Zweite Generation

In Hamburg zu Hause

Den Überfall auf Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und Eliezer Noe vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde vor dem Hamburger Rathaus hat David Kass nicht erleben müssen. Der Engländer ist einer von 38 »Ehemaligen Hamburgern«, die der Senat in die Hansestadt eingeladen hat – mit dem Senatsfrühstück mit Bürgermeister Peter Tschentscher im Kaisersaal des Rathauses als Höhepunkt.

Als Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und Eliezer Noe das Rathaus verließen, bespuckte und bepöbelte sie ein 45‐jähriger Marokkaner. Der Mann soll psychisch krank sein und wurde nach zwei Stunden Verhör auf dem Polizeirevier wieder entlassen, was viele Hamburger empörte.

Kindertransport David Kass ist Gast der zweiten Generation der »Ehemaligen Hamburger«. Seine Mutter, die in der Dillstraße 15 lebte, starb 2006 in London. Dorthin war sie 1939 mit einem der letzten Kindertransporte von Hamburg nach Großbritannien vor dem Rassenwahn der NS‐Herrschaft in Sicherheit gebracht worden. »Meine Mutter konnte nie über die Zeit der Verfolgung hier in Deutschland mit uns Kindern sprechen«, sagt David Kass, der 1949 in London geboren wurde.

Frieda Meyer ging auf die Israelitische Töchterschule im Grindelviertel.

Seine Mutter war Frieda Meyer, sie war 17 Jahre alt, als sie Hamburg im letzten Moment verlassen konnte. Sie war eines der rund 600 jüdischen Kinder, die die Israelitische Töchterschule im Grindelviertel besuchten. 80 Jahre später steht ihr 70‐jähriger Sohn David in der Schule seiner Mutter. Er sieht die Schulbänke, in denen sie gesessen hat, geht durch die Flure, durch die sie gelaufen ist. »Ich frage mich heute, was sie fühlte, als SS‐Männer die Schule stürmten, die Lehrer schlugen, brutal aus der Schule trieben und die 600 schockierten Schülerinnen einfach zurückließen«, sagt David Kass.

Seine Mutter besuchte Hamburg 1982 gemeinsam mit seiner Schwester Shirley, und sie gingen ebenfalls in ihre ehemalige Schule: »Dort habe ich gelernt«, soll sie zu ihrer Tochter Shirley gesagt haben. Das war eines der wenigen Male, in denen sie von ihrer Jugend in Hamburg vor der Schoa erzählte. »Es war sehr schwer für sie, über diese Zeit zu sprechen, in der sie ein Trauma nach dem anderen erleben musste«, sagt der Sohn heute.

Friedhof David Kass besuchte Hamburg 1984 zum ersten Mal. Für zweieinhalb Stunden. Er wollte das Grab seines Großvaters Benjamin Meyer, der kurz vor Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939 starb, auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg‐Langenfelde sehen.

»Ich wollte wissen, wo die Familie meiner Mutter, meine Familie, hier in Hamburg gelebt hat«, sagt David Kass.

Sein Onkel Salomon Meyer, der älteste Bruder seiner Mutter, begleitete ihn. Er war 1934 nach Belgien geflohen und konnte sich dort verstecken. Der Onkel wollte nicht in Deutschland übernachten. Sie flogen von Amsterdam nach Hamburg, fuhren per Taxi zum Friedhof und flogen sofort wieder zurück.

Seine Mutter Frieda Meyer hatte Glück, denn sie gehörte zu den Hamburger Kindern, für die der britische Rabbiner Solomon Schonfeld bürgte, zahlte und ihnen eine Bleibe verschaffte, damit Großbritannien sie aufnahm. Schonfeld wurde 2013 postum als »British Hero of the Holocaust« geehrt.

Die Kinder sollten den englischen Staat nichts kosten. »Viele Kinder mussten schwer arbeiten«, weiß David Kass. Seine Mutter wurde von ihrer damals 23‐jährigen Schwester Hildegard empfangen, die ein Jahr vorher nach England fliehen konnte.

Die Schwester holte sie unter dem Vorwand, mit ihr Kaffee trinken zu wollen, aus dem Ankunftslager heraus – und brachte sie nicht wieder zurück. Frieda Meyer wurde Hausmädchen bei der Familie in Wales, bei der auch ihre Schwester angestellt war. Sie arbeitete in einer englischen Munitionsfabrik, dann bei der Familie eines Diamantenhändlers in London.

Hauslehrer »Dort lernte sie 1947 meinen Vater kennen«, sagt David Kass. Sein Vater kam aus Litauen nach London, um Medizin zu studieren, war Hauslehrer bei der Familie, und Frieda Meyer servierte ihm den Kaffee. 1948 heiratete das Paar, 1949 kam Sohn David zur Welt, dann sein Bruder Benjamin und seine Schwester Shirley. Sie wuchsen ganz normal in London auf, eine gut situierte, bürgerliche Familie. Mit dem Trauma der Schoa. »Meine Mutter hatte nur uns als Familie und ihre Schwester Hildegard, obwohl sie die jüngste von sieben Geschwistern war, doch es gab keine weiteren Geschwister in London, keine Cousinen, keine Cousins«, erzählt Kass traurig.

Theresa Meyer überlebte Auschwitz und starb beim Schiffsunglück an Bord der »Patria« vor Haifa.

Der älteste Bruder war Salomon Meyer, der 1934 nach Belgien floh und nach dem Krieg ein Geschäft in Amsterdam führte. Die Schwester Richa konnte 1934 ebenso nach Haifa fliehen wie die Brüder Max 1935 und Behrend Meyer 1944. Ihre Schwester Theresa Meyer entkam der Deportation durch die Nazis nicht. Die NS‐Schergen verschleppten sie vom Hamburger Bahnhof Logenplatz ins KZ Auschwitz. Sie überlebte das Todeslager und schiffte sich durch Vermittlung der Hagana in Marseille an Bord der »Patria« ein. Das Schiff aber explodierte im Hafen von Haifa. Richa musste mit ansehen, wie ihre von Auschwitz geschwächte Schwester im Mittelmeer ertrank.

stolperstein David Kass’ Großmutter mütterlicherseits Hannah Meyer wurde 1943 als 57‐Jährige vom Hamburger Logenplatz ins KZ Theresienstadt deportiert und kam dort um. Für sie will er vor dem Hamburger Haus der Familie in der Dillstraße 15 einen Stolperstein verlegen.

»Ich wollte wissen, wo die Familie meiner Mutter, meine Familie, hier in Hamburg gelebt hat, wo mein Großvater begraben liegt. Ich will verstehen, was geschehen ist, aber das unendliche Leid, das sie erfahren mussten, die täglichen Schikanen des NS‐Terrors, das Leid ist unermesslich«, sagt David Kass. »Ich habe die KZ‐Gedenkstätte Neuengamme nicht besucht, obwohl sie auf dem Besuchsprogramm stand, ich trage das Leid in mir, und es trifft mich immer wieder, wenn ich davon höre.« Seine Frau Shoina Kass‐Velenski besuchte hingegen die KZ‐Gedenkstätte ebenso wie die in Auschwitz.

Gleichwohl ist er der Hansestadt Hamburg dankbar für die »wunderbare Arbeit«. Zuerst habe er sehr gemischte Gefühle bei seinem jetzigen Besuch gehabt. »Aber ich habe die Stadt in diesen Tagen immer positiver erlebt, zumal ich hier mit der Kippa herumlaufen konnte, ohne attackiert zu werden.« Das war wenige Stunden, bevor Hamburgs Landesrabbiner vor dem Rathaus bespuckt und angepöbelt wurde.

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