Speyer

Ein Zeichen der Verbundenheit

Kultusminister Konrad Wolf im Gespräch mit dem Gemeindevorsitzenden Israel Epstein (v.l.) Foto: Klaus Venus

Rabbiner Yitzhak Hoenig beugt sich über den Tisch, nimmt den Stift in die Hand und setzt die letzten Buchstaben auf die prachtvolle Torarolle aus Pergament. »Die Tora ist gewissermaßen die Braut, das Volk Israel ist der Bräutigam«, erklärt der Religionsgelehrte aus Mönchengladbach, der an diesem Montag zu einem besonderen Freudenfest nach Speyer gekommen ist.

Die Speyerer Gemeinde der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz erhält ihre lang ersehnte neue Torarolle. Und Rabbiner Hoenig weiht sie »wie bei einer Hochzeit« ein – mit Geigenmusik und einem fröhlichen Festzug um die Synagoge Beith Schalom, das »Haus des Friedens«.

Die rund 60 Jahre alte Speyerer Torarolle der im Jahr 2010 erbauten Synagoge wurde nun um eine neue ergänzt, die in Israel hergestellt wurde, erzählt die Geschäftsführerin der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Marina Nikiforova. Die Kultusgemeinde mit ihren drei Gemeindehäusern in Speyer, Kaiserslautern und Ludwigshafen zählt rund 620 Mitglieder, die vor allem aus den Staaten der früheren Sowjetunion stammen.

In der Synagoge macht Rabbiner Hoenig bei der Einweihungszeremonie vor rund 100 Gästen deutlich, dass das Judentum in Speyer, aber auch in ganz Deutschland, mit der Tora‐Einweihung einen weiteren Schritt mache: »Wir wollen zurückkehren.« Dies sei der Wunsch des jüdischen Volkes nach der fast vollständigen Zerstörung des jüdischen Lebens in Europa und Deutschland durch den Nationalsozialismus.

schum‐Städte Gerade die mittelalterlichen, in jüdischen Quellen als SchUM‐Städte bezeichneten Rheinstädte Speyer, Mainz und Worms seien ein Zentrum des geistlich‐kulturellen Lebens in Europa gewesen, erinnert Hoenig. Das jüdische Volk habe aber »nie die Pflicht vergessen, zusammenzuhalten und die jüdischen Traditionen wiederzubeleben«, sagt der Rabbiner.

Die Tora bilde das geistliche Zentrum einer jüdischen Gemeinde, hebt der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, hervor. »Wer ein Haus baut, will bleiben«, sagt Lehrer in Anlehnung an einen Ausspruch des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. »Wer eine Synagoge baut und eine Torarolle hat, der will erst recht bleiben.«

Dass neues jüdisches Leben in Deutschland wächst, ist nach den Worten Lehrers vor allem dem Zuzug von Juden aus den ehemaligen Sowjetstaaten zu verdanken. Dies sei auch ein Verdienst des verstorbenen Altbundeskanzlers Helmut Kohl, der sich dafür eingesetzt habe, »dass Deutschland für verfolgte Juden in der Welt die Tore öffnet«. Der Alt‐Bundeskanzler war einen Tag zuvor, am Sonntag, auf dem Friedhof des Domkapitels in Speyer beigesetzt worden.

Der Zentralratsvize mahnt, wachsam zu sein und gegen den wachsenden Antisemitismus in Deutschland anzugehen. Die Judenfeindschaft in all ihren Facetten sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. »Dies haben Pegida und AfD ermöglicht«, sagt Lehrer. Für die Kultusgemeinde in Speyer und andere jüdische Gemeinden in Rheinland‐Pfalz ohne Rabbiner wünsche er sich von der Landesregierung, dass sie diese finanziere.

symbol Für die orthodoxen jüdischen Gemeinden in Deutschland erinnert Rabbiner Yehuda Pushkin aus Esslingen daran, dass die Tora »nicht nur das Herz der Synagoge«, sondern auch Symbol der Vollständigkeit des Gemeindelebens sei. Ohne Torarolle sei jüdisches Gemeindeleben nur schwer vorstellbar.

Der rheinland‐pfälzische Kultusminister Konrad Wolf (SPD) nannte die Tora‐Einweihung »ein Symbol dafür, dass jüdische Gemeinden in Deutschland wachsen«. Die Landesregierung werde sich auch weiter für den Schutz jüdischer Gemeinden und die Bewahrung des deutsch‐jüdischen Kulturerbes einsetzen, versprach der Minister. Gegen »antisemitische Hetzpropaganda« werde weiter unerbittlich vorgegangen. Die 1084 gegründete jüdische Gemeinde in Speyer bildete gemeinsam mit ihren Schwestergemeinden in Mainz und Worms vom 11. bis 13. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum des europäischen Judentums.

Die Jüdische Gemeinde sei aus dem Leben Speyers nicht mehr wegzudenken, sagte Oberbürgermeister Hansjörg Eger (CDU). Er erinnerte daran, dass auch die historische Bedeutung und der Wohlstand der Stadt zu einem guten Teil auf ihr reiches jüdisches Erbe zurückzuführen seien. »Speyer ging es immer dann besonders gut, wenn es auch den Juden gut ging«, sagte er.

finanzierung Erfreulich sei es, dass die Kosten für die Torarolle zu einem großen Teil von Privatspendern getragen worden seien, betont Eger. Auch die pfälzische Landeskirche und das Bistum Speyer hatten sich an den Kosten für die Anschaffung von zwei Torarollen für die Synagogen in Speyer und Kaiserslautern mit jeweils 5000 Euro beteiligt.

Die neue Speyerer Torarolle kostete rund 25.000 Euro und wurde durch die Kultusgemeinde, Benefizveranstaltungen sowie die Unterstützung zahlreicher Institutionen und Einzelpersonen finanziert, berichtet die Geschäftsführerin Nikiforova. Durch den ständigen Gebrauch seien die alten Rollen stark beschädigt worden. Deshalb könne es jederzeit dazu kommen, dass sie nicht mehr »koscher« seien und deshalb nach traditionellem Verständnis nicht mehr benutzt werden könnten.

Am 12. November soll auch die Jüdische Gemeinde in Kaiserslautern ihre neue, ebenfalls 25.000 Euro teure Rolle erhalten.

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