Berlin-Mahlsdorf

»Falls jemand mich suchen sollte«

Die Stele, die nun seit einem Jahr an die Familie erinnert, wäre gewiss in Leopold Guthmanns Sinne gewesen. Foto: Maria Ugoljew

Im Berliner Stadtteil Mahlsdorf ist der Name Guthmann kein unbekannter. Seit 2008 gibt es dort den Guthmannplatz, seit 2013 sieben Stolpersteine am Eingang eines städtischen Friedhofs, die an das Ehepaar Otto und Charlotte und ihre fünf Kinder Berthold, Leopold, Hans, Eva und Maria erinnern. Dort, wo sich heute Grabstätten befinden, stand einst das Wohnhaus der Familie. Seit Sommer 2018 verweist zudem eine Gedenktafel auf das Schicksal der jüdischen Familie.

Ihr Vater habe sich über die Schoa lange nicht geäußert, sagt Leopolds Tochter Charlotte Gutman im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Unsere Mutter sagte immer: ›Sprecht ihn darauf nicht an.‹« Als allerdings sein Enkel Julien am 27. Februar 1996 zur Welt kam, habe sich etwas in ihm gelöst – und er habe angefangen zu erzählen.

ELTERN Denn 53 Jahre zuvor, am 27. Februar 1943, fand in Berlin die »Fabrik‐Aktion« statt, bei der die bis dahin von der Deportation noch verschont gebliebenen Juden von ihren Arbeitsstätten abgeholt und in Sammellager gebracht wurden, darunter Leopold, sein Vater Otto und der Bruder Hans. Sein Bruder Berthold war zu dem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr in einem Arbeitslager in Riga. »Unser Vater hat an diesem Tag seine Familie zum letzten Mal gesehen«, sagt Charlotte Gutman.

Keiner von ihnen überlebte die Schoa – Eltern und Schwestern wurden im Vernichtungslager Auschwitz vergast. Sein Bruder Berthold starb im KZ Buchenwald. Leopold und Hans kamen beide ins KZ Monowitz. Nur Leopold überlebte. »Er hatte Schreckliches hinter sich. Zwei Jahre in Auschwitz, dann der Todesmarsch bis Buchenwald. Er war 19 Jahre alt, als er am 11. April 1945 von den amerikanischen Soldaten befreit wurde«, erzählt die Tochter. »Er wog nur noch etwa 19 Kilo. Und war ganz allein.«

In Belgien wurde aus Leopold Guthmann Leo Gutman. Den deutschen Pass hat er dennoch behalten.

Die Nachkriegszeit erlebte Leopold Guthmann in Brüssel – dort baute er sich ein neues Leben als Kürschner auf. Auch einen neuen Namen verpassten ihm die belgischen Behörden: Aus Leopold wurde Leo, aus Guthmann wurde Gutman. Den deutschen Pass habe er dennoch behalten. »Er sagte immer: ›Falls jemand mich suchen sollte, würde er mich finden‹«, sagt Charlotte Gutman. Doch es kam niemand.

HAIFA 1948 zog ihr Vater als Marinesoldat in den israelischen Unabhängigkeitskrieg. Ein Jahr später lernte er in Haifa seine Frau Zahava kennen, die gemeinsam mit ihrer Mutter aus Kiew geflüchtet war und so dem Massaker von Babi Jar entkommen konnte. Bis zum Ende ihres Lebens seien ihre Eltern dem Staat Israel sehr verbunden gewesen, sagt Charlotte Gutman. Ihr Lebensmittelpunkt aber war Brüssel, wo Gutman bis zu seiner Pensionierung arbeitete.

2008 waren ihre Eltern erstmals wieder in Deutschland. Davor habe Leopold es nicht übers Herz gebracht, nach Mahlsdorf zu fahren. Das ehemalige Wohnhaus sei – so erzählte es ihm ein einstiger Nachbar –, als es leerstand, erst geplündert und später bei der Explosion einer Luftmine zerstört worden. 1967 wurde das Grundstück dann enteignet und dem Gartenamt zugeordnet.

Während Leopold Guthmann der Einweihung des Platzes noch beiwohnen konnte, erlebte er die Verlegung der Stolpersteine nicht mehr. 2009 verstarb er. Die Stele, die nun seit einem Jahr an die Familie erinnert, wäre gewiss in seinem Sinne gewesen.

Restitution

»Ethische Pflicht«

Bayern gibt NS‐Raubkunst an die Erben des Ehepaars Davidsohn zurück

von Helmut Reister  19.08.2019

München

Eine Puppenstube für die Gemeinde

Die IKG erhält eine Sammlung mit Spielzeugmöbeln aus dem »Volkskunsthaus Wallach«

von Ellen Presser  19.08.2019

München

Synagoge, Ignatz Bubis, Maccabi

Meldungen aus der IKG

 18.08.2019