Geburtstag

»Ich habe noch viele Träume«

Lebenswerk: Mit dem Jüdischen Zentrum Jakobsplatz hat Charlotte Knobloch nachhaltig das Leben Münchens mitgeprägt. Foto: Astrid Schmidthuber

Am 29. Oktober hat Charlotte Knobloch ihren 80. Geburtstag gefeiert, vor allem mit ihrer Familie. Beglückwünscht wurde sie von zahlreichen Gratulanten. Familie ist ihr wichtig – hat sie diese als Kind doch lange vermissen müssen. An ihrem zehnten Geburtstag hatte sie sich besonders einsam gefühlt.

Denn es war das erste Mal, dass nicht einmal ihr Vater Fritz Neuland sel. A. bei ihr war. Auf einem fränkischen Bauernhof, auf dem dieser sie als vorgeblich uneheliches Kind einer früheren Hausangestellten vor dem Zugriff der Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht hatte, feierte sie keiner. Und mit keinem Menschen konnte das kleine Mädchen über seine Einsamkeit, seinen Schmerz und seine Verzweiflung sprechen. So suchte sie Trost bei ihrer kleinen getigerten Katze Mucki.

koffer Das Versteckspiel dauerte an. Es folgten weitere einsame Geburtstage, bis ihr Vater sie schließlich 1945 nach München zurückholen konnte. Er war jetzt ihr einziger Halt. Das Mädchen absolvierte die Riemerschmid-Handelsschule, arbeitete dann in der väterlichen Kanzlei. Bald lernte sie Samuel Knobloch kennen und lieben. Die beiden heirateten, wollten in die USA ausreisen. Das stand schon einmal auf dem Lebensplan, damals für Vater und Tochter.

Trotz vorhandener Papiere fand die Ausreise damals nicht statt, denn die Großmutter erhielt wegen ihres Alters keine Einreiseerlaubnis in die Vereinigten Staaten. Diesmal war es die wachsende Familie, die eine Auswanderung vorerst aufschob. Doch die sprichwörtlichen Koffer blieben gepackt.

Geblieben sind auch der Schmerz und die Trauer der zurückliegenden Jahre. »Nie wieder!« – dieser moralische und politische Imperativ war der jungen Charlotte Knobloch in dieser kategorischen Form noch nicht bewusst. Eines aber wusste sie immer: Nur im Miteinander und mit gegenseitiger Unterstützung lässt sich die Zukunft positiv gestalten. Das tat sie – auch im dankbaren Blick zurück: Mit der Frau, die der kleinen Lotte Hummel in der Zeit der Verfolgung ihren Namen und ihren Schutz gewährt hatte, verband sie bis zu deren Tod eine besondere Zuneigung.

Im Blick nach vorne galt ihr Engagement neben der Familie vor allem den Menschen, die wie sie selbst die Schoa überlebt hatten. Die junge Charlotte Knobloch engagierte sich ehrenamtlich im Sozialbereich der Münchner Kultusgemeinde, die ihr Vater mit einigen anderen nach dem Krieg wiederaufgebaut hatte. Charlotte Knobloch half bei der Chewra Kadischa mit, und wo immer Not war, war sie tatkräftig zur Stelle. Der soziale Bereich lag und liegt ihr am Herzen, bis heute – in München ebenso wie in Israel. So war ihre Mitarbeit auch bei WIZO nahezu zwangsläufig.

Ämter 1983 – die beiden älteren Kinder haben ihr Studium bereits abgeschlossen, die jüngste Tochter besucht die Oberstufe des Gymnasiums – wird Charlotte Knobloch in den Vorstand der Münchner IKG gewählt, 1985 wird sie deren Präsidentin. Damals kann sie noch nicht ahnen, welche Aufgaben auf die kleine jüdische Gemeinschaft in München und in Deutschland zukommen.

Doch je mehr die veränderte politische Landschaft neue Herausforderungen stellt, desto mehr wächst Charlotte Knobloch in ihre verantwortungsvolle Rolle hinein. Die Zuwanderung von Juden aus der früheren Sowjetunion gehört hier ebenso dazu wie Gespräche mit Kommune, Staat und Bund, Letztere vor allem, als Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats die höchste Repräsentantin jüdischen Lebens in Deutschland ist. Mit der Erfahrung häufen sich die Ämter.

In München gelingt ihr nach jahrzehntelangem Engagement und hartem Kampf der Bau des Jüdischen Zentrums in der Innenstadt – das kleine Mädchen, das rund 70 Jahre zuvor mit Vater und Großmutter die prächtige Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße besucht hatte, hat die Jüdische Gemeinde wieder ins Herz ihrer Heimatstadt zurückgeholt. Die Koffer sind nun endlich ausgepackt – diese Aussage bei der Grundsteinlegung berührte damals viele. Mit der Ernennung zur Ehrenbürgerin bestätigte ihr auch ihre Heimatstadt, dass sie wieder zu Hause angekommen war.

grossmutter Die Vergangenheit lebt in und mit ihr dennoch weiter. Wann immer sie vom Gemeindehaus zur Synagoge durch den Gang der Erinnerung geht, werden die Kindheitstage wieder lebendig: Der Name der geliebten Großmutter steht hier zusammen mit all den anderen Münchner Opfern der Schoa eingraviert in die Glastafeln. Albertine Neuland sel. A. hatte Theresienstadt nicht überlebt.

Nicht nur dieser eher private Weg ist für Charlotte Knobloch ein Ort für Trauer und Gedenken. Ein bewusster und würdiger Umgang mit Jahrestagen wie dem 9. November, dem Volkstrauertag mit dem Erinnern an die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges oder die Gedenkfeiern anlässlich der Befreiung sind für sie wichtig.

Damit die Menschen um die Verbrechen dieser Jahre wissen, tritt Charlotte Knobloch immer wieder als Zeitzeugin auf – auch in Schulen. Gegen Vergessen und für ein Miteinander setzt sie bewusst auf die Jugend. Bei dieser kommt ihre Botschaft gut an. Die Gefühle der kleinen Lotte von damals können die Schüler nachvollziehen. Die Verletzlichkeit des jungen Mädchens und die heute häufig verborgene Verletztheit der erfolgreichen Präsidentin lassen hier das Engagement für einen Blick auf den anderen und ein »Nie wieder!« wachsen.

unterstützung Auf Jugend setzt Charlotte Knobloch auch mit Blick auf die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft. Es ist ihr ein besonderes Anliegen, viele junge Menschen aus München, darunter auch manche Zuwandererkinder, auf ihrem Berufsweg zu unterstützen, zum Beispiel über die gemeinnützige Gerhard-C.-Starck-Stiftung, deren Vorsitzende sie ist.

Das Schicksal der Zuwanderer lag Charlotte Knobloch von Anfang an am Herzen. Als Zentralratspräsidentin hat sie diese mit der zweisprachigen Zeitung »Zukunft« über für sie relevante Fragen informiert. Als Präsidentin der Münchner IKG suchte sie die Lebensbedingungen konkret zu verbessern, zum Beispiel in dem Übergangsheim an der Lothstraße. Wie sehr sie sich dabei einbrachte, bestätigte sich erst kürzlich bei einer Feier zur Erinnerung an die Ankunft der Flüchtlinge vor 20 Jahren.

Wer ihre Empörung über die Zustände in der damaligen Unterkunft für Rhetorik hielt, musste nur ihren Hund beobachten. Der spürte die Erregung seines Frauchens, schien zu erahnen, wie die bedrohlichen Schatten der Entwürdigung in ihrem Bewusstsein wieder Raum griffen und lief laut bellend auf die Bühne, um sie zu beschützen. Auch damals in der Lothstraße blieb es nicht beim Entsetzen über unwürdige Zustände. Die Präsidentin ging zu den verantwortlichen Stellen, erreichte ein wenig mehr Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen dort. Dabei delegierte sie nicht einfach Aufgaben, sondern packte selbst mit an.

Auch mit nunmehr 80 Jahren ist Charlotte Knobloch ein Mensch voller Gefühle und Emotionen. Aber anders als das kleine Mädchen auf dem Bauernhof muss sie die heute nicht mehr verstecken. Allerdings scheinen sie nicht für jeden sichtbar und hörbar. Ihr Gegenüber muss Sensoren haben für das, was zwischen den Worten schwingt.

Beschneidung Wenn nötig, ist ihr Ton oft schärfer. Manch einer mag das für übertrieben halten. Doch die sensible Wahrnehmungsfähigkeit, die dem Kind Lotte Neuland beim Überleben half, lässt die erwachsene Charlotte Knobloch noch heute sofort Gefahren erspüren, etwa beim aktuellen Thema Beschneidung. So froh die Präsidentin über die sich nun anbahnende Regelung ist – ihre Befürchtung, ein Gesetz habe nur so lange Bestand, wie die Mehrheitsgesellschaft dahintersteht, lässt sich nicht völlig von der Hand weisen.

Als bindende Gesetze erkennt Charlotte Knobloch die der Tora an. Auf Einwände, warum sie, Kind aus traditionellem Elternhaus, für die Orthodoxie eintritt, hat sie eine klare Antwort: Rabbiner Pinchas Biberfeld sel. A. hatte sie überzeugt, dass ohne die Orthodoxie das Judentum keinen Bestand haben werde.

Die ethischen Werte des Judentums lebt Charlotte Knobloch. Sie geht auf ihre Mitmenschen ein, spürt deren Sorgen und Nöte. Sie sucht zu helfen. Sie reicht die Hand, immer wieder, auch wenn manch anderen die Fülle schlechter Erfahrungen längst davon abgebracht hätten.

Was mancher kritisiert, gehört zu den Stärken von Charlotte Knobloch. Vieles, ja oft das meiste, macht sie zur »Chefsache«. Das ist nicht Besserwisserei oder Misstrauen. Lange genug hat sie alleine gekämpft – für das eigene Überleben, für ihre Familie, für ihre Gemeinde, für das jüdische Leben in Deutschland, in Israel und auf der ganzen Welt. Es liegt einfach in ihrer Persönlichkeit, selbst anzupacken.

zukunft Auch mit 80 Jahren legt sie die Hände nicht in den Schoß. »Geht nicht, gibt’s nicht«, sagt sie. Unüberwindlich scheinende Felsen auf ihrem Weg, wie die wachsende Stimmung gegen Israel und der Antisemitismus, stürzen aber selbst die Kämpferin Charlotte Knobloch manchmal in Verzweiflung. Ihre Hoffnung auf eine gute Zukunft bleibt ebenso ungebrochen wie vor 70 Jahren, trotz Enttäuschungen und Rückschlägen.

»Ich habe viele Träume, die ich noch verwirklichen möchte«, bekennt die Jubilarin. Vorhaben, an denen sie arbeitet, ohne groß darüber zu sprechen, bevor das Ziel erreicht ist. Möge Haschem ihr dafür ein gutes Kwittel, eine gute Zukunft, ausgestellt haben – nicht nur für dieses Jahr, sondern bis 120!

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