Berlin

»Entschlossen dagegenhalten«

Vor der französischen Botschaft in Belgien: Demonstration gegen Judenhass Foto: dpa

Ein Gespenst geht um in Europa: Ob antisemitische Ausschreitungen in Ungarn, rechtsextreme Proteste in Griechenland oder judenfeindliche Demonstrationen in Frankreich – der Antisemitismus in Europa grassiert. Was das für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland bedeutet und wie junge jüdische Erwachsene damit umgehen können, ist Thema des am heutigen Donnerstag beginnenden Jugendkongresses in Berlin.

Rund 400 junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren aus ganz Deutschland nehmen an dem viertägigen Treffen unter dem Motto »Wie antisemitisch ist Europa heute?« teil. Zum ersten Mal werden aufgrund des international angelegten Themas auch Teilnehmer aus dem europäischen Ausland anreisen. Organisiert wird der Kongress von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) und dem Zentralrat der Juden in Deutschland.

beunruhigend »Es gibt – leider – immer mehr Anlass dazu, sich ernsthaft mit dem Thema Antisemitismus in Europa zu beschäftigen«, begründet Aron Schuster das alles andere als positiv ausgerichtete Konferenzthema. Mit dem Jugendkongress möchte der stellvertretende Direktor der ZWST den jungen Erwachsenen Möglichkeiten aufzeigen, wie sie auf den stärker werdenden europäischen Judenhass reagieren können. Deshalb ist es ihm wichtig, dieses Jahr den Blick erstmals auch über den Tellerrand hinaus nach Europa zu wenden, nachdem sich der Kongress in den vergangenen Jahren vorrangig mit deutsch-jüdischen Themen beschäftigt hatte.

Das findet auch Zentralratspräsident Dieter Graumann. »Das Thema des Jugendkongresses macht deutlich, dass wir gerade in einer Zeit leben, in der Antisemitismus in Europa leider wieder zunimmt«, betont Graumann. »Deshalb müssen wir hier entschlossen dagegenhalten. Und ich bin voller Zuversicht, dass uns dies gemeinsam auch gelingen wird.« Nur zusammen könne eine »starke, selbstbewusste jüdische Zukunft hier in Deutschland« gestaltet werden, so Graumann.

Der bekennende langjährige wie leidenschaftliche Jugendkongress-Fan Graumann freut sich auch schon jetzt darauf, mit den Teilnehmern persönlich ins Gespräch zu kommen. »Der Austausch mit unseren jungen jüdischen Menschen bereichert und beflügelt mich immer ganz besonders«, unterstreicht Graumann. »Es ist für mich etwas ganz Besonderes, gerade nach dem Besuch des Hauses der Wannsee-Konferenz, zu den Teilnehmern, auf die ich doch so stolz bin, zu sprechen.« Er möchte den jungen Menschen signalisieren, dass ihre Ideen ihm wichtig sind: »Es liegt mir sehr am Herzen, ihre Anliegen und Anregungen in Erfahrung zu bringen.«

ungarn Den Auftakt des Programms macht am Donnerstag nach den Begrüßungen durch Abraham Lehrer von der ZWST Präsidiumsmitglied Mark Dainow und Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman der frühere rechtsextreme Politiker Csanád Szegedi aus Ungarn.

Vor einem Jahr noch war Szegedi einer der übelsten Hetzer der antisemitischen Partei Jobbik, seine judenfeindlichen Reden waren gefürchtet. Doch dann erfuhr er, dass er selbst Jude ist – seine Eltern hatten ihm dies stets verheimlicht. Auf dem Jugendkongress berichtet er aus eigener Erfahrung über den Antisemitismus in Ungarn.

Am Freitag finden die Workshops in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz statt. Die jungen Erwachsenen können aus mehreren deutsch- und englischsprachigen Vorträgen wählen. Der Psychologe und Coach Louis Lewitan gibt Einblicke in die »Psychopathologie des Antisemitismus«. Matthias Jakob Becker von der TU Berlin beleuchtet mit dem Thema »Antisemitismus im Internet« eine vergleichsweise neue Erscheinungsform des Judenhasses.

Über muslimischen Antisemitismus spricht Ron Schleifer von der israelischen Universität Ariel in seinem englischsprachigen Vortrag. Im benachbarten Haus der Gewerkschaft ver.di wird dann Zentralratspräsident Graumann zu den jungen Erwachsenen sprechen. Am Abend stehen dann nach dem Kiddusch die Rabbiner Avichai Apel und Julien Chaim Soussan den Teilnehmern Rede und Antwort.

Ein Highlight am Samstag ist der Vortrag von der Berliner Lehrerin Lea Feynberg über »Vorurteile unter jugendlichen Migranten«. Die 1980 in Moskau geborene Feynberg unterrichtet an einer Berliner Problemschule und hat über ihren Berufsalltag das kurzweilige Buch Ich werd sowieso Rapper. Erfahrungen einer gut gelaunten Lehrerin geschrieben. Im Anschluss daran beginnen weitere Workshops, die vom Judenhass in der Kirche bis hin zum Fußball weitere Erscheinungsformen des Antisemitismus behandeln.

Podium Der abschließende Höhepunkt des Kongresses ist traditionell die Diskussion am Sonntag. Von jeder Jugendorganisation der großen Parteien nimmt jeweils ein Vertreter an dem Podium teil und wird seine Sicht auf jüdisches Leben in Deutschland darlegen. »Die Jugendorganisation der Linkspartei wird bedauerlicherweise – trotz unserer Anfrage – nicht an der Podiumsdiskussion teilnehmen«, sagt Aron Schuster von der ZWST. Die Moderation übernehmen die Journalistin Esther Schapira und Daniel Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

Wem nach so viel inhaltlichem Input der Kopf raucht, der kommt am Samstagabend auf seine Kosten: Nach der Hawdala findet die große Jugendkongress-Party mit der bekannten israelischen Showband »Netanel Kuperman« statt. Und eines steht dabei schon jetzt fest: Eine solch große und ausgelassene Party des jungen Judentums in Deutschland hat es in diesem Jahr noch nicht gegeben.

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