet worden ist. Heute ringt der Chor um seine Existenz, denn finanziell stehe er schlecht da, erwähnte Nils Busch‐Petersen.

Beim »Louis’ LAB«
in Oberschöneweide
sang das Publikum mit den
Festivalchören zusammen.

Das Orchester begleitete Kantor und Chor zuverlässig bei mehreren Stücken im zweiten Teil. Den Abschluss des Pre‐Opening‐Konzerts bildete das Stück »Sim Shalom« in der Fassung von Abraham Nadel – laut Malovany »eine wunderbare Melodie im Walzertakt«. Klar, dass beim zweiten Mal mitgeklatscht, -geschunkelt, -getanzt und -gesungen werden sollte. Das Publikum war begeistert und spendete minutenlangen Applaus.

Im Publikum saß auch Anna Segal, eine 42‐jährige Komponistin aus Israel, deren Vertonung der »Todesfuge« von Paul Celan einen Tag später beim offiziellen Eröffnungskonzert der Potsdamer Nikolaikirche uraufgeführt wurde – Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, der ebenfalls beim Pre‐Opening‐Konzert zu Gast war, hatte das Festival in diesem Jahr erstmals nach Brandenburg eingeladen.

Der Kantor sang frei –
er brauchte
weder Text noch Noten.

IDEE Segal fand das Konzert im Roten Rathaus so inspirierend, dass ihr spontan die Idee kam, die gerade gehörten Werke neu zu vertonen und sie so einer jüngeren Generation zugänglicher zu machen.

Sie hatte vor Festivalbeginn kaum Gelegenheit, sich Berlin anzusehen, denn sie war fast ausschließlich mit Proben beschäftigt. Musikalisch erinnere sie die »Todesfuge« an die Musik von Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch, zusätzlich habe sie jüdische Elemente eingearbeitet, berichtete Segal.

Ihrer Großmutter Frida, einer Schoa‐Überlebenden aus der Ukraine, hatte die Komponistin das Stück noch vorgespielt – und sie damit zu Tränen gerührt. »Man kann sich der Emotionalität, die diese Musik auslöst, nicht entziehen«, lobte Dirigent Mark Wolloch die Komposition.

Direktor Nils Busch‐Petersen zeigte sich nach dem fünftägigen Festival sehr zufrieden. Die Konzerte waren gut besucht, das Abschlusskonzert am 23. Dezember in der Synagoge Rykestraße war bereits seit Langem ausverkauft.

Dabei kommt das Festival ohne öffentliche Gelder aus und ist nur dank Sponsoren möglich – deren Liste wächst von Jahr zu Jahr. Der Termin für dieses Jahr steht auch schon fest: Das nächste Louis‐Lewandowski‐Festival wird vom 19. bis 22. Dezember stattfinden – in Berlin und Brandenburg.

 

 

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