Dresden

Enttäuschte Erwartungen

Was im vergangenen Jahr funktionierte, soll auch in diesem ein Zeichen gegen Rechts werden. Doch die Solidarität der Bürger wird schwächer, sagt Nora Goldenbogen. Foto: Steffen Giersch

Das Urteil des Verwaltungsgerichts kam gerade rechtzeitig, um vor dem 13. Februar die Diskussion um diesen problembeladenen Gedenktag zusätzlich anzuheizen. Zum 66. Mal erinnern die Dresdner in diesem Jahr an die Zerstörung ihrer Stadt im Zweiten Weltkrieg und an Zehntausende, die dabei ihr Leben verloren.

Seit etlichen Jahren missbrauchen aber auch Neonazis dieses Datum, um einen sogenannten Trauermarsch durch die sächsische Landeshauptstadt abzuhalten. Im vergangenen Jahr konnte der Umzug durch eine Sitzblockade gestoppt werden. Doch jetzt entschied das Dresdner Verwaltungsgericht: Die Polizei hätte die Blockade räumen müssen, um die Neonazi-Veranstaltung zu ermöglichen.

Die Enttäuschung über den Richterspruch ist groß – auch bei der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. »Wir sind entsetzt und haben keinerlei Verständnis für dieses Urteil«, kommentiert die Vorsitzende Nora Goldenbogen. Traurig ist Goldenbogen auch über die Atmosphäre in der Stadt: »Der Konsens war schon mal größer.« In der Tat beziehen die demokratischen Parteien unterschiedliche Positionen: Die Konservativen favorisieren stilles Gedenken. Linke und Grüne setzten auch auf Blockaden.

notwendigkeit Die wird es – Richterspruch hin oder her – vermutlich auch in diesem Jahr wieder geben. Das Dresdner Bündnis »Nazifrei – Dresden stellt sich quer« jedenfalls hält den Sitzprotest für »moralisch notwendig«. Das Bündnis erwartet mehr als 140 Busse mit Blockadeteilnehmern. »Händchenhalten reicht nicht«, begründet Kerstin Köditz, Linke-Sprecherin für antifaschistische Politik, mit Blick auf die Menschenkette.

Für die jüdische Gemeinde war die Menschenkette, in die sich im vergangenen Februar rund 15.000 Dresdner einreihten, zusammen mit der Blockade jedoch ein wirkmächtiges Signal gegen die Neonazis. »Viele aus der Gemeinde waren bei der Menschenkette dabei, und wir waren alle sehr froh hinterher. Das war ein richtig wichtiges Erlebnis«, erinnert sich Nora Goldenbogen.

So wie 2010 unterstützt die Gemeinde auch diesmal wieder den Aufruf der Oberbürgermeisterin, am 13. Februar eine Menschenkette zu bilden. Der gestoppte »Trauermarsch« vom vergangenen Jahr hätte ein Wendepunkt sein können, meint die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Noch ein oder zwei Jahre geschlossenes Agieren gegen die Marschierer – und der braune Spuk wäre vielleicht erledigt gewesen. Doch jetzt befürchtet Goldenbogen, dass der 13. Februar auch in der jüdischen Gemeinde noch lange ein Thema bleibt, mit dem sie sich gezwungenermaßen befassen muss: »Für uns bringt dieser Tag Anspannung und Ängste – gerade für die älteren Gemeindemitglieder – mit sich.«

umdeutung Längst beschäftigt der 13. Februar nicht nur die alteingesessenen Dresdner, sondern auch die vielen zugewanderten Juden, bestätigt der gebürtige Ukrainer Yuriy Tsoglin. Als der Diplom-Ingenieur 1995 nach Dresden kam, wusste er allerdings schon um die Besonderheit dieses Tages, denn als Kind verbrachte er einige Jahre im zerstörten Dresden. »Die schreckliche Bedeutung des Bombardements habe ich schon als Zehnjähriger begriffen«, erinnert sich Tsoglin.

Umso schlimmer findet auch er es, dass Neonazis versuchen, die Geschichte umzudeuten. Erschwerend kommt in diesem Jahr hinzu: Es sind zwei Demonstrationen geplant. Das bundesweit größte Neonazi-Treffen, wird vermutlich erst am 19. Februar stattfinden. Für diesen Tag plant auch das Bündnis »Nazifrei« seine Sitzblockade. Am 13. rechnet man bisher mit kleineren Aufmärschen von Rechten. Die Jüdische Gemeinde hofft, dass man sie rechtzeitig über den Verlauf der Routen informiert.

Laut neuem Versammlungsrecht dürfen die Extremisten nicht mehr direkt an der Synagoge vorbei laufen. Trotzdem: »Was hier in Dresden passiert, ist für eine jüdische Gemeinde im Grunde unerträglich«, stellt die Vorsitzende klar. Am 13. Februar wollen sich Nora Goldenbogen, Geschäftsführer Heinz-Joachim Aris und viele Gemeindemitglieder wieder in die Menschenkette einreihen. Das Gemeindehaus ist an diesem Tag, einem Sonntag, wie gewohnt auch für Nichtjuden geöffnet. Zusätzlich werden sich befreundete Vereine vorstellen. Um die Sicherheit zu gewährleisten, werden verstärkt Ordnungskräfte anwesend sein.

Der 19. Februar fällt auf den Schabbat. Aus organisatorischen Gründen wird es in Dresden keine Gottesdienste geben. »Wir wissen noch nicht, wie wir mit diesem Tag umgehen«, räumt Goldenbogen ein. Ob und wie die Mitglieder der Gemeinde an jenem Tag gegen den geplanten Großaufmarsch der Neonazis demonstrieren, sei die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen, betont sie. Am Freitag kündigten die Dresdner Kreisverbände von CDU und FDP für den 19. eine Mahnwache zum symbolischen Schutz der Synagoge an.

Was ist für den 13. Februar geplant?
Am 13. Februar ruft Oberbürgermeisterin Helma Orosz dazu auf, eine Menschenkette zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens zu bilden. Erwartet werden etwa 10.000 Teilnehmer. Ab 13.15 Uhr beginnt der Aufbau an der Goldenen Pforte des Rathauses. Sie wird über Augustusbrücke und Carolabrücke die Neustädter Seite einbeziehen. Um 14 Uhr läuten die Glocken aller Kirchen der Innenstadt. Das ist das Signal für den Zusammenschluss der Menschenkette.

Boris Schulman

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