München

Glanz und Zerstörung

Mittelpunkt jüdischen Lebens in München: die 2006 erbaute Synagoge Ohel Jakob Foto: Marina Maisel

Die Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die dieses Jahr ihren 200. Geburtstag begeht, ist geprägt von Hoffnung und Enttäuschung, von unvorstellbarem Leid und strahlendem Glanz. Die Synagogen, spirituelle und religiöse Zentren der jüdischen Gemeinde, spiegeln das Auf und Ab wider. Jede hat ihre ganz eigene Geschichte.

Die Nazis machten München zur »Hauptstadt der Bewegung« und verliehen dem Hass gegenüber Juden eine unvorstellbare Dimension. Schlimmer Antisemitismus zieht sich jedoch auch schon durch die davor liegenden Jahrhunderte. »Tatsächlich sind für das mittelalterliche München mehrere gewaltsame Vertreibungsaktionen verbürgt«, sagt der Historiker Andreas Heusler vom Stadtarchiv, einer der profundesten Kenner der jüdischen Geschichte Münchens.

übergriffe »Am 12. Oktober 1285 ereignete sich ein Pogrom, dem 67 Personen zum Opfer fielen. Anlass war vermutlich ein Ritualmordvorwurf. Der aufgebrachte Pöbel soll zahlreiche Juden erschlagen haben. Die restlichen hätten sich in der Synagoge eingeschlossen, die von der Menge in Brand gesteckt worden ist«, berichtet Heusler.

Ab Mitte des 15. Jahrhunderts und nach immer wieder dokumentierten Übergriffen gab es in München und in ganz Oberbayern kein jüdisches Leben mehr. Nach der letzten mittelalterlichen Vertreibung im Jahr 1442 wurde die in der Gruftgasse, auf dem südlichen Areal des heutigen Marienhofs gelegene Synagoge in eine christliche Kapelle umgewandelt.

Erst im 18. Jahrhundert ließen sich Juden wieder in München nieder. »Juden waren damals in der Stadt zwar geduldet, aber nicht willkommen. Ihre öffentliche Religionsausübung war ausdrücklich untersagt«, betont Andreas Heusler. Trotzdem wurde 1763 in der Wohnung des Geschäftsmanns Abraham Wolf Wertheimer im Tal 13 ein Betraum eingerichtet.

verbesserung Der langsame Anfang vom Ende der Ausgrenzung begann erst mit dem Regierungsantritt von Max IV. Joseph und dem am 10. Juni 1813 erlassenen »Edikt, die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern betreffend«, das immerhin die Rechtsstellung der in Oberbayern lebenden Juden vereinheitlichte und den Bau von Synagogen erlaubte. Zwei Jahre später wurde die IKG gegründet, im Jahr 1824 eröffnete die erste Synagoge nach modernen Maßstäben ihre Pforten in der Westenriederstraße.

»Nicht nur der abgelegene Standort, auch die schlichte Bauausführung, die sich in die Linie der umliegenden Profanbauten unauffällig einfügte und nach außen kaum etwas vom religiösen Charakter des Gebäudes offenbarte, muss wohl als Indiz für die anhaltende soziale Ausgrenzung der jüdischen Gemeinde zu dieser Zeit interpretiert werden«, vermutet Historiker Heusler. Allerdings sei die Ausgrenzung von Juden zur Entstehungszeit des Gotteshauses schon in Auflösung begriffen gewesen.

Mit der Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871 und der rechtlichen Gleichstellung begann in München die Blütezeit jüdischen Lebens. Sichtbar wurde dies am 16. September 1887, als in der Herzog-Max-Straße die neue Hauptsynagoge eingeweiht wurde. Das Grundstück gegenüber der Maxburg wurde damals auf Betreiben von »Märchenkönig« Ludwig II. zur Verfügung gestellt. In direkter Nähe zur Frauenkirche im Zentrum Münchens gelegen, galt der sakrale Bau als eine der schönsten Synagogen Europas.

ns-zeit »Mit Blick zurück auf die Geschichte wissen wir es heute besser, aber damals schien es tatsächlich so, als sei die Zeit der Integration angebrochen«, erklärt IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch. Am Ende wurde das prachtvolle Bauwerk auf persönlichen Befehl Hitlers schon einige Monate vor der sogenannten Reichskristallnacht abgerissen. Im Nazi-Hetzblatt »Der Stürmer« stand dazu: »Ein Schandfleck ist verschwunden!«

Nur wenige Jahre vorher, 1931, als der Antisemitismus bereits immer mehr Gesellschaftsschichten erfasst hatte, errichteten orthodoxe Juden in der Reichenbachstraße eine weitere Synagoge. Charlotte Knobloch macht zwei Gründe dafür verantwortlich, dass in dieser schweren Zeit das Projekt verwirklicht wurde: »Man wollte wohl zum einen damit ein sichtbares Zeichen gegen den aufflammenden Judenhass setzen, auf der anderen Seite konnte man sich aber auch das Ausmaß an Antisemitismus nicht vorstellen, das nur kurze Zeit später die Schoa zur Folge hatte.«

Diese Synagoge, die in einem Hinterhof angesiedelt ist, wurde 1938 im Inneren weitgehend von den Nazis zerstört. Nach dem Krieg wurde sie wieder restauriert, und der Gebäudekomplex war auch der Sitz der Israelitischen Kultusgemeinde, die sich unmittelbar nach der Befreiung vom Nazi-Terror neu formierte.

beeindruckend Es dauerte fast 70 Jahre, bis die IKG wieder in das Herz der Stadt zurückkehrte. Charlotte Knobloch, die seit 1985 IKG-Präsidentin ist, war die unermüdliche Kraft, die den Traum wahr werden ließ. Am 9. November 2006 wurde die neue Hauptsynagoge »Ohel Jakob« am Jakobsplatz eingeweiht, wenig später auch das daneben liegende Gemeindehaus eröffnet – zusammen mit dem Jüdischen Museum bildet es ein architektonisch beeindruckendes Ensemble.

Anlässlich der Eröffnung des Gemeindezentrums hob Rabbiner Steven E. Langnas damals den eigentlichen Sinn des Gebäudes hervor. »Es liegt an uns, unsere Stätte des Gebets und der Lehre in ein wahres Mikdash Miat zu verwandeln – ein Haus, das gleichsam belebt ist durch die Energie und die Aktivitäten unserer Jugend, wie auch bereichert durch die Weisheit und Erfahrung unserer Ältesten.«

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