Heidelberg

Haus mit Symbolkraft

Die Heidelberger bleiben stehen, blicken sich um. Sie staunen, viele lächeln freundlich. So etwas haben die meisten von ihnen noch nicht gesehen. Es ist der 6. Januar 1994, als eine Gruppe Menschen feierlich durch die Straßen zieht. Sie singen »Hava Nagila« und wechseln sich mit dem Tragen der vier Torarollen ab.

Nur 700 Meter sind es vom »Darmstädter Hof‐Centrum«, einem Einkaufszentrum und Bürogebäude in der Altstadt, in die große neue Synagoge mit Gemeindezentrum in der Weststadt.

ZUhause Dieser Festzug vor 25 Jahren hatte große Symbolkraft: Denn das jüdische Leben in Heidelberg erblühte nach dem Holocaust ganz langsam wieder. Nun gab es endlich ein richtiges Zuhause – und ein im Stadtbild sichtbares, ja repräsentatives noch dazu.

Dieser Festzug vor 25 Jahren hatte große Symbolkraft.

Mit dem Einzug in die preisgekrönte Synagoge von Alfred Jacoby war die fast 50 Jahre währende Zeit der räumlichen Provisorien zu Ende. Eine Mikwe, eine Bibliothek, ein großer Gemeindesaal – jetzt war alles da.

WACHSTUM Die Räume in der Altstadt hatten nicht mehr ausgereicht, nachdem mit dem Systemumbruch im Osten Europas Zehntausende Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland emigrierten. Zwischen 1989 und 1997 hatte sich die Zahl der Gemeindemitglieder in Heidelberg von 190 auf 360 fast verdoppelt.

Werner Nachmann, von 1969 bis 1988 Vorsitzender des Zentralrats der Juden und des Oberrates der Israeliten Badens, hatte es den Heidelbergern schwer gemacht: Nicht nur, weil er 29 Millionen
D‐Mark veruntreut hatte, sondern auch, weil er auf ein über 20 Stockwerke hohes Gebäude mit Synagoge, Hochschule und Museum bestand. Diese großspurigen Pläne wirkten wie eine Blockade. Erst vier Jahre nach dem ersten Spatenstich 1988 konnte 1992 der Grundstein für den heutigen Neubau gelegt werden.

Eine Riesenaufgabe war die Integration der Zuwanderer.

Doch mit dem Einzug in das neue Zuhause stand die größte Herausforderung erst bevor. »Die Gemeinde war damals sehr beschäftigt mit der Riesenaufgabe der Integration der Zuwanderer«, sagt Janusz Pawelczyk‐Kissin, seit 2008 Rabbiner, aber schon seit 1990 Gemeindemitglied in Heidelberg. »Es kamen ja in kurzer Zeit mehr Menschen neu hinzu, als wir Mitglieder hatten.« Und viele der Neuen waren von der jüdischen Tradition, wie sie die Alteingesessenen lebten, weit entfernt. »Sie konnten ihren Glauben ja in der Sowjetunion nicht praktizieren.« Dennoch brachten sie häufig bestimmte Vorstellungen vom Judentum mit – konservativere Vorstellungen, als es sie damals in Heidelberg gab.

»Sitzstreit« Die verschiedenen Ansichten äußerten sich im »Heidelberger Sitzstreit«. Noch am Tag des Einzugs erklärte der damalige Vorsitzende der Gemeinde, Abraham de Wolf, der »Rhein‐Neckar‐Zeitung«, dass man zwar eine Frauentribüne gebaut habe, die Frauen dem Toraschrank aber genauso nah sein dürften wie die Männer, denn: »Frauen sitzen unten rechts und oben links, Männer unten links und oben rechts.«

Diese Meinung teilten nicht alle Gemeindemitglieder – und so kam es für eine Weile zu einer recht skurrilen Praxis: Einmal durften die »Liberalen« in die Synagoge, während die »Traditionellen« in einem Nebenraum ihren Gottesdienst feierten – dann wurde getauscht.

Doch bald setzten sich die orthodoxeren Vorstellungen durch, das Wechselspiel endete – und nach einem Jahr saßen die Frauen in der Synagoge nur noch auf der Empore. Manche Mitglieder, denen dieser Kurs nicht passte, wechselten damals in die Gemeinde Mannheim. Wenige Jahre nach dem Einzug in die neue Synagoge waren alle fünf Vorstandsmitglieder Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Zuwanderer machen heute weit über 80 Prozent der Gemeindemitglieder aus.

Wem der Gottesdienst zu orthodox wurde, der wechselte zur Mannheimer Gemeinde.

Für Rabbiner Pawelczyk‐Kissin ist die Entwicklung der Gemeinde zu einer orthodoxeren Ausrichtung nicht entscheidend. »Ja, wir haben eine koschere Küche, einen Gottesdienst mit alter aschkenasischer Liturgie, und wir halten natürlich den Schabbat streng ein.« Aber man sei als Einheitsgemeinde offen. »Jeder, der im Sinne der Halacha Jude ist, wird bei uns aufgenommen. Wir schauen nicht nach der religiösen Praxis.«

Ausbildung Und auch damals, Mitte der 90er‐Jahre, habe etwas ganz anderes im Fokus gestanden. »Die Menschen brauchten Wohnungen, Arbeit, Hilfe im Umgang mit den Behörden.« Viele »Altmitglieder« halfen nach Kräften. »Da war etwa Arnold Rabinowitsch, ein Professor für Jiddisch an der Hochschule für Jüdische Studien. Er übersetzte damals das Gebetsbuch für den Freitagabend‐Gottesdienst« und leistete echte Aufbauarbeit für die Neumitglieder.

Viele der Zuwanderer aus Russland, der Ukraine oder dem Baltikum waren deprimiert: Sie hatten hohe Bildungsabschlüsse, waren Ingenieure, Ärzte, Lehrer – doch ihre Ausbildung entsprach nicht den deutschen Anforderungen, und sie konnten nicht in ihrem alten Beruf arbeiten. Die mangelnden Sprachkenntnisse taten ihr Übriges: »Eine unserer wichtigsten Aufgabe ist bis heute die Sozialarbeit, besonders bei den Älteren«, sagt Pawelczyk‐Kissin.

Doch trotz aller Schwierigkeiten sei beeindruckend, wie man zusammengewachsen ist. »Bei uns geht es freundlich, offen und locker zu.« Es komme eben auf die Menschen an. »Bei uns herrscht einfach eine gute, freundschaftliche Atmosphäre.«

Kiddusch Den Rabbiner freut, dass die Jüngeren heute ganz selbstverständlich Deutsch miteinander sprechen. Rund ein Viertel der aktuell 420 Mitglieder – vor zehn Jahren waren es noch 540 – beteiligt sich aktiv am Gemeindeleben. Zum Kiddusch am Samstagmittag kommen meist rund 100 Menschen zusammen. Und dort seien neben Russisch, Deutsch, Hebräisch, Englisch und Französisch noch andere Sprachen zu hören.

Doch trotz aller Schwierigkeiten sei beeindruckend, wie man zusammengewachsen ist.

Neben einem umtriebigen Seniorenklub, regelmäßigen Konzerten und Lesungen sowie gut besuchten Deutsch‐ und Hebräischkursen ist das Jugendzentrum »Simcha« ein Herzstück der Gemeinde. 30 bis 40 Kinder und Jugendliche machen aktiv mit, spielen Theater, tanzen und organisieren Ausflüge oder Feste.

Während die Gemeinde früher eher zurückgezogen lebte und von den meisten Heidelbergern kaum wahrgenommen wurde, ist sie heute wesentlich präsenter in der Stadt. »Das ist ein Trend, den der Vorsitzende, Vadim Galperin, und ich seit zehn Jahren bewusst gemeinsam fördern«, sagt Rabbiner Pawelczyk‐Kissin. Bei allen Gottesdiensten gebe es auch nichtjüdische Gäste. »Jeder kann zu uns kommen, man muss sich nur vorher anmelden.«

ZUKUNFTSSORGEN Doch die demografische Entwicklung macht der Gemeinde Sorgen. Sieben Kinder wurden seit 2008 geboren und in der Gemeinde registriert – aber 80 Menschen sind gestorben.

Hält dieser Trend an, wird sich die Mitgliederzahl im Jahr 2040 halbiert haben. Manchmal gibt es erfreuliche Einzelfälle: wenn etwa jemand aus beruflichen Gründen in die Stadt zieht. Auch die Hochschule für Jüdische Studien lockt immer wieder Wissenschaftler und Studenten an, die dann in die Gemeinde kommen. Aber das reicht nicht, um den Trend umzukehren. 1997 war nicht einmal jedes dritte Mitglied älter als 65, heute sind es schon mehr als die Hälfte.

Der Rabbiner wünscht sich, dass mehr Juden nach Heidelberg kommen.

Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünscht, muss der Rabbiner lachen: »Dass mehr Juden nach Heidelberg kommen.« Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er es ernst meint. Aber ein anderer Wunsch, ein noch wichtigerer, fällt ihm dann auch noch ein: »Dass Gesellschaft und Politik in Deutschland mit dem Erstarken des Antisemitismus fertigwerden.«

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