Centrum Judaicum

Geschichten im Gewerk

Vorbereitungen auf die Ausstellungseröffnung Anfang Juli. Foto: Marco Limberg

Die Museumsräume der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße sind hell erleuchtet. Dutzende Handwerker arbeiten auf Hochtouren, bis zur feierlichen Eröffnung bleibt nur noch eine Woche. Den Zeitdruck merkt man den Elektrikern nicht an. In aller Ruhe verlegen sie nebenan Kabel und montieren in schwindelerregender Höhe Lichtinstallationen, während grelle Arbeitslampen die freskenverzierte Decke ausleuchten, wo Restauratoren letzte Hand an die Wandbemalung legen.

Der Ausstrahlungskraft der Räume kann der Baulärm offenbar nichts anhaben. »Es ist etwas Besonderes, hier zu arbei‐
ten«, schwärmt Techniker Florian Endel. »Ob wir Steine reinigen oder Parkettfugen versiegeln – man spürt die Geschichten im Gewerk.« Zwei Tischler schleifen Holzleisten, drei Restaurateure hieven vorsichtig ein sandfarbenes Steinfragment per Las‐
tenheber in die Raummitte. Zwischen den Marmorsäulen haben sie bereits die ersten Infowände samt Texten aufgestellt. Es riecht nach Putz und frischer Farbe.

Auch eine Etage höher herrscht fieberhafte Geschäftigkeit: Möbelbauer bereiten den Kanzelaufbau vor, Objekteinrichter nehmen Maß.

inschrift Nur unten in der Rotunde ist es still. Es ist der erste Raum, den man betritt, wenn man hereinkommt. Und der erste, der fertig ist. Hier, direkt hinter dem Eingang, thronen sie: die hebräischen Originalbuchstaben der Fassadeninschrift »Tuet auf die Pforten und es möge einziehen das gerechte Volk, das die Treue wahrt« – goldglänzend und aufwendig restauriert wie die drei Kuppeln der ehemaligen Synagoge.

Das Museum zählt heute zu den Touristenattraktionen Berlins. Um den biblischen Satz ist ein Band gelegt, darauf eingestickt seine Übersetzung in mehr als 20 Sprachen. Ein paar Meter abseits überblickt Moses Mendelssohn den Eingangsbereich des Museums – seine weiße Marmorbüste scheint die Buchstabenvitrine wohlwollend aus der Ferne zu begutachten.

Die Inschrift ist eines der Leitmotive für die neue Dauerausstellung des Centrum Judaicum, der jüdische Philosoph und Wegbereiter der Aufklärung (1729–1786) ein weiteres. Beides bewusst ins Zentrum zu rücken, ist ein Auftakt mit Paukenschlag. Denn der Jesaja‐Psalm gilt als Ausdruck des Selbstbewusstseins der Berliner Juden, die das prunkvolle Gotteshaus 1859 im orientalischen Stil erbauen ließen – mittendrin in der Hauptstadt, direkt an der Straße, keineswegs versteckt auf dem Hinterhof.

Zugleich markiert die zurückgenommene und dadurch umso wirkungsvollere Anordnung in der Rotunde die Neukonzeption der überarbeiteten Dauerausstellung. So wird schon beim Betreten deutlich, worauf es dem Museumsteam um Direktorin Anja Siegemund und Kuratorin Chana Schütz ankommt: die Geschichte der Neuen Synagoge als Zentrum des Berliner jüdischen Lebens zu erzählen – zur Zeit von Kaiserreich und Weimarer Republik, in der NS‐Zeit ab 1933 bis hin zum teilweisen Wiederaufbau seit 1988.

symbol Die klaren Akzente, die die Ausstellungsmacher damit von Beginn an setzen, machen auch deutlich, wer der eigentliche Star ist: das Haus selbst. Die sandfarben getünchten Räume und ausladenden Treppen mit ihren geschwungenen gusseisernen Geländern tragen die Besucher immer weiter hinein ins eigentliche Herzstück – das Museum, das einmal eine Synagoge war. Das Gebäude und seine Architektur viel stärker als bisher einzubeziehen, lag auf der Hand.

»Das Haus ist ein architektonisches Symbol für ein Selbstverständnis: Wir sind Deutsche, wir sind Berliner, wir sind Juden – alles zusammen«, erklärt Anja Siegemund. »Das Haus steht für das damalige religiös wie politisch liberale Judentum, das seinerzeit innerhalb der jüdischen Strömungen in Deutschland das prägende war, und für die Kombination: Man öffnet sich – aber man wahrt auch die Treue. Diese Botschaft wollen wir mit der neuen Dauerausstellung stärker zum Ausdruck bringen.«

Das selbstbewusste Bekenntnis wird jedoch stets von unterschwelliger Bedrohung begleitet. Zum Konzept gehört daher auch, die Brüche und das Fragmentarische sichtbar zu machen. So etwa überragt neben Inschrift und Aufklärer‐Büste eine überdimensionale Postkarte den ersten Ausstellungsraum. Sie zeigt Berlin 1910 – auf den ersten Blick eine ganz normale Ansichtskarte mit der Neuen Synagoge. Bis man den kleinen Zusatz liest: »Riechst Knoblauch«.

»In dieser Postkarte zeigt sich das, was es an Unterbau immer gab: eine antisemitische Grundstimmung, die die Unverschämtheit herausstellte, dass Juden sich dieses schönste Gebäude von Berlin hinstellen«, sagt Chana Schütz. Aufklärung und Selbstbewusstsein einerseits, Ablehnung andererseits – dieses Paradoxon, das durch alle Zeitperioden mitschwingt, nehmen die Besucher in die Folgeräume mit.

Fotos Natürlich basiere das neue Konzept auf der alten Ausstellung mit ihren Objekten wie der Ewigen Lampe und Teilen der Bima, die man in den Trümmern fand. Aber alles sei nun viel klarer und sparsamer gehalten, meint Chana Schütz. Kürzere Texte, weniger Fotos, doch viel großzügigere Räume. Die Dauerausstellung erstreckt sich nun über zwei Etagen, Wechselausstellungen und Veranstaltungen werden in die Struktur eingefügt, etwa im neu gestalteten Repräsentantensaal. Auch der Blick auf die Freifläche, wo sich früher der Hauptraum der zerstörten Synagoge befand, ist unverstellt. Und auch die Wand mit den Namen der ermordeten Berliner Juden sticht jetzt viel prominenter hervor.

Hauptanknüpfungspunkt sind neben den Objekten zehn Biografien. Bewusst habe man sich dafür entschieden, nur ei‐
ne exemplarische Gesamtbiografie zu erzählen, die von Kurz Heinz Aron, geboren nebenan in der Oranienburger Straße 32. Andere Lebensgeschichten kommen in einem Film von Britta Wauer zu Wort. Neben Menschen, die in Berlin aufwuchsen, wie etwa W. Michael Blumenthal, hat die preisgekrönte Regisseurin dafür auch Menschen interviewt, die in Israel oder England geboren wurden, deren Eltern aber »Berlin mitgenommen haben«, darunter die Tochter des früheren Rabbiners Ignaz Maybaum, Alisa Jaffa, die zur Eröffnung aus London anreisen wird.

Berlin als »portable Heimat« – auch das ist eines von vielen Themen, die die Ausstellung auffängt, darunter an zwei Medientischen mit Tablets und in einem Filmraum. Die neue Ausstellung sei viel besucherfreundlicher und zeitgemäßer, sagt Anja Siegemund. Zu den vielen kleineren Stationen gehört zum Beispiel der einzig erhaltene Film aus der Synagoge – eine Choraufführung von Kol Nidre für die »Deutsche Wochenschau« 1932.

Überhaupt rückt mit dieser Ausstellung die Bildungs‐ und Vermittlungsarbeit stärker in den Fokus. So will Anja Siegemund bald themenspezifische Seminare anbieten – »die nicht in die Breite, sondern in die Tiefe gehen«. Denn es gehe darum zu zeigen, ergänzt Chana Schütz, »dass das eine Gemeinde war, die zum ersten Mal seit mehreren 100 Jahren in der Lage war, ihre Umwelt mitzugestalten. Diese Einmaligkeit einer Minderheit, die gesellschaftlich so integriert war und die der europäischen Kultur so viel gegeben hat, wollen wir in Erinnerung rufen – das ist unsere Aufgabe«.

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