Lörrach

Gedenken mit Torarolle

Die zahlenmäßig eher kleine jüdische Gemeinde in Lörrach erlebt große Tage: Wie viele andere Gemeinden beging sie zum einen das Gedenken an die Pogromnacht. Am 9. November wurde mit einer Mahnwache und einer Gedenkfeier an die dramatischen Ereignisse vor 80 Jahren erinnert, welche sich damals auch in der deutschen Grenzstadt zur Schweiz abspielten.

»Viele Lörracher Bürgerinnen und Bürger waren bei dieser Feier dabei und halfen mit, sie auf diese Art und Weise in einem speziellen Rahmen zu gestalten«, sagt Gemeinderabbiner Mosche Flomenmann. Wichtig war dabei wohl auch, das Gedenken in die wöchentliche Schabbatfeier zu integrieren und so auch zu zeigen, dass jüdisches Leben der schlimmen Vergangenheit zum Trotz heute wieder Alltag ist und hoffentlich auch bleibt.

Ereignis Bereits einige Stunden vorher war allerdings einige Hundert Kilometer entfernt ein äußerst wichtiges Ereignis über die Bühne gegangen, welches die Gemeinde Lörrach ebenfalls betrifft, doch noch weit darüber hinausstrahlt.

In der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart wurde nämlich eine Torarolle fertiggestellt. Eine Torarolle, welche die Gemeinde Lörrach aus Anlass des zehnten Jahrestages ihrer neuen Synagoge sowie des 350-jährigen Bestehens jüdischen Lebens im heutigen Baden-Württemberg hatte schreiben lassen. Im Landtag beendete Sofer Jaakov Josef Yudkowsky die letzten der insgesamt 304.805 Buchstaben – unter den Augen der Parlamentarierinnen und Parlamentarier, aber auch der Vertreter anderer Religionsgemeinschaften sowie der Kirchen.

Stellvertretend nahm auch die grüne Landtagspräsidentin Muhterem Aras die Feder in die Hand und schrieb einige Buchstaben. »Damit setzen wir ein gemeinsames Zeichen der wechselseitigen Verbundenheit und des Vertrauens«, sagte sie später dazu. Und fand auch ein Lob der Tora. »Ohne die Bewahrung und das Studium der Tora hätte das Judentum nicht überleben können«, lauteten ihre Worte.

Zeremonie Muhterem Aras, die selbst türkischer Herkunft ist, durfte am Schluss der Zeremonie die Feder von Sofer Yudkowsky als Andenken mit nach Hause nehmen. Rabbiner Flomenmann betonte im weiteren Verlauf auch die Verbindungen und Beziehungen der abrahamitischen Religionen untereinander.
Auch Schüler einer Klasse der Anne- Frank-Gemeinschaftsschule aus Stuttgart-Möhringen nahmen an der Feier teil. Das sei anders und lebendiger als normaler Geschichts- oder auch Religionsunterricht, betonte die Lehrerin der Klasse.

Dass die Zeremonie in einem Parlament stattfinden konnte, sei besonders wichtig, betonte Rabbiner Flomenmann, der auch als Landesrabbiner in Baden-Württemberg amtiert. »Vor 80 Jahren wurden in deutschen Parlamenten antijüdische Gesetze erlassen und so die Ausgrenzung überhaupt erst möglich gemacht. Mit der Fertigstellung der Torarolle hier im Landtag zeigen wir auch das Vertrauen in die deutsche Demokratie.«

Rabbiner Mosche Flomenmann und die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach, Hanna Scheinker, erinnerten aber auch an die Ereignisse von Pittsburgh, »die sich ebenfalls nicht wiederholen dürfen«.

Feier Übergeben wurde die Torarolle dann während einer großen Feier am letzten Sonntag – begleitet von rund 200 Personen, unter ihnen die Oberbürgermeister von Lörrach und Weil am Rhein, der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suleiman, sowie der neue Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel, Manuel Battegay.

Sie alle freuten sich, dass genau zehn Jahre nach der Einweihung der neuen Synagoge in Lörrach jüdisches Leben inzwischen wieder fester Bestandteil der Stadtgemeinschaft geworden ist, darunter mit einem kleinen veganen Restaurant.

Bei aller Freude darüber betonten Rabbiner Flomenmann und die Vorsitzende Scheinker aber auch, dass es in der Grenz­ecke Probleme gebe. »Antisemitismus zeigt sich – anders als etwa im Osten Deutschlands – eher leise und unbestimmt, aber er ist trotz allem vorhanden.«

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