München

Gespräch unter Freunden

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Buchvorstellung in der Kultusgemeinde Foto: Marina Maisel

Als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hat Charlotte Knobloch schon viele hochrangige Gäste im Gemeindezentrum am Jakobsplatz empfangen. Staatssekretäre gehören dazu, Minister, Ministerpräsidenten, sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Seit vergangener Woche wird die prominente Gästeliste auch noch durch Bundestagspräsident Norbert Lammert bereichert, der sein Buch Unser Staat. Unsere Geschichte. Unsere Kultur. Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft in der IKG vorstellte und mit Charlotte Knobloch in einem Podiumsgespräch einen Blick auf historische Zusammenhänge warf. Für die vielen trotz klirrender Kälte ins Gemeindezentrum gekommenen Zuhörer war es ein ebenso unterhaltsamer wie informativer Abend.

Plädoyer So unterschiedlich die Blickwinkel auch sein mögen, aus der Bundestagspräsident Lammert die Bundesrepublik Deutschland in seinem Buch betrachtet, so sehr ist es ein Plädoyer für die Form der repräsentativen Demokratie, die sich nach 1945 entwickelt und etabliert hat. Eine derart stabile Demokratie sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit: »Das sollte jedem bewusst sein«, mahnte er.

Um über die geistigen Wurzeln, die Kultur und die politischen Strukturen des Landes zu sprechen, erschien ihm das Gemeindezentrum, das pulsierende Herz der jüdischen Gemeinde, ein ausgesprochen geeigneter Ort zu sein. Er sagte in diesem Zusammenhang einen Satz, der auch dem Selbstverständnis von Präsidentin Charlotte Knobloch entspricht und von ihr in Gesprächen, Reden und Vorträgen in dieser und ähnlicher Form immer wieder einmal verwendet wird: »Ohne Kenntnis der Geschichte, aus der sich die Verantwortung ableitet, kann Politik nicht stattfinden.«

Zur Geschichte Deutschlands, das der 1948 in Bochum geborene Norbert Lammert den größten Teil seines Lebens als geteiltes Land wahrnahm, gehören auch die Weimarer Republik und der daraus entstehende Nationalsozialismus, der die Schoa zur Folge hatte. »Die Selbstaufgabe des Parlaments durch das Ermächtigungsgesetz 1933 hat das Terrorsystem der Nazis ermöglicht«, beschreibt er die damalige folgenschwere Rolle der Berliner Politik. Die Lehre daraus, so Lammert, sei bei der Gründung der Bundesrepublik allerdings auch gezogen worden. Die Erfahrungen des Holocaust sind für ihn »ein ungeschriebenes Gründungsdokument der zweiten deutschen Demokratie«.

Flüchtlinge Lammert, der dafür bekannt ist, dass er sich mit der Kritik am Bundestag und den politischen Parteien sachlich auseinandersetzt, die Diskussion manchmal auch mit einem »Hauch von Zynismus« begleitet, wie Tobias Winstel vom Herder-Verlag als Moderator des Abends einfließen lässt, hört aufmerksam zu, als Charlotte Knobloch ein Thema anspricht, an dem nicht vorbeizukommen ist: den Zuzug vieler Flüchtlinge nach Deutschland.

»Wenn Flüchtlinge unter waghalsigen Umständen hierherkommen, weil in der Heimat ihr Leben in Gefahr ist, geht es zunächst einmal darum, zu helfen. Das ist die erste Reaktion«, erklärte die IKG-Präsidentin und zog eine Parallele zum schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte. »Juden waren auch einmal froh, wenn sie ein Land fanden, das sie aufnahm. Aber manche Länder wollten keine Juden haben«, erklärte Knobloch.

Widersprechen konnte der Bundestagspräsident der IKG-Präsidentin nicht, die auf die kaum noch überschaubaren Krisenherde der Welt verwies, auf Krieg, Terror, Ressourcenknappheit, Klimawandel – und Flucht. »60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht«, stellte Knobloch fest, »und wir Deutsche, wir Europäer haben uns in unentschuldbarer Weise aus der Verantwortung geschlichen. Wir haben beinahe peinlich Nabelschau betrieben und geschehen lassen, was kein Politiker, kein Mensch mit Herz und Verstand sehenden Auges hätte akzeptieren dürfen.«

werte Charlotte Knobloch und Norbert Lammert waren in der Flüchtlingsfrage auf gleicher Wellenlänge. Nur eine europäische Lösung, und die zügig und effektiv, könne die Probleme lösen. »Nationale Alleingänge«, so der Bundestagspräsident, »bringen die europäische Friedensordnung in Gefahr.« Auch wenn er wisse und es ihn nervös mache, »dass wir schon wieder in einer Phase der Zäsur stehen«, glaube er an einen Erfolg der europäischen Flüchtlingspolitik: »Aber alles wird viel länger dauern, komplizierter sein und deutlich teurer werden.«

Norbert Lammert, daran ließ er an diesem Abend keine Zweifel, glaubt an die Stärken des bundesdeutschen Demokratieverständnisses, an die politische Streitkultur in den Parlamenten, an das Verantwortungsbewusstsein der Politiker selbst. Und er stellte einen nur auf den ersten Blick erstaunlichen Zusammenhang her: »Viele Flüchtlinge wollen nach Deutschland, ausgerechnet nach Deutschland. Das kann man durchaus auch als ein großes Kompliment für uns ansehen.«

Der Bundestagspräsident, bekannt für seine Wortgewandtheit, Schlagfertigkeit und klare Argumentationslinie, war bereits vor Beginn der Veranstaltung von den Zuhörern mit viel Beifall begrüßt worden. Am Ende dieses Abends war der Applaus für ihn indes noch stärker.

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