Besuch

Eine Reise zum Tempel

Ellen Presser (l.) zeigt Christian Wulff, wie der Zweite Tempel ausgesehen hat. Foto: Miryam Gümbel

Als Bundespräsident hatte Christian Wulff nie die Zeit gefunden, die Einladung von Präsidentin Charlotte Knobloch wahrzunehmen, das Jüdische Gemeindezentrum zu besuchen. Am vorvergangenen Dienstag holte er dies bei seinem München‐Besuch nach. Der Alt‐Bundespräsident und die frühere Zentralratspräsidentin hatten sich bei verschiedenen Gelegenheiten getroffen, so auch bei der Einweihung der Synagoge in Mainz. Klar, dass Charlotte Knobloch ihm bei solchen Gelegenheiten auch von der Schönheit der Ohel‐Jakob‐Synagoge in München erzählt hatte.

Knobloch hatte nicht zu viel versprochen. Christian Wulff war beeindruckt, als ihn die Hausherrin des Gemeindezentrums durch den Gang der Erinnerung in die Synagoge führte. Dass dort weder sie noch der Rabbiner die »Hausherren« sind, sondern der Ewige selbst, erfuhr er bei der fachkundigen Führung durch die Leiterin der Kulturabteilung, Ellen Presser. In Christian Wulff hatte sie nicht nur einen interessierten, sondern in vielen Dingen auch fachkundigen Besucher als Gegenüber gefunden.

Instrument Eine von Wulffs ersten Fragen ist, wo genau in der Ohel‐Jakob‐Synagoge sich denn die Orgel befinde. Aus Hannover kennt Wulff das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in der Villa Seligmann mit seiner Orgel‐Sammlung. Mit dessen Gründer und Direktor Andor Izsák pflegt er einen guten Kontakt. Auf seine Frage bekommt Wulff weit mehr zur Antwort als die Erklärung, dass in einer orthodoxen Synagoge keine Instrumente gespielt werden. Presser erzählt, dass die Rabbiner nach der Zerstörung des Zweiten Tempels beschlossen hatten, keine Musikinstrumente mehr zu spielen – aus Trauer über den Verlust des Tempels. In der Orthodoxie hält man bis heute daran fest.

Wulff interessiert sich auch für die jüdische Musiktradition des 19. Jahrhunderts und erfährt, dass diese in der alten Hauptsynagoge in München weitergeführt wurde. Ellen Presser führt den Gast in einer Zeitreise zurück in das Jerusalem des Zweiten Tempels, zeigt ihm Fotos mit archäologischen Visualisierungen, die zeigen, wie dieser Bau ausgesehen hat. Sie erzählt von der Zeit in der Wüste nach dem Auszug aus Ägypten und ist mit Tempelmauer und dem Stiftszelt dann wieder mitten in der Ohel‐Jakob‐Synagoge, in der sich diese beiden Elemente verbinden.

Richtlinien So modern und hell diese Architektur anmutet, so streng habe sich die Architektin Rena Wandel‐Hoefer zugleich an die orthodoxen Richtlinien gehalten: Als deutlichstes Zeichen dafür nennt Presser die Bima, das Lesepult, das im Zentrum des Raumes steht. Sie verweist auf einige weitere bauliche Details: Wer zum Tora‐Schrein tritt, steigt im wahrsten Sinne einige Stufen empor – ein in Stein umgesetztes Zitat des Psalms 130 »Aus der Tiefe rufe ich zu Dir …«.

Auch beim Tora‐Schrein finden sich Anklänge an die Zeit des Volkes Israel in der Wüste. Nachdem der Vorhang mit dem Taubenpärchen, das auf Noahs Arche verweist, geöffnet ist, sieht man unter dem gold leuchtenden Schrein die Tragestange – ein Element der Bundeslade, die auf dem Zug durch die Wüste mitgetragen wurde. Doch nicht nur Jahrtausende weit führt der Gang zurück in die Geschichte.

Wenn der Schrein geöffnet ist, sieht man eine Tora, die für München und für die Schoa eine ganz besondere Bedeutung hat. Sie war ein Geschenk anlässlich der Einweihung: Die alte Hauptsynagoge wurde auf Verlangen Hitlers bereits im Sommer 1938 abgerissen. Am 8. Juni erhielt die Kultusgemeinde davon Mitteilung. Nach einem ergreifenden Abendgottesdienst versuchten Gemeindemitglieder wenigstens noch die Tora‐Rollen und Bücher zu retten. Eine wurde von einem Emigranten in die USA gebracht und ist nun wieder in München.

Namen Den Namen der Münchner Schoa‐Opfer war Christian Wulff bereits auf dem Weg zur Synagoge begegnet: im Gang der Erinnerung. Bevor er diesen Weg zurückging, um sich noch in einem privaten Gespräch mit Charlotte Knobloch auszutauschen, überreichte ihm Ellen Presser ein Abschiedsgeschenk: zum einen eine Postkartenserie zur Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob, zum anderen einen Glücksbringer mit einem Spruch vom Baal Schem Tow, dem Begründer des Chassidismus. »Traurigkeit schließt die Himmelstore. Durch Gebet und Hoffnung öffnen wir sie wieder. Und die Stärke der Lebensfreude beseitigt Mauern.«

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