Düsseldorf

Hoch auf dem bunten Wagen

Der Entwurf des neues Wagens stammt wie der des Jahres 2018 von Jacques Tilly.

Weltpremiere im Karneval: Erstmals geht im Düsseldorfer Rosenmontagszug am 4. März ein gemeinsamer Karnevalswagen von Juden, Christen und Muslimen an den Start. Die Kosten von bis zu 65.000 Euro sollen zu großen Teilen über Spenden finanziert werden.

Als überlebensgroße Pappmaschee-Figuren werden eine evangelische Pastorin, ein Rabbi, ein katholischer Priester und ein Imam auf dem »Toleranzwagen« zu sehen sein: Arm in Arm und breit grinsend.

Auf die ersten vier Spender, die 1911 Euro einzahlen, warten Plätze auf dem Wagen.

Alle vier tragen die Zeichen ihrer Ämter (der Rabbi einen Tallit) – und eine knallrote Pappnase im Gesicht. Dahinter finden sich Darstellungen zweier örtlicher Kirchen, der Düsseldorfer Synagoge und einer Moschee (das Original im Stadtteil Reisholz befindet sich allerdings noch im Bau).

Toleranz Die Initiative zum Toleranzwagen ging von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf aus, die das Projekt auch organisiert. Sie nahm bereits im vergangenen Jahr erstmals mit einem eigenen Wagen am »Zoch« teil – mit Heinrich Heine als zentraler Figur.

Dass jetzt Juden, die beiden großen christlichen Konfessionen und Muslime im Karneval ein gemeinsames Zeichen setzen, ist für Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, ein historisches Ereignis. Es passe auch bestens zum Motto des Düsseldorfer Karnevals 2018/19: »Gemeinsam jeck«.

Der Entwurf des Wagens stammt von dem renommierten Wagenbauer Jacques Tilly. Er hatte bereits den Heine-Wagen gebaut. Als Inspiration diente Tilly der im Herbst vorgestellte Karnevalsorden der Jüdischen Gemeinde.

Pappnasen-Trio Das von Pia Oertel, Düsseldorfs Karnevalsprinzessin von 2014, entworfene Motiv zeigt einen Rabbi, einen Imam und einen Pfarrer als fröhliches Pappnasen-Trio in einer Sternform. Im Tilly-Entwurf gesellt sich nun noch die Figur der evangelischen Pfarrerin hinzu – bei so viel männlicher Geistlichkeit wollte der Wagenbauer ein weibliches Element.

Der Entwurf des neues Wagens stammt wie der des Jahres 2018 von Jacques Tilly.

Der Künstler sieht Religionen sonst eher kritisch. Doch als er hörte, dass es um eine Werbung für Toleranz geht, war der bekennende Atheist begeistert mit dabei. »Der Wagen soll ein Zeichen für den Zusammenhalt der Religionen sein und eine Absage an jede Form von religiösem Extremismus«, sagt Tilly. Er weist auf die gewollte Doppeldeutigkeit im Namen des Gefährts hin.

»Toleranzwagen« sieht der Künstler auch als Aufforderung: »Toleranz wagen« – in der Art des Mottos von Willy Brandt in dessen erster Regierungserklärung von 1969: »Mehr Demokratie wagen«. Die Arbeit am Wagen soll in diesen Tagen beginnen und kurz vor der heißen Phase des Karnevals, Anfang März, abgeschlossen sein.

vorstellung Das Gefährt wird in dieser Session noch größer werden als im vergangenen Jahr, verriet Tilly. 32 Menschen sollen darauf Platz finden. Der Entwurf wurde vergangene Woche in der Jüdischen Gemeinde am Paul-Spiegel-Platz vorgestellt. »Die Förderung von Akzeptanz, Toleranz und des Zusammenhalts in unserer Stadtgesellschaft ist unsere gemeinsame Aufgabe«, betonte dabei Dalinc Dereköy, Vorsitzender des Kreises der Düsseldorfer Muslime (KDDM). Der KDDM repräsentiert etwa die Hälfte der rund 40.000 Muslime in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.

Szentei-Heise hatte Dereköy nicht lange zum Mitmachen überreden müssen: Dieser war bereits 2018 beim Heine-Wagen mit an Bord gewesen. Eine Mitgliederversammlung des KDDM stimmte vor wenigen Tagen der Beteiligung zu.

Muslime Für die rheinischen Muslime war eigentlich nur das auf dem Wagen ausgeschenkte Altbier aus religiösen Gründen ein Problem. Das wurde aber ganz pragmatisch gelöst, indem die muslimischen Mitfahrer nun einfach alkoholfreie Getränke zu sich nehmen. Der evangelische Pfarrer Martin Fricke freut sich derweil schon, »mit den religiösen Geschwistern durch die Stadt zu ziehen«.

Vom Wagen herunter wird bei der Fahrt durch die Düsseldorfer Innenstadt nicht nur eifrig gewunken und bis zur Heiserkeit »Helau!« gerufen. Es werden auch knapp zwei Tonnen Süßigkeiten ins Publikum geworfen.

Kamellen Mehrere Hunderttausend Feiernde säumen traditionell den Weg des Zuges und stehen in mehreren Reihen hintereinander an der Strecke. Die Düsseldorfer Gemeinde hat eine halbe Tonne koschere Kamellen bestellt. Außerdem werden Packungen mit Papiertaschentüchern mit Gemeindelogo und dem Aufdruck »Jemeende met Häzz« (Gemeinde mit Herz) unter die Jecken geworfen.

Pfarrer Fricke freut sich, »mit den religiösen Geschwistern durch die Stadt zu ziehen«.

Der Heine-Wagen hatte im vergangenen Jahr 35.000 Euro gekostet. Der größere Wagen in diesem Jahr wird bis zu 65.000 Euro kosten. Juden, Christen und Muslime wollen sich jeweils finanziell beteiligen. Um den größten Teil der Kosten hereinzuholen, haben die Initiatoren eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Hier kann jeder online spenden.

Pappmaschee Für Überweisungen ab 50 Euro gibt es eine Spendenbescheinigung. Wer mehr als 250 Euro gibt, bekommt den Karnevalsorden der Jüdischen Gemeinde zugeschickt. Auf die ersten vier Spender, die 1911 Euro einzahlen, warten Plätze auf dem Wagen. Von Dauer wird das fröhliche geistliche Quartett jedoch nicht sein: Nach dem Rosenmontagszug werden die Figuren aus Drahtgeflecht und Pappmaschee abgebaut und entsorgt. Das Gestell des Wagens wird wiederverwendet.

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