I.E. Lichtigfeld-Schule

Ein Traum erfüllt sich

Fleißiges Gießen: So wird aus dem »zarten Pflänzchen« der Anfangszeit ein starker Baum. Foto: Rafael Herlich

Sie war die erste jüdische Schule, die in der Bundesrepublik eröffnet wurde. Jetzt hat die Frankfurter I.E. Lichtigfeld-Schule ihren 50. Geburtstag gefeiert, mit einem offiziellen Festakt im Gemeindezentrum und einem bunten Nachmittag voller Spiele und Attraktionen im altehrwürdigen Philanthropin, dem Gebäude, in das die Schule 2006 nach mehr als 60-jähriger Unterbrechung zurückkehren konnte. Denn mit ihrer Neugründung 1966 hatten die damaligen Verantwortlichen erneut an die große Tradition jüdischer Bildungseinrichtungen in Frankfurt anknüpfen wollen, die 1942 durch die Nationalsozialisten beendet worden war.

Doch waren die Anfänge zunächst bescheiden. Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld, der spätere Namenspatron der Schule, sprach seinerzeit von einem »zarten Pflänzchen, das noch viel begossen werden muss«. Heute zählt die Schule mehr als 400 Schüler im Alter zwischen fünf und 15 Jahren. Damals gab es nur eine erste und eine zweite Klasse, die gerade einmal von 30 Kindern besucht wurden. Untergebracht waren die Klassenräume im Westtrakt der Westendsynagoge.

wurzeln Fotos aus dieser frühen Zeit zeigen einen schmalen, dunklen Korridor zwischen hoch aufragenden Gebäudemauern: Das war der Schulhof. »Dort haben wir in den Pausen Gummitwist gespielt, während Polizeihauptmeister Berg auf einem Stuhl saß und auf uns aufpasste«, erinnert sich Anita Schwarz, eingeschult im Jahr 1970. »Er hat sogar für uns alle ein paar freundliche Zeilen in unser Poesiealbum geschrieben.«

Für ihre Eltern, sagt Anita Schwarz, sei es »selbstverständlich und keine Frage« gewesen, ihre Tochter auf eine jüdische Schule zu schicken. Dasselbe galt später für sie: Auch ihre beiden Kinder haben den jüdischen Kindergarten und anschließend die Lichtigfeld-Schule bis einschließlich der neunten Klasse besucht. »Wir hatten sogar alle drei noch dieselbe Lehrerin: Frau Kranz. Mich hat sie in Sport, Iwrit und Handarbeit unterrichtet, und für Celina und Leroy war sie die Schwimmlehrerin.«

Wie sehr der Familie »ihre« Schule am Herzen liegt, zeigt sich auch daran, dass beide Kinder von Anita Schwarz das Amt des Schulsprechers ausgeübt haben. Sie selbst war viele Jahre lang im Elternbeirat tätig. Bis heute, so erzählt sie außerdem, sind zwei ihrer Mitschülerinnen aus der Grundschulzeit ihre engsten und besten Freundinnen geblieben, auch wenn sie mittlerweile in Israel und Kanada leben. Diese frühen Jahre haben ihre jüdische Identität geprägt, ist Anita Schwarz überzeugt: »Das gab mir die Basis und die Wurzeln für mein ganzes späteres Leben.«

modell Zentralratspräsident Josef Schuster würdigte in seiner Rede die Bedeutung jüdischer Bildungseinrichtungen, die neben Elternhaus und Gemeinde der »wichtigste Ort« seien, um eine jüdische Identität zu entwickeln, und wünschte der Lichtigfeld-Schule eine »goldene und sichere Zukunft«.

In der Stärkung der jüdischen Identität sieht auch Benjamin Bloch, Gemeindevorstand und langjähriger Schuldezernent, die zentrale Aufgabe einer jüdischen Schule: »Orthodox oder liberal, traditionell oder modern, konservativ oder progressiv – Hauptsache, jüdisch soll es sein«, sagte er in seiner Ansprache beim Festakt zum Schuljubiläum. »Uns geht es nicht nur um die Verwaltung von Schülern«, vielmehr sei der Anspruch, »modellhaft für bundesdeutsche Integrationsbemühungen zu wirken«. Immerhin stammen die Schüler aus 18 unterschiedlichen Nationen.

In ihrer Verbindung von hervorragender Wissensvermittlung und gleichzeitiger Werteerziehung auf Basis des Judentums sei die Schule einzigartig, sagte auch der hessische Kultusminister Ralph Alexander Lorz, der beim Festakt Grüße und Glückwünsche der Landesregierung überbrachte.

profil Der Vorsitzende des Gemeindevorstands, Salomon Korn, erinnerte an die große Herausforderung, die mit dem Eintreffen der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion an die Schule herangetragen worden war, galt es doch, deren Kinder an das hiesige Schulsystem zu adaptieren und ihnen so schnell wie möglich die deutsche Sprache beizubringen.

Das sei der Schule meisterhaft gelungen, lobte Korn und sprach damit direkt die langjährige Schulleiterin Alexa Brum an, in deren Amtszeit diese Aufgabe fiel. Brum habe »das jüdische Profil der Schule geschärft« und den Kindern bewusst gemacht, dass sie »als Juden in einer nichtjüdischen Welt leben« und dass der Schlüssel zur Integration Bildung sei.

Das habe in Frankfurt »seit 200 Jahren Bestand«, so Korn, womit er auf die Gründung der ersten Bildungsstätte für Jungen aus bedürftigen jüdischen Familien durch Meyer Amschel Rothschild im Jahr 1804 anspielte. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich daraus unter dem Namen »Philanthropin« eine liberale Bildungseinrichtung mit moderner Pädagogik und religiösen Reformen, die auch die Erziehung von Mädchen einschloss, bis die Nationalsozialisten die Schule 1942 schlossen.

abitur Nach den ersten Jahren im Westtrakt der Synagoge war die Schule, deren Schülerzahl schon kurz nach der Gründung rasant in die Höhe schoss, zunächst im 1986 eingeweihten neuen Gemeindezentrum untergekommen, bis sie dann 2006 ins Philanthropin zurückkehren konnte. Doch schon wieder wird es eng. Denn in zwei Jahren wird nicht nur für Schuldirektorin Noga Hartmann, sondern auch für viele Eltern, Schüler und Lehrer ein lang gehegter Traum endlich in Erfüllung gehen: die Einführung einer gymnasialen Oberstufe.

»Was es schon einmal gab, soll es endlich wieder geben: ein jüdisches Abitur«, verspricht Noga Hartmann. Wenn dieses Ziel erreicht sei, könne man dem Auftrag der Schule noch besser gerecht werden. »Es gilt, die jüdische Tradition aufrechtzuerhalten und den Reichtum an jüdischer Gelehrsamkeit, Weisheit und Kultur weiterzugeben, ohne sich gleichzeitig gegenüber den aktuellen Herausforderungen einer globalisierten Welt zu versperren.«

Vor allem wünscht sich die Schulleiterin »glückliche Kinder, die sich als Staatsbürger dieser Welt verstehen«. Damit die Oberstufe Platz im Philanthropin findet, soll die Grundschule ausquartiert und in einem noch zu errichtenden Neubau untergebracht werden.

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