Porträt der Woche

»Es ist richtig, richtig schön«

Levi Ufferfilge ist Lehrer und sieht pädagogische Arbeit als Schlüssel zur Zukunft

von Katrin Diehl  29.10.2018 17:55 Uhr

»In einem orthodoxen Gottesdienst fühle ich mich zu Hause«: Levi Israel Ufferfilge (30) lebt in München. Foto: Christian Rudnik

Levi Ufferfilge ist Lehrer und sieht pädagogische Arbeit als Schlüssel zur Zukunft

von Katrin Diehl  29.10.2018 17:55 Uhr

Geboren wurde ich 1988, aufgewachsen bin ich in Ostwestfalen. Und zwar in Minden, einer Stadt mit einer winzig kleinen jüdischen Gemeinde, die damals, als ich zur Schule ging, natürlich noch kleiner war als heute. Mittlerweile hat sie, glaube ich, so etwa 100 Mitglieder. Ich bin als Kind in dieser recht überschaubaren Welt sozialisiert worden.

Meine Eltern haben dafür gesorgt, dass ich eine umfassende kulturelle und jüdische Bildung bekomme. Mein Vater, der Arme, hat mich öfters zu Schabbes in die Synagoge nach Münster oder Osnabrück kutschiert, was ja kein Katzensprung ist. Aber er hat gemerkt, dass mir das guttut.

Unsere religiöse Tradition fand ich schon immer unglaublich fesselnd. Es ist spannend, was wir an religiösen Texten haben und wie sie funktionieren, und dass das eben anders ist als im Christentum. Und es ist besonders, dass es auf eine Frage nicht nur eine, sondern mehrere Antworten geben kann. Dass die Dinge kompliziert sind. Auch das kann ein Kind ja binden. Ich fand das alles jedenfalls großartig, sodass mir schon als Teenager dieser fixe Gedanke durch den Kopf schwirrte: »Ich möchte einmal Rabbiner werden.«

Kippa Einen für mich sehr bewussten Schritt vollzog ich dann in der Oberstufe des Gymnasiums. Ich begann, Kippa zu tragen. Meine Umgebung hat darauf kaum reagiert, vielleicht weil die Westfalen irgendwie sehr private Menschen sind, die auch dem anderen seine Privatheit lassen. Nach dem Gymnasium kam die Universität, und ich zog um nach Düsseldorf. Das kleine Minden ließ ich hinter mir, fest davon überzeugt, dorthin nicht wieder zurückzukehren.

Wissenschaftlich unterwegs zu sein, hat mir anfänglich ganz gut zugesagt, und ich habe gedacht: »Na ja, eine Professur wäre ja vielleicht auch nicht schlecht.« Ich begann mit meiner Promotion, und zwar nach einem weiteren Ortswechsel nach Münster zum Institut für Jüdische Studien, bekam da auch eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, allerdings eine Erfahrung, die mich den Wunsch, Professor zu werden, dann doch lieber ad acta legen ließ. Zumal mich mittlerweile natürlich die jüdische Gemeinde Münster sehr wohl registriert hatte, die kannten mich ja noch von früher.

ethik Ich wurde einbestellt und gefragt, ob ich dort den Religionsunterricht übernehmen würde. Ich sagte zu, und es dauerte nicht lange, da meldete sich der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen‐Lippe, der war ja mein Arbeitgeber, und bat mich, dann auch noch Minden mit zu übernehmen. Also doch wieder Minden! Einmal in der Woche unterrichtete ich dort, fuhr zwei Stunden hin, zwei zurück. Das war wirklich eine einigermaßen verrückte Zeit, in der sich der Wunsch, Rabbiner zu werden, wieder nach oben arbeitete.
Meine Promotion lief nebenher, das tut sie bis heute. 2019 sollte sie fertig werden.

Das wäre großartig. Ich beschäftige mich darin mit der Halacha und jüdischer Ethik und gehe der Frage nach, wie Entscheidungen getroffen werden, wenn es um Themen geht, die in der traditionellen Literatur, in der Tora und dem Talmud, einfach noch nicht vorkommen, Themen mit einer sehr wichtigen ethischen Seite, wie zum Beispiel das Klonen oder die Genmanipulation.

Ich untersuche, wie es Rabbiner geschafft haben, Antworten zu finden für Phänomene der moderneren Zeit. Es geht also um Entscheidungsfindung. Der orthodoxe Standpunkt ist ja der, dass alles schon in der Tora irgendwie angelegt ist und angesprochen wird, die Antwort auf alles und die Rechtsprechung über alles. Man muss es nur »entdecken«.

Für mich selbst finde ich die Frage »Bist du orthodox?« eher müßig. Ich bin traditionsbewusst, und statt zu sagen: »Ich bin liberal, ich bin konservativ, ich bin nichts oder ich bin orthodox«, halte ich es für wesentlich aussagekräftiger, wenn man den Leuten davon berichtet, wie man seinen Alltag bestreitet. Wenn ich erzähle, dass ich koscher lebe und den Schabbat halte, sagt das mehr aus, als wenn ich irgendein Label hervorziehe.

Was ich allerdings von mir behaupten kann, ist, dass ich mich, geht es um den Gottesdienst, eigentlich nur in einem orthodox geleiteten so richtig wohlfühle, weil ich verstehe, wie der funktioniert, und weil ich die orthodoxe Liturgie sehr mag. Ich fühle mich da zu Hause.

buch Jetzt war ich also wieder in Münster, und der einzige Grund, warum ich von dieser Stadt, die ich wirklich jedem nur empfehlen kann – wo ich eine Stellung an der Uni hatte, wo ich die Gemeindearbeit wirklich geliebt habe –, der einzige Grund, warum ich von dort wieder weggezogen bin, war, dass ich letzten Sommer krank geworden bin und mir mein Arzt gesagt hat, dass es in München für mich bessere Behandlungsmöglichkeiten gebe. Also bin ich nach München, habe mich behandeln lassen und hatte auf einmal sehr viel Zeit.

Zeit genug, um ein Buch zu schreiben zum Beispiel. Zunächst waren es kleine Texte, die ich auf Facebook gestellt habe, ein Essay, der in der Online‐Ausgabe der »Süddeutschen« erschienen ist. Ich erzähle da so etwas wie Anekdoten von einem, der auszog mit einer Kippa auf dem Kopf. Ich erzähle von mir und was einem passiert, wenn man als jüdische Person erkennbar ist.

Zwei Drittel der Geschichten berichten von Erlebnissen, auf die man gerne verzichten könnte, ein Drittel von recht netten Begebenheiten.

Während man in Düsseldorf eher von Menschen mit arabischem Migrationshintergrund angepöbelt wurde, sind es hier in München eher die »Urbayern«. Es gibt nette alte Damen, die sich an meinem Anblick erfreuen, andere, die, wenn man bittet, an ihnen vorbeigehen zu dürfen, keifen: »Jetzt muss ich auch noch einem Juden Platz machen.«


Skript Ein Mann zeigte mir gegenüber dieses Abmurkszeichen am Hals, ein anderer in Lederhose empfahl mir, ich solle doch mal »ehrliche Arbeit mit meinen Händen tun«. Viele meiner bayerischen Freunde sind schockiert, wenn ich ihnen von solchen Vorfällen erzähle, die mitten in diesem schönen München, wo ganz zentral eine traumhafte Synagoge steht, passieren. Jedenfalls fand eine Literaturagentin meine kleinen Texte lesenswert und hatte die Idee, sie gesammelt als Buch herauszugeben. Wir haben das Skript mehreren Verlagen angeboten, das Interesse daran war wirklich bemerkenswert, und im Herbst 2019 wird mein Buch erscheinen.

Ich habe mich also so peu à peu eingerichtet in München, bin dann auch zur hiesigen Gemeinde, um mich anzumelden. »Ich bringe mich auch gerne ein«, habe ich so leicht dahingesagt und nicht geahnt, was das für Folgen haben würde. Zu meinen Unterlagen, die ich vorgelegt habe, gehörte auch meine Lehrerlaubnis aus Nordrhein‐Westfalen. Das hat wohl Aufmerksamkeit erregt.

Ich bekam eine Einladung von Charlotte Knobloch zu einer Besprechung, bei der auch Frau Geldmacher, die säkulare Schulleiterin des jüdischen Gymnasiums, anwesend war. Kurz und gut, man wollte mich haben, und jetzt bin ich der jüdische Schulleiter des Jüdischen Gymnasiums in München. Wow! Etwas Besseres hätte mir wirklich nicht passieren können. Ich mache das jetzt seit Mai, und es ist richtig, richtig schön. Ich habe unglaublich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Es gibt so vieles, das ich auf den Weg bringen kann.

Tel Aviv Zum Beispiel kurble ich gerade jüdische Schulpartnerschaften in Tel Aviv, Genf und London an. London wollte ich unbedingt dabeihaben, weil ich als junger Erwachsener dort auch einmal auf eine jüdische Schule gegangen bin, und das war großartig. Nordlondon ist das Jüdischste, was man in Europa finden kann. Jüdische Kinder, die dort hinkommen, werden sich zum ersten Mal nicht als Minderheit begreifen. Man kann überall essen, alles ist koscher. Man ist nichts Besonderes.

Für unsere Kinder wäre das wirklich ein Erlebnis. Zu meinem schulischen Alltag gehört, dass ich in allen Klassen Religionsunterricht gebe, ich kümmere mich um die Gebetszeiten, versuche, so häufig wie möglich das Essen mitzubetreuen, damit dann auch die Brachot am Anfang und am Ende sitzen. Ich mache die Schabbatfeier, plane Schulgottesdienste für die ganze Familie.

Mir liegt sehr daran, dass wir den Jugendlichen die Möglichkeit geben, die Gemeinde und Synagoge als ihr weiteres Zuhause zu begreifen. Ich versuche nicht, den Kindern mein Judentum anzuerziehen. Ich möchte, dass sie ihr eigenes Jüdischsein entdecken, ihren eigenen Platz in unserer Gemeinschaft finden. So ist auch mein Ansatz im Rahmen des Jüdischen Zukunftskongresses.

zukunftskongress Ich wurde zur Podiumsdiskussion »Jüdischer sozialer Aktivismus, Erinnerung, Politik« eingeladen, bei der debattiert wird, wie wir angesichts der politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit leben und als Jüdinnen und Juden agieren wollen.

Das ist eine der vielen wichtigen Fragen, die der Zukunftskongress stellen will. Ich werde dabei gewiss übers eigene Kippatragen und meine Formen des Engagements gegen Antisemitismus sprechen, aber auch darüber, wie pädagogische Arbeit eine Schlüsselrolle bei den Herausforderungen für das Judentum in Deutschland und Europa spielen wird.

Nicht zuletzt wird es auch darum gehen, wie die Gemeinden durch Tradition und Innovation zukunftsfest gemacht werden können. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf den Austausch.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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