Lesung

Exil wider Willen

Emigration bedeutet eine tiefgreifende lebensgeschichtliche Zäsur.» Dieser zeitlos gültige Satz steht auf der Rückseite des neuen Buches Die Erfahrung des Exils, das einen Blick auf eine weitgehend vergessene Opfergruppe des Nationalsozialismus wirft. 24 Münchner erinnern und berichten darin von ihren Verfolgungs- und Emigrationsschicksalen nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933.

Das Buch mit dem Untertitel Vertreibung, Emigration und Neuanfang. Ein Münchner Lesebuch ist Band 10 der «Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern» und wurde von den Historikern Andreas Heusler (Stadtarchiv München) und Andrea Sinn (University of California, Berkeley) herausgegeben und kommentiert. Sie konnten sich dabei auf das Stadtarchiv stützen, das seit rund 25 Jahren die Memoiren von Münchnern sammelt, die zum Verlassen ihrer Heimatstadt gezwungen worden waren. Eine Auswahl dieser autobiografischen Texte, die keinen repräsentativen Anspruch erheben, aber tiefe persönliche Einblicke ermöglichen, findet sich in dem Buch wieder.

unverzichtbar In der Einführung schreiben Andreas Heusler und Andrea Sinn, dass Fragen und Probleme, denen Exilanten während des NS-Regimes ausgesetzt gewesen waren, auch in der heutigen Zeit hohe Relevanz hätten. «Herkunft und Heimat», heißt es am Anfang des Buches, «sind zentrale Merkmale der menschlichen Existenz. Sie bilden unverzichtbare Orientierungshilfen zur eigenen Standortbestimmung in zunehmend unübersichtlich werdenden historischen und sozio-kulturellen Lebenswelten.»

Sie dienen der Selbstvergewisserung, formulieren Identität, benennen gesellschaftliche Bezugssysteme und definieren die kommunikativen und kulturellen Handlungsräume des Einzelnen in kollektiven Systemen, so die Autoren weiter. Wie eng, erzwungen und alternativlos die Handlungsräume der Exilanten nach 1933 waren – auch bei der Frage, nach dem Ende der NS-Zeit wieder nach Deutschland zurückzukehren –, ist in den autobiografischen Texten des Buches allgegenwärtig.

Bei seiner Präsentation im Gemeindezentrum beschränkten sich die Veranstalter nicht auf eine Vorlesestunde. Die szenischen Lesungen (Hannah Schutsch und Fabian Ringel) dienten der historischen Einordnung, die an dem Veranstaltungsabend noch weiter vertieft wurde. Der Physiker Georg Sparberg, der kurz vor der Jahrtausendwende als sogenannter Kontingentflüchtling aus Odessa nach Deutschland gekommen ist, führte mit Andreas Heusler und Andrea Sinn ein Gespräch unter dem Titel «Emigration damals und heute», das angesichts der Flüchtlingskrise sehr aktuell war.

individuell In Die Erfahrung des Exils werden Einzelerlebnisse geschildert, die Geschichte erst begreifbar machen. In einem Begleittext heißt es dazu: «Über die individuelle Erfahrungsebene erschließt sich die dramatische, vielfach belastende und stets folgenschwere Konsequenz von Ausgrenzung und Heimatverlust. Immer zwingen Flucht und Vertreibung zu Neuanfang und Neuorientierung in einer unbekannten, in der Regel fremden Lebenswelt, verbunden mit großer Unsicherheit.»

Auch der frühere Präsident der IKG, Hans Lamm sel. A., wurde dieser Unsicherheit ausgesetzt. Er emigrierte in die USA, kehrte aber nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Im Buch ist ein Aufsatz von ihm als Schlusswort abgedruckt, in dem er 30 Jahre nach Ende des NS-Regimes seine Erfahrungen und seine Sicht auf das jüdische Selbstverständnis beschreibt.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die vor über 30 Jahren die Nachfolge von Hans Lamm an der Spitze der IKG antrat, ist dem Thema des Abends in mehrerer Hinsicht nah. In ihrer Begrüßungsrede erinnerte sie daran, dass sie und ihr Vater schon die Ausreisepapiere in der Hand hielten, dann aber doch blieben, weil die Großmutter nicht mit ausreisen durfte. Später habe dann in ihrer und der Generation ihres Vaters immer die Frage eine zentrale Rolle gespielt, ob man angesichts der Schoa in Deutschland bleiben, ja sogar zurückkehren könne.

glaubwürdig Hans Lamm, erklärte die Präsidentin, habe die Frage für sich und sein Wirken eindeutig beantwortet. «Er hatte eine Mission und stellte seine gesamte Kraft in den Dienst des Wiederaufbaus des jüdischen Lebens in Deutschland. Wie kaum ein anderer verstand er es, Brücken zu schlagen, die Menschen für den Dialog zu öffnen und für die gute Sache zu begeistern», erinnerte sich Knobloch. «Er vermochte Wogen zu glätten und zu versöhnen. Er konnte mitreißen, und er berührte die Herzen der Menschen, weil er in jedem Moment authentisch, glaubwürdig und aufrichtig war.»

Das zutiefst positive Denken von Hans Lamm am Ende des Buchs biete gerade in der Gegenwart einen besonderen Ansatz zum Nachdenken, unterstrich Knobloch. Dies einmal mehr in Erinnerung gerufen zu haben, sei ein großer Verdienst von Andreas Heusler.

Gemeinsam mit Andrea Sinn habe er mit dem Buch eindrücklich bewiesen, wie sehr er als Leiter der Sachgebiete Zeitgeschichte und jüdische Geschichte des Münchner Stadtarchivs so achtsam wie engagiert seine schützende Hand über ein zentrales Stück Gedächtnis der Stadt halte. «Er geht dabei nicht nur mit hervorragender fachlicher Expertise ans Werk, sondern vor allem auch mit sehr viel Herz und Menschlichkeit.»

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