München

Geduldige Zuhörer

Die Sinai-Grundschule im Gemeindezentrum ist auf den Hund gekommen – und Schulleiterin Anja Wiegand-Hartmann freut sich sogar noch darüber. Das hat allerdings auch einen nachvollziehbaren Grund. Seit Beginn des Jahres gehören nämlich zwei sogenannte Lesehunde zum Unterrichtsprogramm. Alle sind davon begeistert, auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die schon dabei »ertappt« wurde, wie sie den Vierbeinern ein paar »Leckerli« zusteckte.

»Tammy« heißt einer der Hunde. Er gehört Kimberly Ann Grobholz, die vor gut zehn Jahren nach München zog und das Konzept, mit Tieren zu lernen, aus den Vereinigten Staaten mitbrachte. Aus dieser Idee hat die Wahl-Münchnerin ein pädagogisches Projekt auf die Beine gestellt, das mehr als beachtenswert ist. Die Hunde helfen Kindern, die sich beim Lesen schwer tun oder keine Lust auf Bücher haben, über die Hürde.

wirkungsvoll Anja Wiegand-Hartmann ist sich mit Lehrerin Kristin Goppelt, die das Unterrichtsmodell in der Sinai-Schule betreut, deshalb auch völlig einig: »Es ist wirklich erstaunlich, wie positiv sich der spezielle Unterricht mit den Hunden auf die Kinder auswirkt«, lautet das Resümee der Schulleiterin.

Für Charlotte Knobloch ist der Einsatz der Lesehunde eine weitere Bestätigung für die hochklassige Arbeit der Lehrkräfte in der Gemeindeschule. »Nicht ohne Grund«, sagt die Präsidentin, »zählen die Viertklässler der Sinai-Grundschule zu den besten in ganz München.« Die pädagogische Glanzarbeit ist ihrer Überzeugung nach auch ein Grund dafür, dass selbst nichtjüdische Kinder die Schule und den Kindergarten der IKG gerne besuchen.

Die beiden Hunde kommen einmal pro Woche für eine Stunde ins Gemeindezentrum am Jakobsplatz. Sechs Kinder warten dann schon gespannt auf die Tiere. Jeder hat 20 Minuten Zeit und ist dann mit dem Hund ganz für sich allein. Die Kinder lesen dem Tier in dieser Zeit aus einem Buch vor. Das hört sich im ersten Augenblick nicht sonderlich einfallsreich an, ist aber extrem wirkungsvoll.

motivierend Schulleiterin Wiegand-Hartmann erklärt den psychologischen Hintergrund des pädagogischen Modells wie folgt: »Der Umgang mit dem Hund wirkt auf der einen Seite entspannend, auf der anderen motivierend. Die Kinder verlieren ihre Ängste, denn der Hund tadelt sie nicht, wenn sie zum Beispiel beim Lesen ins Stocken kommen. Der Hund hört nur zu. Das stärkt das Selbstvertrauen der Kinder.«

Entsprechend positiv sind die Fortschritte, die die sechs Kinder der dritten Klasse machen. »Ein Junge, der sich nicht richtig getraut hatte, vor der Klasse etwas vorzulesen, hat inzwischen sogar ganz problemlos ein Referat gehalten«, berichtet Wiegand-Hartmann. »Das ist toll. Auch bei den anderen Kindern sind die Fortschritte nicht zu übersehen. Schon nach dem ersten Besuch der Lesehunde spürte man das bei ihnen.«

Als Kimberly Ann Grobholz 2008 das Projekt der Lesehunde in München ins Leben rief, ging es ihr einfach nur darum, die Lesefertigkeiten von Kindern zu verbessern – und das in einem positiven Umfeld, frei von Leistungsdruck. Hunde, die zuhören, wenn Kinder aus Büchern vorlesen, sind in Amerika an vielen Schulen zu finden. Dort gibt es Tausende solcher Lesehunde.

konzept Das Projekt von Kimberly Ann Grobholz ist das erste und einzige in deutschsprachigen Ländern, das aus dieser Idee ein echtes Leseförderprogramm aufgebaut hat. Es ist nicht nur für Schulen hilfreich, auch in Altenheimen und Bibliotheken werden die Hunde – immer mit Begleitung – eingesetzt. In der Sinai-Grundschule freut man sich in jeder Hinsicht auf die Hunde-Lesestunden. Umso bemerkenswerter ist, dass alle, die im Projekt von Kimberly Ann Grobholz mitmachen, ausschließlich ehrenamtlich tätig sind. »Das ist schon außergewöhnlich und erfreulich«, betont Schulleiterin Anja Wiegand-Hartmann.

Bei der Initiative bilden ein Mensch und ein Hund jeweils ein Team. Mehr als 200 einzelne Projekte gibt es mittlerweile davon in Deutschland und Österreich, 50 davon arbeiten in Schulen und ähnlichen Einrichtungen, zehn Teams sind derzeit in München aktiv. Und die Idee von Grobholz setzt sich immer mehr durch. Inzwischen gibt es bereits Ableger in Bremen, Mainz, Augsburg und Weiden in der Oberpfalz. Die Teams werden in Seminaren auf ihre Aufgaben vorbereitet, für die ausgewählten Hunde gibt es nur wenige, aber sehr wichtige Kriterien. Sie müssen kinderlieb, frei von Aggressionen und stressresistent sein.

Die Initiatorin des Projekts ist von den positiven und weitreichenden Veränderungen, die die Lesehunde im Leben von Kindern bewirken können, überzeugt. »Das Konzept«, sagt Kimberly Ann Grobholz, »richtet sich an die gesamte Persönlichkeit des Kindes, deshalb kann sich der positive Effekt auch auf andere Bereiche des Lebens des Kindes auswirken. Kinder, die das Lesen beherrschen, sind selbstbewusster.«

Zudem weist sie darauf hin, dass ihr Programm problemlos alle sozioökonomischen und kulturellen Grenzen überschreite, da Tiere – anders als Menschen – frei von Vorurteilen und Wertung seien.

Rosch Haschana

Neujahrswünsche von Friedrich Merz und Johann Wadephul

Zum jüdischen Neujahrsfest schicken der Bundeskanzler und der Bundesaußenminister Grußbotschaften an die jüdischen Gemeinden

 10.09.2026

Berlin

Wahlkampfdebatte im Gemeindehaus

Die Jüdische Gemeinde lud anlässlich der bevorstehenden Wahl die Spitzenkandidaten von CDU, Linken, Grünen und SPD zum Podiumsgespräch. Am Ende wurde mal wieder über Antisemitismusdefinitionen gestritten

von Debora Eller  10.09.2026

Viktoria Ladyshenski

Schleswig-Holstein

»Wir packen unsere Koffer«

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, warnt, dass die Gefahr durch linken und islamistischen Antisemitismus in Deutschland nicht ernst genug genommen wird

 08.09.2026

Sachsen-Anhalt

Landeszentrale unterstützt Fahrten von Schülern zu jüdischen Gemeinden

Seit Jahren können Schulklassen für Fahrten zu Gedenkstätten Zuschüsse beim Land Sachsen-Anhalt beantragen. Künftig soll auch jüdisches Leben sichtbar gemacht werden, weshalb das Land die Förderung ausweitet

 31.08.2026

Ehrung

Rabbiner Andreas Nachama erhält Berliner Moses-Mendelssohn-Preis         

Er gilt als eine zentrale Figur des jüdischen Lebens in Deutschland: der Rabbiner und Publizist Andreas Nachama. Nun erhält er eine besondere Auszeichnung

von Daniel Zander  31.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Straßenfest

Chabad Berlin feiert 30. Jubiläum

Drei Jahrzehnte jüdisches Leben: Mit einem Straßenfest möchte eine jüdische Gemeinde in Berlin nicht nur die eigene Geschichte feiern. Es soll auch ein Blick in die Zukunft geworfen werden

 20.08.2026

Frankfurt am Main

Motty Steinmetz stimmt auf die Hohen Feiertage ein

Es dürfte es ein Abend werden, bei dem Musik und Spiritualität besonders eng miteinander verbunden sind

 20.08.2026

Bundeswehr

»Wir sind Partner auf Augenhöhe«

Am 21. Juni 2021 begann die jüdische Militärseelsorge bei der Bundeswehr. Militärbundesrabbiner Zsolt Balla zieht nach fünf Jahren eine positive Zwischenbilanz

 18.06.2026