Haus der Kunst München

»Ein verheerendes Signal«

Symbol der Nazi-Architektur: Die Pläne des Londoner Stararchitekten David Chipperfield stoßen auf Ablehnung. Foto: Marina Maisel

Das Haus der Kunst, ein von den Nazis errichteter Monumentalbau am Rande des Englischen Gartens, soll in seinen Urzustand zurückversetzt werden. Doch die Pläne des britischen Star-Architekten David Chipperfield stoßen zunehmend auf Kritik, Ablehnung und Empörung.

Die notwendige Renovierung des Hauses – 175 Meter lang und 50 Meter breit, an dessen Fassade der Zahn der Zeit sichtlich genagt hat – ist beschlossene Sache. Das Haus der Kunst genießt als Ausstellungsort große Beachtung, die weit über München hinausgeht. Dem Freistaat Bayern, Eigentümer der Nazi-Hinterlassenschaft, ist die Renovierung rund 60 Millionen Euro wert, 20 Millionen Euro steuert der Bund bei.

konzept Mit der Frage, wie architektonisch mit dem ehemaligen Prestigebau der Nazis bei der Sanierung umgegangen werden könnte, haben sich verschiedene Architektur- und Planungsbüros beschäftigt. Das Konzept, von dem man an der Spitze des Kultusministeriums besonders angetan ist, stammt von dem Londoner Architekten David Chipperfield, der mit der Sanierung historisch belasteter Bauten schon mehrfach vor ähnlichen Herausforderungen stand. Hat er diesmal den Hintergrund nicht richtig erkannt?

Seinen Vorstellungen zufolge soll das steinerne Monstrum wieder so aussehen, wie es auch Adolf Hitler gefiel. Dazu sollen großflächig viele Bäume geopfert werden, vor allem die lange Reihe vor der Eingangsfront, der »grüne Vorhang«, um den Blick auf das riesige Gebäude freizugeben. Ähnliches soll auf der Rückseite geschehen; dazu sollen die acht großen Tore geöffnet und ein terrassenähnlicher Übergang zum Englischen Garten errichtet werden. Vom Original aus der NS-Zeit wäre das renovierte Haus der Kunst allenfalls an der fehlenden Hakenkreuzflagge zu erkennen.

Das »Haus der Deutschen Kunst«, wie es zur Zeit des Nationalsozialismus hieß, war ein Lieblingsprojekt von Adolf Hitler. Geplant wurde es auf seinen persönlichen Wunsch hin von seinem »Hausarchitekten« Paul Ludwig Troost, der auch das »Braune Haus«, die Schaltzentrale der Nazis in München, konzipiert hatte. Die offizielle Eröffnung des Baus, die Troost nicht mehr erlebte, nahm Hitler in einem pompösen Festakt selbst vor.

Die Kritik an den Bauplänen Chipperfields fällt von IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch entsprechend deutlich aus. »Wie man vor dem geschichtlichen Hintergrund und der besonderen Rolle Münchens als ehemalige ›Hauptstadt der Bewegung‹ auch nur darüber nachdenken kann, Nazi-Architektur zu rekonstruieren, ist mir völlig unverständlich«, so Knobloch.

ärger Mit ihrer Einschätzung steht die während der NS-Herrschaft geborene Münchnerin und zugleich bekannteste Repräsentantin der Juden in Deutschland bei Weitem nicht alleine da. Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums in der Brienner Straße und langjähriger Professor für Architekturgeschichte, zählt zu den profiliertesten Kennern der Münchner NS-Zeit und ihren Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Lange hat er zu den Plänen geschwiegen, jetzt aber hat er seinem großen Ärger öffentlich Ausdruck verliehen. Er bezeichnete die Erklärungen des Architekten, wonach es sich beim Haus der Kunst um große Architektur handle, die den Münchnern wieder zurückgegeben werden müsse, als »geschichtsblinde Perversion«.

So sieht es auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die von irritierenden Erklärungen sprach, etwa in Zusammenhang mit der Aussage Chipperfields, dass das Haus keine Bedrohung mehr darstelle. »Natürlich stellt ein Gebäude keine Bedrohung dar«, sagt sie, »aber die mit der nationalsozialistischen Architektur verbundene Ideologie ist verantwortlich für den Holocaust, für Massenmord und Vernichtungskrieg – für über 60 Millionen Tote.« Unter diesen Voraussetzungen dem Haus der Kunst sein früheres, von der NS-Ideologie geprägtes Aussehen wieder zurückzugeben, sei absolut unverständlich. »Die alten Nazi-Bauten zu würdigen oder gar zu glorifizieren, wäre ein verheerendes Signal«, ist die IKG-Präsidentin überzeugt.

Geboten wäre ihrer Meinung nach ein perspektivisches Sanierungskonzept, keine originalgetreue Wiederherstellung: »Ich bin offen für jeden Entwurf, der in die Zukunft gerichtet ist. Aber diese rückwärtsgewandte Fantasie mit freiem Blick auf dieses Rudiment des NS-Terrors empfinde ich als geschichtsvergessen.«

sensibilität Gerade in München mit seiner besonderen Rolle im Nationalsozialismus müsse bei der Verwirklichung solcher Bauprojekte ein besonderes Maß an Sensibilität von den Entscheidungsträgern erwartet werden, so Knobloch weiter. »Dass das braune Gedankengut mitnichten aus allen Köpfen und Herzen verschwunden ist, wissen wir«, erklärt die IKG-Präsidentin. »Ein Blick auf die letzten beiden Jahre belegt aber eine regelrechte Renaissance des rechtsextremen Denkens. Umso wichtiger ist deshalb eine klare Haltung und das Vermeiden geschichtlicher Verwässerungen.«

Charlotte Knobloch weist mit Blick auf das umstrittene Projekt darauf hin, dass es in München weitere bauliche Zeugnisse aus der NS-Zeit gibt, etwa entlang der Arcisstraße. Das, so die IKG-Präsidentin, seien Gebäude, die untrennbar mit den Nationalsozialisten und ihren Verbrechen verknüpft sind. »Diese Architektur«, gibt sie ein Stück ihres Empfindens preis, »ruft nach wie vor beklemmende und bedrückende Erinnerungen hervor.«

Vor der Kulisse dieser Gebäude spielt sich auch die aktuelle politische Wirklichkeit ab. Pegida und Co. gehen dort entlang ganz bewusst »spazieren«. Für Charlotte Knobloch ist das kein Anlass zu weniger Beklemmung, im Gegenteil. »Vor der geschichtsbeladenen Kulisse verknüpfen hier Neonazis Vergangenheit und Gegenwart auf perfide Weise.«

Dessau

Weg frei für neue Synagoge

Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt fördert das Neubauprojekt mit rund 1,9 Millionen Euro

 13.02.2020

Geschichte

Täterorte Ost

Eine Ausstellung in der Burgstraße 28 zeigt frühere NS-Institutionen von Pankow bis Köpenick

von Christine Schmitt  13.02.2020

Hamburg

Bürgerschaft beschließt Synagogenaufbau

Einstimmiges Votum für Wiedererrichtung eines repräsentativen Gotteshauses am Bornplatz

 13.02.2020

Sport

Fit in den Mai

Bei den Makkabi Deutschland Games will Maccabi München mit 100 Teilnehmern antreten

von Helmut Reister  13.02.2020

Charlottenburg

Jiddisch im Rathaus

Eine Ausstellung des Moses Mendelssohn Zentrums begibt sich auf die Spuren von Übersetzungen deutscher Klassiker

von Jérôme Lombard  06.02.2020

Dresden

Junges Museum für junge Leute

Im Alten Leipziger Bahnhof soll eine Ausstellung anderer Art über jüdisches Leben in Sachsen entstehen

von Karin Vogelsberg  06.02.2020

Kiel

Antisemitismus im Norden

Erste Statistik für Schleswig-Holstein

von Heike Linde-Lembke  06.02.2020

Halle

»Leben und Sicherheit«

Die Synagogentür rettete beim Anschlag an Jom Kippur Leben – jetzt wird sie Teil eines Kunstprojekts

von Marek Majewsky  03.02.2020

Kaiserslautern

Zutritt untersagt

Warum die Synagoge bis auf Weiteres geschlossen bleibt

von Martin Köhler  02.02.2020