Neuaubing

Ein lebendiger Erinnerungsort

Das Areal an der Ehrenbürgstraße 9 ist das einzige weitgehend vollständig erhaltene Zwangsarbeiterlager im süddeutschen Raum. Foto: Marina Maisel

Am westlichen Stadtrand von München, in Neuaubing, errichteten die Nationalsozialisten ei­nes von mehr als 400 Zwangsarbeiterlagern auf städtischem Gebiet. Jetzt soll aus dem Nachlass der Nazis ein lebendiger Erinnerungsort entstehen. Das Konzept dafür lieferte das NS-Dokumentationszentrum, der Stadtrat stimmte dem Entwurf in der vergangenen Woche zu. Bis 2022 soll das Projekt realisiert werden.

Das Areal an der Ehrenbürgstraße 9 ist das einzige weitgehend vollständig erhaltene Zwangsarbeiterlager im süddeutschen Raum. In zwei der acht historischen Baracken sowie in Teilen des Außenbereichs soll nun dauerhaft an das lange verdrängte Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert werden.

Die Verantwortlichen des NS-Dokumentationszentrums, die aus dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager eine eigene Dependance machen wollen, verstehen sich als Vermittler und haben vor, mit der Verknüpfung von historischer Bedeutung und der gegenwärtigen kulturellen Nutzung neue Wege zu beschreiten.

konzept Das ehemalige Lagergelände im Münchner Westen zeichnet sich durch eine gewachsene soziokulturelle Vielfalt aus. Es wird heute unter anderem von Künstlerinnen und Künstlern, Handwerkern und zwei pädagogischen Einrichtungen genutzt. Mit ihnen soll während der Entwicklung des Projekts ein reger Austausch stattfinden, kündigte das NS-Dokumentationszentrum in einer Erklärung an.

Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers ist vom Erfolg überzeugt. »Das vorgelegte Konzept«, erklärt er, »verspricht eine zeitgerechte und zukunftsfähige Erfahrung und Auseinandersetzung mit dem historischen Ort und seiner Geschichte.« Er freue sich, dass Mirjam Zadoff, die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, damit auch eine Realisierung des Projekts im Einklang mit den derzeitigen Nutzungen möglich mache.

Den wissenschaftlichen Ansatz der Pla­nungen erklärt Mirjam Zadoff so: »In Neuaubing möchten wir neue didaktische Formate anbieten, die zur Entwicklung einer partizipativen und handlungsorientierten Erinnerungskultur beitragen. Neben der Vermittlung von historischem Wissen soll zum Nachdenken angeregt werden, sowohl über die Vergangenheit als auch über gesellschaftspolitische Fragen, wie etwa aktuelle Formen der Ausbeutung.«

ausstellung Das Konzept sieht vor, dass im Außenraum des Geländes und in einer der erhaltenen Baracken eine methodisch vielfältige multimediale Ausstellung realisiert werden soll. Neben der Geschichte des Lagergeländes sollen auch die Geschichte der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in München und deren Lebens- und Arbeitsbedingungen umfassend geschildert und zugänglich gemacht werden. Des Weiteren sollen auch die Profiteure des Ausbeutungssystems dargestellt werden, in das Münchner Unternehmen sowie staatliche und städtische Verwaltungseinrichtungen involviert waren.

Eine zweite Baracke soll jungen Erwachsenen als »Erinnerungswerkstatt« mit multifunktionaler Ausstattung die Möglichkeit bieten, zum Beispiel gemeinsam mit Kunstschaffenden ihren eigenen Zugang zur Vergangenheit zu finden.

Die Vergangenheit des »Barackenlager RAW Neuaubing« beginnt mit dessen Errichtung durch die Deutsche Reichsbahn im Jahr 1942. Tausende Zwangsarbeiter aus Russland, Weißrussland, der Ukraine, Polen, Italien, den Niederlanden und Frankreich mussten dort unter katastrophalen Umständen für das »Reich« schuften. Schwere Misshandlungen, auch mit tödlichem Ausgang, gehörten zur Tagesordnung.

ateliers Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diente die Anlage zunächst als Flüchtlingsunterkunft, ab den 50er-Jahren als Wohnareal für Bahnangestellte und als Lehrlingswohnheim der Deutschen Bundesbahn. Nach Aufgabe der Wohnnutzung zogen in den 70er-Jahren Gewerbebetriebe ein, ab den 80er-Jahren benutzten Künstler die ersten Baracken als Ateliers.

Trotz der langen Nutzungszeit hat sich die Bausubstanz der Baracken, Fundamente, Wände, Decken und Dachkons­truktion, weitgehend im Originalzustand erhalten. Sogar einzelne Fenster und Türen haben die vielen Jahre im Urzustand überstanden. Allerdings wurden in der Vergangenheit diverse Raumaufteilungen verändert – bis auf Baracke Nummer 5. Diese ist komplett im Originalzustand erhalten geblieben. Im Jahr 2009 hat die Stadt München mit Zustimmung des Landesdenkmalrates das Lager als Ensemble in die Denkmalliste aufgenommen.

Die Geschichte des ehemaligen Lagerkomplexes in Neuaubing sowie die der Zwangsarbeit auf dem gesamten Stadtgebiet wird vom NS-Dokumentationszentrum schon seit einigen Jahren intensiv erforscht. Vor einem halben Jahr ist in diesem Zusammenhang bereits eine Publikation erschienen, die den aktuellen Forschungsstand dokumentiert.

»Zwangsarbeit in München. Das Lager der Reichsbahn in Neuaubing«. Hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum München. Metropol, Berlin 2018, 354 S., 28 €

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