München

»Es gab einige Wunder«

In Israel beginnt der Nationalfeiertag Jom Haschoa mit einer Gedenkveranstaltung in Yad Vashem. Überall im Land wehen die Fahnen auf Halbmast, viele Geschäfte sind geschlossen, um 10 Uhr heulen die Sirenen, Passanten bleiben stehen, Autos, Busse, der gesamte Verkehr ruht. Dieser Tag ist den Opfern des Holocaust und den Helden des Widerstands gewidmet. Ihrer wird von der jüdischen Gemeinschaft überall auf der Welt gedacht.

In der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist die alljährliche Gedenkfeier in der Ohel-Jakob-Synagoge, die von der Kulturabteilung und dem Jugendzentrum organisiert wird und auch die Jahrestage zum Aufstand im Warschauer Ghetto und die Befreiung der Konzentrationslager mit einschließt, ein fester und wichtiger Teil des Gemeindelebens.

entwicklung Die Relevanz, die dieser Tag für Juden besitzt, unterstrich IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch am Rande der Gedenkveranstaltung am Sonntagabend vergangener Woche. »Jom Haschoa ist ein bedeutsamer Tag für uns – und sollte es auch für alle anderen sein. Doch immer mehr Menschen«, stellte sie fest, »wollen die Geschichte hinter sich lassen, wollen das Geschehene nicht mehr hören, wollen sich den Ungeheuerlichkeiten nicht mehr stellen.«

Auf die fatale gesellschaftliche Entwicklung, die schon seit Jahren in ihrem Fokus steht und von ihr mit großer Sorge beobachtet wird, ging Charlotte Knobloch in ihrer Funktion als »Commissioner for Holocaust Memory« auch in ihrer Botschaft an den World Jewish Congress ein, der von Sonntag bis Dienstag in New York tagte.

»Einige versuchen, die Schoa aufgrund ihrer unbegreiflichen Grausamkeit so weit ins Unvorstellbare zu mystifizieren«, so Charlotte Knobloch, »dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Nazis und ihre willigen Mitstreiter und Vollstrecker seien Außerirdische gewesen. Aber das waren sie nicht. Der Holocaust war ein präzedenzloses, singuläres Verbrechen von Menschenhand. Und es ist eben gerade die Erkenntnis, dass Menschen zur Unmenschlichkeit imstande sind, die universell ist, die bleibt, die bleiben muss. Deswegen werden wir nicht aufhören zu erinnern.«

chor Eindringlich, trotzdem einfühlsam, nachdenklich und doch Hoffnung verbreitend: So trugen Jugendliche und junge Erwachsene der Gemeinde bei der Gedenkstunde in der Synagoge am Jakobsplatz Texte und Lieder mit Bezug zur Schoa vor. Sie zeigten damit, wie gelungene Erinnerungsarbeit konkret aussehen kann. Ihre Inszenierung mit dem Titel »Ein Gedenken, das niemals endet« hinterließ bei der IKG-Präsidentin und den vielen Gläubigen, die zur Gedenkstunde in die Synagoge gekommen waren, einen tiefen Eindruck. Zur tief in die Seelen eindringenden Stimmung, die die Gedenkstunde ohnehin schon verbreitete, trug auch der Synagogenchor »Schma Kaulenu« unter Leitung von David Rees bei.

Das El male Rachamim trug an diesem Abend Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman vor. Für ihn war es ein ganz besonderer Tag. Zum Programm der Gedenkstunde gehörte auch ein Vortrag des Schoa-Überlebenden Naphtalie Packter. Der Titel, den der in Ehren ergraute, bescheiden, höflich und zurückhaltend wirkende Herr, der erst vor wenigen Tagen seinen 79. Geburtstag feiern konnte, für seine Betrachtungen gewählt hatte, verriet viel über sein Leben: »Dank einiger Wunder am Leben geblieben«. Diese Wunder haben dazu geführt, dass seine Begegnung mit Rabbiner Brodman auch ein familiäres Treffen wurde. Packter ist sein Schwiegervater.

Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht der Stil, den Naphtalie Packter bevorzugt, wenn er aus seinem Leben erzählt: von seiner Kindheit in Amsterdam, seinem Leben bei Pflegeeltern, der Nachkriegszeit, seinem neuen Leben in Israel. Aber selbst seine zurückhaltende Art kann nicht verwischen, dass es eine ganze Reihe von Wundern gewesen sein muss, die ihm half, der Schoa zu entkommen. Seine Eltern hatten dieses Glück nicht. Seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet, sein Vater starb auf einem Todesmarsch.

Einblicke »Wir müssen nicht nur in die Vergangenheit blicken, sondern auch daraus lernen und dafür sorgen, dass sich die Vergangenheit nicht in der Zukunft wiederholt« – dieser Satz, den IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch im Umgang mit der Geschichte für maßgeblich hält, trifft auf Naphtalie Packter geradezu maßgeschneidert zu. »Ich fühle mich verpflichtet«, gibt er Einblick in seine Denkweise, »jeden Augenblick meines Lebens gut zu nutzen und mich darum so gut wie möglich zu bemühen. Dieses Gefühl besteht auch bei meinen Kindern und meinen Enkeln – und eines Tages werden auch sie den Weg gehen, den ihnen ihr Großvater vorgegeben hat.«

Die tiefe Beziehung zu seinen Eltern, die sein Leben und das seiner Familie bis heute mitbestimmt, hängt mit einer Postkarte zusammen, die seine Eltern schrieben, als sie den Zug in den Tod besteigen mussten. Sie baten, dass ihre Kinder eine gute jüdische Bildung erhalten sollten, damit sie wüssten, wofür sie leiden.

Naphtalie Packter hatte Glück, dass auch seine Pflegeeltern dieses Vermächtnis als Verpflichtung ansahen und ihm eine erstklassige Ausbildung ermöglichten. »Das hat mich meine ganze Biografie lang geleitet«, beschreibt er einen ausgesprochen positiven Teil seines Lebens.

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