Speyer

Ein Haus für zwei

Neu: Die Eröffnung der Speyerer Synagoge ist für den 9. November geplant. Foto: Igal Avidar

Daniel Nemirovsky der Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, führt stolz durch die Räumlichkeiten der neuen Synagoge, die »mit Gottes Hilfe« am 9. November eröffnet werden soll. Somit bekommt eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder ein Gotteshaus – zum ersten Mal seit der Schoa. Damit beginnt auch für den 34‐jährigen Religionslehrer eine neue Ära, denn er zieht von Neustadt, dem jetzigen Sitz der Gemeinde, nach Speyer um. Sein Büro wird ebenfalls am Jahrestag des Nazipogroms eingeweiht, im selben Gebäude.

Vizevorstandsvorsitzender Georgij Aschkenasi ist sichtlich erleichtert, dass er zusammen mit der kleinen Betergemeinschaft die zwei Räume im städtischen Bü‐ rohaus verlassen darf. »Wir treffen uns dort zweimal im Monat, am Freitagabend und am Samstagmorgen, und an zwei Samstagen sind wir in Ludwigshafen.« Zugleich gibt er zu, dass nur wenige der »fast 80« Mitglieder zum Gottesdienst kommen. Nemirovsky ergänzt, dass Rabbiner Zeev‐Wolf Rubins aus Karlsruhe jeden Donnerstag und an manchen jüdischen Feiertagen die Speyerer Gemeinde besucht.

Durch die neue Synagoge erhofft sich der gelernte Ingenieur Aschkenasi, der aus der Ukraine stammt, einen stabilen Minjan, also zehn mündige jüdische Männer als Beter für einen orthodoxen Gottesdienst. »Inzwischen sind viele Männer bei uns alt und krank.« Auch aus Neustadt, Kaiserslautern, Ludwigshafen, Germersheim, Bad Dürkheim und aus der einheimischen Gruppe »Jüdische Gemeinde Speyer« um Juliana Korovai könnten Beter hinzustoßen. »Wir freuen uns auf diese Leute, wenn sie zu uns kommen. Aber sie will alles allein machen«, kommentiert er das etwas schwierige Verhältnis zu seiner Kollegin Korovai.

anerkennung Der Name der energischen, eigenwilligen und hartnäckigen Bibliothekarin, die aus Estland stammt, fällt in jedem Gespräch, das über die Speyerer Gemeinde geführt wird. Seit 15 Jahren kämpft Korovai um Anerkennung ihres Vereins als eigenständige Gemeinde und um staatliche Fördermittel. Sie sagt, sie vertrete 85 Vereinsmitglieder (laut Aschkenasi sind es maximal 20), die von Chabad Lubawitsch in den USA sowie von »orthodoxen Organisationen aus Zürich« betreut und von Sponsoren unterstützt werden.

Sie treffen sich jeden Freitagabend und an jüdischen Feiertagen in einem städtischen Seniorenbüro. Im September feierten sie medienwirksam vor den Ruinen der mittelalterlichen Synagoge neben der historischen Mikwe die erste traditionelle jüdische Hochzeit in Speyer nach der Schoa. Nur waren weder Braut noch Bräutigam aus Speyer, der Rabbiner Menachem Mendel Gurewitz kam aus Offenbach.

Korovai wird nicht zur offiziellen Einweihung eingeladen, aber sie scheint viel Einfluss auf das Gebäude und die Kultusgemeinde zu haben. Denn sie sagt Sätze wie: »Von dem, was ich gehört habe, scheint mir die Gemeinde nicht religiös genug zu sein« oder »Wenn eine Synagoge nicht mit religiösem jüdischen Leben gefüllt wird, dann ist es keine Synagoge.« Sie erinnert daran, dass sie sich als eine der ersten um eine neue Synagoge bemühte. Sie klagt gegen das Land für finanzielle Mittel, verhandelt mit dem Kultusministerium, weigert sich aber, sowohl dem Landesverband als auch der Kultusgemeinde beizutreten.

Korovai vertrete eine »Luftgemeinde«, die sich durch die Einweihung auflösen wird, meint der Landesvorsitzende Peter Waldmann. Er jedenfalls durfte ihre Mitglieder nicht besuchen. »Weil ich für sie nicht religiös genug bin.« Mit ihrer Frage, warum man mit der Synagoge keine neue Mikwe gebaut habe, wird sie in Speyer Geschichte schreiben. Denn die Kultusgemeinde beabsichtigt mit Segen von Rabbiner Rubins, die 900 Jahre alte Mikwe, die derzeit eine Touristenattraktion ist, wieder in Betrieb zu nehmen, »aber nur für Gemeindemitglieder und für religiöse Zwecke«, sagt Geschäftsführer Nemirovsky.

gemeinsamkeit Alexander Serebryanik, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, bereitet sich auf das große Eröffnungsfest und die vielen Gäste, darunter Bundespräsident Christian Wulff, Altbundeskanzler Helmut Kohl, der rheinland‐pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck und der Moskauer Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz Pinchas Goldschmidt, vor. Der 75‐jährige Dirigent Serebryanik wird bei der Einweihung einen Männerchor aus Mitgliedern der Gemeinde und professionellen einheimischen Sängern dirigieren.

Jetzt sitzt der große Mann auf einem kleinen Stuhl in der Baustelle des Gemeindesaals, wo 200 Menschen Platz finden können. Hat der erfahrene Maestro einen Tipp, wie man alle Juden in Speyer dazu bringen könnte, gemeinsam den Ton anzustimmen? Er lacht: »Eine interessante Frage, aber nicht für einen Dirigenten, sondern für einen Politiker.« Dann betont er: »Wir werden Juliana Korovai und ihre Leute als beste Freunde empfangen. Doch sie hat in einem Brief an unseren Vorsitzenden gefragt, welche Räume ihr Verein in der Synagoge bekommt.« Das schiene doch etwas voreilig.

Religiosität Zurzeit ist das Ritualbad nicht koscher, denn Touristen werfen Münzen hinein. Wer als Besucher in das kalte Wasser eintauchen will, muss sich also beeilen. Im vergangenen Jahr ermöglichte es zuletzt Johannes Bruno, einheimischer Historiker und Reiseführer auf dem Judenhof, einem Ehepaar aus Mannheim. »Der Herr hieß Abraham und seine Frau Sarah«, berichtet Bruno. »Beide haben gemeinsam das Ritualbad genommen. Ich habe aufgepasst, aber es war nicht nötig, denn die Mikwe war abgeschlossen. Als sie aus dem Bad rauskamen, habe ich extra die Hand der Frau angefasst und stellte fest: Sie war knallrot und eiskalt.«

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