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Espresso und Gefilte Fisch

Inhaber Yevgeny und Julia Pickman in ihrem Feinkostladen in der Waitzstraße Foto: Uwe Steinert

Honigkuchen, Gefilte Fisch und Tiefkühltruhen voller Lamm –Yevgeny Pickman und seine Frau Julia haben sich gut vorbereitet auf den erwarteten Andrang vor Rosch Haschana. Dabei ging alles so unerwartet schnell. Erst die Idee vom koscheren Café, dann das Logo mit dem lustigen Elefanten samt Kochmütze, schließlich die Eröffnung Anfang Juli 2014: Plötzlich war der Traum Wirklichkeit geworden.

Seitdem ist der koschere Laden – Feinkostgeschäft und Café in einem – gut besucht. Jede Woche gehen rund 200 Challot aus der hauseigenen Backstube über den Ladentisch. Für runde Challot zu Rosch Haschana waren mehr als 200 Bestellungen eingegangen, viele auch auf den letzten Drücker. »Jeder Kunde bekommt bei uns, was er braucht. Auch kurzfristig.«

Resonanz Bei aller Freude über den guten Start hat der rasche Anklang die beiden Inhaber fast ein wenig überrascht. »So viel positive Resonanz freut uns. Hauptsache, die Leute fühlen sich hier wohl«, sagt Julia mit strahlendem Kate-Winslet-Lächeln. Neben dem Service und der Beratung scheint vor allem das Konzept gut anzukommen: die Auswahl ist groß, die Preise sind moderat und alles ist erschwinglicher als anderswo.

In der sonst eher ruhigen und beschaulichen Charlottenburger Waitzstraße, genau zwischen Kurfürstendamm und Stuttgarter Platz, sticht das Café schon von Weitem hervor: hohe, dezent erleuchtete Fenster, pastellfarbene Kuscheldecken über den Terrassenstühlen, frische Blumen in hohen Vasen und der leckere Duft von frisch gebackenen Croissants und Rugelach.

Drinnen überrascht das Café durch luftig-mediterranes Ambiente und prall gefüllte Regale, die zum Entlangstreifen und Entdecken einladen. Die Kuchentheke aus weißem Naturstein ist dem Eingang zugewandt, davor stehen Bistrotische und bequeme Sessel. Vorne am Fenster haben Yevgeny und seine Frau eine Kinderecke hergerichtet, mit Hockern aus handgeschnitzten Katzen und, natürlich, Elefanten. Die Einrichtung verbreitet ebenso französisches Bistroflair wie New Yorker Deli-Charme, versehen mit einem gemütlichen Hauch von russischer Datscha. Nicht zu vergessen italienische Espresso-Kultur, darauf besteht Julia augenzwinkernd.

Antipasti Die Tochter einer italien-affinen Innendesignerin hat zwar internationales Management studiert. Doch mit italienischer Kaffeekultur kennt sich die 34-Jährige inzwischen ebenso gut aus wie mit Projektmanagement. »Das hier ist mein aktuelles Projekt«, sagt sie lächelnd. »Das wird es wohl auch auf absehbare Zeit bleiben.« Demnächst wollen die Pickmans ihr Kaffeehaus-Sortiment um Brunch, israelische Antipasti, Sandwiches, Pizza und selbst gebackene Kuchen und Torten erweitern.

So rasant das Tempo, so erfolgreich das Konzept: Bei Nachbarn, Gemeindemitgliedern und Touristen ist das »Best Daily Dishes« gleichermaßen beliebt – es ist ein weiteres Mosaiksteinchen im jüdischen Berlin. Zumal eines, das auch ein Stück alter Heimat bedeutet: Russischer Kaviar steht neben französischem Foie Gras, Weine und Oliven aus Israel neben laktosefreiem Mandelpudding aus Belgien, italienischer Milchkaffee neben bulgarischen Blätterteigsnacks – internationaler könnte es kaum sein. Alles handverlesen und koscher, versteht sich. Die Aufsicht über das Café hat Rabbiner Yehuda Teichtal.

Stammgast Alexander Joselovitsch hat den Feinkostladen durch Zufall per Fahrrad entdeckt. Seitdem kommt er fast täglich hierher. »So etwas hat hier im Kiez noch gefehlt – ein koscheres Café, wo man Freitagnachmittag die Woche ausklingen lassen kann, bei Espresso und Rugelach, bevor der Schabbat beginnt. Wunderbar!«

traditionell Heute ist der Charlottenburger jedoch nicht wegen des italienischen Kaffees hier, sondern wegen Rosch Haschana. Bei ihm zu Hause beginnt das Festmahl traditionell mit Gefilte Fisch. Und davon gibt es hier jede Menge zur Auswahl. Zehn verschiedene Sorten, im Glas und tiefgekühlt, sogar für Diabetiker. Yevgeny hat reichlich vorgesorgt.

Für die Inhaber kann es gar nicht genug koschere Auswahl in Berlin geben. Die Gastronomen finden, jeder Jude, der traditionell leben will, sollte sich koscheres Essen auch leisten können. Und zwar nicht nur an den Hohen Feiertagen wie jetzt zu Rosch Haschana. Das »Daily« im Café-Namen steht daher für den Kern des Geschäftsmodells.

»Hummus kostet bei uns etwas mehr als zwei Euro«, erklärt der 37-Jährige. »So können sich viele unserer Kunden die leckeren Salate auch unter der Woche leisten, so wie in Israel. Überall in Europa kosten koschere Lebensmittel weniger. Warum nicht auch hier in Berlin? Irgendjemand muss ja mal damit anfangen.«

Milchschaum So viel Flair spricht sich schnell herum, sagt Alla Chanukaeva, während sie geschickt laktosefreien Milchschaum in ein Caffè-Latte-Glas füllt. »Das mit dem Milchschaum hat eine Weile gedauert. Aber inzwischen bekomme ich das ganz gut hin«, sagt sie stolz.

Yevgenys Mitarbeiterin kommt aus Baku. In Berlin lebt sie seit 24 Jahren. Sie hat schon in vielen koscheren Lebensmittelläden gearbeitet. Doch dieser hier habe das, »was die Leute täglich brauchen«, neben Tahina, Wurst und Delikatessen eben auch Alltagszutaten wie Ketchup, Müsli, Eis, Käse und Brot. Wer hierherkommt, müsse seine Einkäufe nicht durch drei verschiedene Läden schleppen. Und viel mehr koste es auch nicht.

Alla verteilt rasch ein Blech frischer Croissants in den Brotkörben. Dann erzählt sie: »Wir haben zum Beispiel einen Kunden, der kommt nur wegen des guten Kaffees. Morgens zum Frühstück und nachmittags nach der Arbeit. So soll es sein: Jeder ist willkommen.« Zusammen mit seiner Mitarbeiterin geht der Chef noch einmal alle Rosch-Haschana-Bestellungen durch. Am begehrtesten sind derzeit Lamm, Rinderzunge und Gulasch. Die Kilopreise liegen bei rund elf Euro.

Sous-Chef In Yevgenys Konzept fließen neben Überlegungen über die Preise auch jahrelange Gastronomie-Erfahrungen ein. Als ausgebildeter Sous-Chef hat er in Russland und Israel gearbeitet, später kamen mehrere Koch- und Konditor-Diplome in Frankreich, Österreich und der Schweiz hinzu. Auch in der Berliner Gastronomie-Szene hat Yevgeny sich einen Namen gemacht. Neben seinem Feinkost-Café betreibt er außerdem ein koscheres Catering inklusive Backstube und Kinderkantine und beliefert die Schulen der Jüdischen Gemeinde, Hochzeitsgesellschaften und Unternehmen.

Bevor Yevgeny die nächste Bestellung entgegennimmt, packt er seinem Stammkunden Alexander Joselovitsch noch französischen Wein, Gefilte Fisch und Honigkuchen in die Einkaufstüte. Auf Hebräisch wünscht er ihm ein gutes und süßes neues Jahr. Die Feiertage können kommen.

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