Duisburg

Einmal wieder jung sein

Gemeinsam sind sie stark: Um die kleine Rübe aus der Erde ziehen zu können, müssen alle mit anfassen. Foto: Alexandra Umbach

Das Ende eines Schuljahres ist immer ein Grund zur Freude –Freude darüber, dass man endlich in die Ferien entlassen wird. In der Sonntagsschule des Duisburger Gemeindezentrums wird hingegen gefeiert, dass alle Teilnehmer, Lehrer, Betreuer und Eltern noch einmal zusammenkommen, bevor sie in den nächsten Wochen in den Urlaub entschwinden.

Es dauert etwas, bis die Chorleiterin ihre Sängerinnen und Sänger vor den Mikrofone richtig postiert hat. Die drei kleinen Herren in den schmucken Anzügen nach links, das große Mädchen bitte in die Mitte, rechts zupft noch ein Mädchen an ihrem glitzernden Kleid. Wenn die Kinder und Jugendlichen üblicherweise an Sonntagen in die Gemeinde kommen, treffen sie auf rund 25 Teilnehmer und Betreuer.

Nun werden sie von 150 Augenpaaren betrachtet. Eltern, Großeltern und Gemeindemitglieder wollen nun sehen, was sie zum Ende des Schuljahres vorbereitet haben. Das Programm ist eigentlich nur von Kindern und für Kinder, aber es ist auch eine Gelegenheit für die Erwachsenen, sich unterhalten und Jahrzehnte zurückversetzen zu lassen.

Gemeinsamkeit Zum Beispiel als die Kinder die Geschichte von der Rübe auf die Bühne bringen, die beinahe zu groß und zu schwer ist, um aus der Erde gezogen zu werden. In Deutschland ist das Märchen eher unbekannt, und so dürfte es den Zuschauern auch schon lange nicht mehr begegnet sein. Doch als der Großvater kommt, die Großmutter, das Enkelkind, sogar Katze und Maus helfen müssen, damit die Rübe endlich aus der Erde gezogen werden kann, sind alle Besucher im Gemeindesaal wieder Kinder.

»Puh, ist das stressig«, sagt Oleg Tartakowski, als er in ein Büro huscht, um einen Moment Ruhe zu haben. Der Leiter des Jugendzentrums ist schon den ganzen Tag auf den Beinen, schleppt Getränkekisten, hält die kleinen Hauptdarsteller bei Laune, moderiert nebenbei. »Es sind viel mehr Leute gekommen, als wir dachten. Das ist eine gute Resonanz«, sagt der 26‐Jährige.

»In diesem Jahr haben wir das Konzept unseres Sommerfests verändert und viele Institutionen und Organe der Gemeinde eingebunden, zum Beispiel den Frauenverein, das Kindergartenteam oder Makkabi. Sonst war das immer nur vom Jugendzentrum organisiert. Und es hat funktioniert, wir konnten viel mehr Mitglieder erreichen.«

Doch am liebsten würde er noch mehr Kinder und Jugendliche ansprechen, damit es im nächsten Schuljahr noch voller in Sonntagsschule und Jugendzentrum wird. Aber er ist damit zufrieden, was sein Team in den vergangenen Monaten erreicht hat, denn das Angebot wurde mit mehr jüdischen Inhalten gefüllt.

Tradition »In der Sonntagsschule haben wir in diesem Jahr Englisch aus dem Programm genommen. Das war als Frühförderung geplant, aber jetzt gibt es das ja auch schon ab der ersten Klasse in den Schulen«, erzählt Tartakowski. »Stattdessen bieten wir jetzt das Fach ›Jüdische Tradition‹ an, das auch von unserem Religionslehrer betreut wird. Wir hoffen, dass die Kinder dadurch auch mehr Interesse am Religionsunterricht bekommen.«

Das Interesse am Jugendzentrum jedenfalls ist konstant hoch. Bei gutem Wetter lassen sich zwar die etwas Älteren nur selten blicken, weil sie lieber mit Freunden unterwegs sind, doch auch sie werden an das Haus gebunden. Wenn die Jugendlichen in ein Alter kommen, in dem sie die Angebote nicht mehr reizvoll finden, geht Oleg Tartakowski einen anderen Weg, um sie nicht zu verlieren. »Wir nehmen sie dann in das Team der Betreuer auf.

Madrichim können sie nicht gleich werden, aber sie kennen sich schon genug aus, um mitzuarbeiten. Bei uns heißen sie dann Anwärter. Und das klappt auch gut, so wächst unser Team immer weiter«, erklärt Tartakowski. Seinem Team beim Sommerfest auf der Bühne danken zu können, ist für ihn beinahe wichtiger als die anderen Programmpunkte an diesem Tag. »Ohne diese Menschen, die hier ehrenamtlich arbeiten, geht es nicht.«

Attraktivität Nun haben die Betreuer ebenso wie die Kinder Sommerferien, doch es muss schon am Programm für das neue Schuljahr gearbeitet werden. Erst geht es für vier Madrichim gemeinsam nach Israel, um neue Ideen zu sammeln, dann werden Termine und Unterrichtsinhalte geplant. Auf außergewöhnliche Angebote wie Aktivitäten oder Städteausflüge wird dabei besonderer Wert gelegt. »Wir wollen vor allem für Teenager attraktiver werden«, betont Tartakowski.

»Wenn die am Montag in die Schule kommen und gefragt werden, was sie am Wochenende so gemacht haben, sollen sie nicht nur sagen können: ›Ich habe im Jugendzentrum rumgehangen.‹ Die Jugendlichen sollen merken, dass sie zu einem besonderen Kreis gehören, wenn sie zu uns kommen.«

Die persönlichen Kontakte sollen ihnen wieder wichtiger werden als die lockeren Freundschaften in den sozialen Netzwerken des Internets. Nur mithilfe seiner Facebook‐Friends hätte der Großvater die Rübe schließlich nicht aus der Erde herausziehen können.

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