München

Eine Stadt erinnert sich

Am 8. Juni setzen Bürger ein Zeichen gegen historischen und heutigen Judenhass

von Helmut Reister  28.05.2018 20:42 Uhr

Am 8. Juni 1938 wurde auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers die Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße zerstört. Foto: privat

Am 8. Juni setzen Bürger ein Zeichen gegen historischen und heutigen Judenhass

von Helmut Reister  28.05.2018 20:42 Uhr

Mit einer Kundgebung auf dem Jakobsplatz im Herzen der Stadt will München ein Zeichen der Solidarität mit den Juden und gegen den wiedererstarkenden Antisemitismus setzen. Der Tag für die Aktion, der 8. Juni, ist nicht zufällig gewählt. Am 8. Juni 1938, vor genau 80 Jahren, wurde auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers die Hauptsynagoge an der Herzog‐Max‐Straße zerstört und innerhalb weniger Wochen dem Erdboden gleichgemacht.

Die von der Stadt München organisierte Solidaritätskundgebung auf dem Jakobsplatz beginnt um 14.30 Uhr vor der Kulisse der Ohel‐Jakob‐Synagoge und des Jüdischen Gemeindezentrums der IKG. Die beiden Gebäude sind heute die Symbole für die vor zwölf Jahren erfolgte Rückkehr der Juden ins Herz der Stadt.

tragweite IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch, die bei der Kundgebung ebenfalls sprechen wird, hat als Zeitzeugin eine besonders tief sitzende Erinnerung an die damaligen Schreckensereignisse. »Als kleines Kind«, sagte sie einmal, »war ich mir der ganzen Tragweite und des Ausmaßes an Judenhass, der von den Nazis ausging, natürlich nicht bewusst. Aber ich spürte, dass etwas Schlimmes vor sich ging.«
Die Demonstration für mehr Solidarität findet am 8. Juni auf dem Jakobsplatz statt.

Die Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge schon Monate vor der Pogromnacht am 9. November drückt die Gnadenlosigkeit der Nazis besonders eindringlich aus. Anfang Juni 1938 war der Israelitischen Kultusgemeinde von der Stadt mitgeteilt worden, dass die Synagoge samt Grundstück für 100.000 Reichsmark abzutreten sei. Verkehrstechnische Gründe seien dafür ausschlaggebend, hieß es. Am 7. Juni beschloss Hitler bei einem Besuch dann den Abriss, am 8. Juni erhielt die IKG die entsprechende Verfügung zugestellt, am 9. Juni begann die Zerstörung.

Der heutige Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der hinter dem Aufruf zur Kundgebung steht und ein »eindrucksvolles Zeichen« gegen Antisemitismus und für Solidarität mit den Juden setzen will, kommt angesichts des 80. Jahrestags der Zerstörung der Hauptsynagoge nicht um einen kritischen Blick auf die damalige Stadtverwaltung herum. »Sie wurde von der nationalsozialistischen Münchner Stadtverwaltung mit großem Eifer betrieben«, schreibt Reiter im Aufruf zur Kundgebung. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an die Hauptsynagoge. Dort findet jedes Jahr eine Namenslesung der 5000 von den Nazis ermordeten Juden statt.

parolen 80 Jahre nach dem Abriss der Synagoge sorgt sich der Münchner Oberbürgermeister um den wieder wachsenden Antisemitismus, auf dessen Erstarken IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch schon seit Langem aufmerksam macht. Die Häufung antisemitischer Übergriffe, so Dieter Reiter, sei Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, in dem sich menschenfeindliche Einstellungen immer öf­ter in Form menschenverachtender Parolen und Taten entlade.

»Es ist unerträglich«, erklärt der Oberbürgermeister, »dass Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder beziehungsweise immer noch in Angst vor Beschimpfungen und Beleidigungen, vor Ausgrenzung oder gar vor gewalttätigen Übergriffen leben müssen.«

Mit Hinweis auf die unterschiedlichsten Erscheinungsformen von Antisemitismus, die sich auch gegen die Erinnerung an die Schoa wenden oder sich im Hass auf den Staat ausdrücken würden, fordert Reiter ein entschiedeneres Vorgehen. »Wer einzelne Formen des Antisemitismus einfach ausblendet oder gar bewusst relativiert, macht sich unglaubwürdig. Antisemitismus ist immer auch ein Angriff auf unsere liberale Gesellschaft, unsere Demokratie und die Grundwerte unseres Zusammenlebens«, schreibt er im Kundgebungsaufruf.

Unterzeichnet wurde dieser von einer Vielzahl von Organisationen und Einrichtungen: Arbeiterwohlfahrt München‐Stadt, Bayerischer Flüchtlingsrat, Bellevue di Monaco, Deutscher Gewerkschaftsbund – Region München, Erzbischöfliches Ordinariat München, Evangelisch‐Lutherisches Dekanat München, Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie«, Griechisch‐Orthodoxe Metropolie in München und Deutschland, Institut für Zeitgeschichte, Jüdisches Museum München, Kreisjugendring München Stadt, KZ‐Gedenkstätte Dachau, Verein »Lichterkette«, Ludwig‐Maximilians‐Universität München, Verein »München ist bunt!«, Verein »Münchner Forum für Islam«, Münchner Stadtmuseum, NS‐Dokumentationszentrum München sowie Verein »Weiße Rose Stiftung«.

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