Düsseldorf

Große Erleichterung

Hier wurden im Juli 2000 zehn Menschen teils lebensgefährlich verletzt, ein ungeborenes Kind starb im Mutterleib. Foto: dpa

Mit der Festnahme des Rechtsradikalen Ralf S. am vergangenen Dienstag scheint der Bombenanschlag am Düsseldorfer S‐Bahnhof nach fast 17 Jahren doch noch aufgeklärt zu werden. Damals waren zehn Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden. Sie alle stammten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, sechs von ihnen waren Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Düsseldorf und Wuppertal.

Michael Szentei‐Heise, der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, zeigte sich über die Festnahme erleichtert. »Ich empfinde eine späte Freude, dass endlich ein Verdächtiger ermittelt wurde«, sagte er Jüdischen Allgemeinen. Allerdings, betont er, gelte auch für Ralf S. die Unschuldsvermutung. »Ob er der Täter ist, ob es noch andere Täter gab, das wird nun das Gericht entscheiden.«

Sehr viel Zeit mit Mutmaßungen und Spekulationen ist seit dem Anschlag mit einer mit TNT gefüllten Rohrbombe am 27. Juli 2000 auf dem Bahnhof Düsseldorf‐Wehrhahn vergangen.

Szentei‐Heise erinnert sich: »Damals war der Hintergrund des Anschlags vollkommen unklar. Es gab natürlich Gerüchte, dass es ein Nazi‐Anschlag war und auch, dass der jetzt festgenommene Ralf S. der Täter sei, aber die Polizei ermittelte in alle Richtungen«, erzählt der Verwaltungschef. Auch die russische Mafia habe im Verdacht gestanden. »Wir haben das damals nicht direkt als einen Anschlag auf die Gemeinde wahrgenommen. Die Bombe explodierte nicht in unserer Nähe, und es gab keine Hakenkreuzschmierereien oder Ähnliches.« Auch die Sicherheitsvorkehrungen habe man seinerzeit nicht erhöht: »Wir haben einen hohen Sicherheitsstandard und nichts geändert. Wir müssen nicht jedes Mal in Panik verfallen.«

Gefährdung Viele Gemeindemitglieder seien nach der Festnahme von S. jetzt dennoch sehr erleichtert. Es sei ein gutes Gefühl, dass man ihn nach so langer Zeit gefunden hat. Grundsätzlich sei es so, dass man im Rheinland das Gefühl habe, auf einer Insel der Glückseligen zu leben. Er wolle die Gefahr durch Neonazis nicht verharmlosen, aber sie sei in anderen Städten größer. »Ich halte Dortmund, was die Gefährdung durch Rechtsradikale angeht, für wesentlich schlimmer«, sagt Szentei‐Heise. Und die größte Gefahr für Juden gehe derzeit von Islamisten aus.

Ralf S. gehörte schon im Spätsommer des Jahres 2000 zu den Verdächtigen. Er war ein stadtbekannter Neonazi, eng verbunden mit der Nazi‐Szene der Stadt und Inhaber eines Geschäfts für Militaria. S. habe damals ein Alibi gehabt, und die Polizei konnte ihm nichts nachweisen. Als er vor einem Mithäftling mit dem Anschlag prahlte und dieser die Polizei verständigte, wurden die Ermittlungen neu aufgerollt. Das einstige Alibi hatte keinen Bestand mehr, und die Beweise, die in jahrelanger Arbeit zusammengetragen worden waren, hält die Polizei für stichhaltig genug, um S. festzunehmen.

Während die Beamten S. für einen Einzeltäter halten, wollten das die Demonstranten, die am Freitagnachmittag am Ausgang Ackerstraße des Düsseldorfer S‐Bahnhofs Wehrhahn protestierten, nicht glauben. Sie sind überzeugt, dass S. die Tat gemeinsam mit anderen begangen hat und er Teil einer Terrorzelle wie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sei.

Einzeltäter Zweifel an der Einzeltäterthese hat auch der Düsseldorfer Rechtsextremismus‐Experte Alexander Häusler. Der Rheinischen Post sagte Häusler: »Der Vorsitzende des NSU‐Untersuchungsausschusses im Landtag, Sven Wolf, hat Ralf S. als ›der rechten Szene zuzurechnend‹ bezeichnet«, so Häusler. Das werfe neue Fragen auf. »Damals ist behauptet worden, es gebe keine rechte Szene, die gewaltorientiert ist. Hat Ralf S. also allein gehandelt, oder gab es Mitwisser? Diese Frage steht absolut im Raum«, betont der Extremismus‐Experte.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Wuppertal, Leonid Goldberg, besuchte seinerzeit die Anschlagsopfer im Krankenhaus. »Wir haben versucht zu helfen«, erinnert sich Goldberg. Angst habe man in der Gemeinde jedoch nicht gehabt. »Es war eher ein sehr unangenehmes Gefühl für jeden von uns. Wir haben bei uns nichts geändert, weil dieser Anschlag ja in Düsseldorf auf offener Straße geschah und keine jüdische Gemeinde direkt betroffen war. Das alles ist aber schon sehr lange her.« Auch er habe gerüchteweise gehört, dass Neonazis den Anschlag verübt haben sollen. Dass nun ein Verdächtiger festgenommen wurde, sei gut. »Aber ich hoffe, es ist auch der Täter«, sagt Goldberg.

Bedrohung Ob Ralf S. der Täter ist oder nicht, eines ist für Zentralratspräsident Josef Schuster klar: Auch dieser Ermittlungserfolg ändere nichts an der Bedrohungslage für Juden in Deutschland. »Antisemitismus und Judenhass sind nach wie vor in der rechtsextremistischen Szene der Normalfall. Der Kampf gegen den Rechtsextremismus darf daher ebenso wenig nachlassen wie die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft mit uns Juden und anderen Minderheiten. Die Anständigen in diesem Land müssen weiterhin und dringender denn je aufstehen gegen Rechts.«

Schuster verwies darauf, dass auch der NSU, gegen den in München im Prozess gegen Beate Zschäpe verhandelt wird, eine große Zahl jüdischer Einrichtungen im Visier hatte. »Die Festnahme des mutmaßlichen Täters zeigt, dass solche Fälle nicht nach einer gewissen Zeit ad acta gelegt werden dürfen. In der ganzen jüdischen Gemeinschaft hatte das Rohrbombenattentat für tiefe Verunsicherung gesorgt. Gerade für die damaligen Opfer ist es wichtig, dass der Täter gefasst ist.«

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