München

Ehe es zu spät ist

Die Chance, ein halbes Jahrhundert später Licht in ein besonders dunkles Kapitel der Stadtgeschichte Münchens zu bringen, ist gering. Das weiß auch der Kabarettist und Autor Christian Springer. Trotzdem ist es für ihn ein unerträglicher Zustand, dass der Brandanschlag auf das Seniorenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße seit 49 Jahren nicht aufgeklärt ist.

Christian Springer, der sich auch bei öffentlichen Auftritten als entschiedener Gegner von Antisemitismus und Rassismus positioniert, hat im Internet einen ungewöhnlichen Aufruf gestartet, der sich an die Täter und Mitwisser von damals richtet. Ein Akt der Menschlichkeit sei es – die letzte Chance zur Aufklärung –, wenn einer von ihnen das Schweigen brechen würde. Mit diesen Worten wendet sich Springer an die Öffentlichkeit und hält in einem Video eine Tafel mit seiner privaten Telefonnummer in die Kamera.

Folgen Für Charlotte Knob­loch und die jüdische Gemeinde in München und ganz Deutschland ist das ungeklärte Attentat vom Februar 1970 auch 49 Jahre danach eine immer noch offene Wunde. »Für einige Gemeindemitglieder war der Anschlag der Anlass, München und Deutschland zu verlassen«, erinnert sich die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern an die entsetzliche Tat und ihre unmittelbaren Folgen.

Für Charlotte Knobloch und die Gemeinde ist der ungeklärte Anschlag eine offene Wunde.

Bis heute konnte nicht ermittelt werden, wer am 13. Februar 1970 zwischen 20.40 und 20.55 Uhr das Vorderhaus des damaligen jüdischen Gemeindezentrums in der Reichenbachstraße 27 betrat, im ganzen Treppenhaus von oben bis unten Benzin verschüttete und es in Brand setzte. Die meisten der etwa 50 Personen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Gebäude aufhielten, konnten rechtzeitig nach draußen fliehen oder von der Feuerwehr geborgen werden.

Doch dieses Glück war den sieben Menschen, denen das Feuer im Treppenhaus den Fluchtweg versperrte, nicht vergönnt. Sechs von ihnen erstickten oder verbrannten, ein Bewohner starb beim Sprung aus dem vierten Stockwerk. Auf einer Gedenkwand wird an die Opfer erinnert: Regina Rivka Becher, Max Meir Blum, Rosa Drucker, Leopold Arie Leib Gimpel, David Jakubowicz, Siegfried Israel Offenbacher und Eljakim Georg Pfau.

Das Ausmaß der Tragödie, die bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt werden konnte, lässt sich an David Jakubowicz besonders eindringlich ermessen, der ebenso wie Eljakim Georg Pfau den Holocaust überlebt hatte. Am Tag des schrecklichen Verbrechens wollte er eigentlich nach Israel ausreisen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Wegen des Schabbats hatte er jedoch seine Ausreise kurzfristig um zwei Tage verschoben – und musste dafür mit seinem Leben bezahlen.

»In der Gemeinde herrschte lähmende Fassungslosigkeit, pures Entsetzen«, blickt die IKG‐Präsidentin zurück. Die bis zum heutigen Tag anhaltende Beklemmung hängt ihrer Überzeugung nach in erster Linie mit dem Umstand zusammen, dass das Verbrechen nicht aufgeklärt werden konnte.

polizeischutz Charlotte Knobloch erinnert auch daran, dass dieser Anschlag nicht nur für die jüdische Gemeinschaft in München eine Zäsur darstellte. Jüdische und israelische Einrichtungen, so die IKG‐Präsidentin, standen danach unter verstärktem Polizeischutz. Doch gerade dagegen, so beschreibt sie die Schutzmaßnahmen, hätten sich die Menschen bis dahin gewehrt. »Wir Juden«, fügt sie erklärend hinzu, »wollten in Deutschland ein ganz normales Leben führen.«

Jüdische und israelische Einrichtungen standen nach dem Anschlag unter verstärktem Polizeischutz.

Christian Springer spricht in seinem Video‐Aufruf die Tatversion an, die als die wahrscheinlichste gilt. Entgegen ersten Annahmen der Ermittlungsbehörden, die von einem »rechten« Hintergrund des Anschlags ausgingen, hat sich inzwischen die Einschätzung durchgesetzt, dass die linksradikalen »Tupamaros« den Brandanschlag verübten.

Diesen Verdacht hatte der damalige Präsident des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, schon frühzeitig geäußert. In München, so seine Argumentation, sei das gelungen, was zuvor in Berlin geplant war. Er sprach damit den Anschlagsversuch vom 9. November 1969 an, bei dem das Jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße im Visier stand. Die dort deponierte Bombe explodierte nur aufgrund eines Fehlers der Zündung nicht. Zu diesem Attentat hatten sich die »Tupamaros« bekannt.

Christian Springer setzt bei seinem Aufruf an Täter und Mitwisser auf den Faktor Zeit. Die am Anschlag auf das Münchner Seniorenheim der IKG beteiligten Pro­tagonisten haben längst das Rentenalter erreicht. Wird sich einer von ihnen nach all den Jahren vielleicht doch noch dazu bekennen? Der Kabarettist hofft darauf.

www.christianspringer.de

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