Heinz-Galinski-Schule

Drei Sprachen zum Dreißigsten

Zuwachs für das Schulorchester: Die jüdische Grundschule ist derzeit so gefragt, dass es im kommenden Schuljahr drei fünfte Klassen geben wird. Foto: Uwe Steinert

Auf dem Lehrertisch steht ein Obstteller, an den Wänden des Klassenzimmers hängen bunte Bilder von Bäumen und Schmetterlingen. Während ein Erstklässler seinem Banknachbarn aufgeregt die Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling erklärt – auf Englisch –, stimmt der Judaistiklehrer, Rabbiner Yaacov Zinvirt, ein Schabbatlied an. »Ezeh jom hajom?«, fragt er singend auf Hebräisch. »Jom schischi hajom«, antworten gut zehn Kinderstimmen aus voller Kehle. Zinvirt braucht nicht einmal zwei Minuten, um damit auch die letzten Abgelenkten mitzureißen – schon sind sie mittendrin im Hebräischunterricht.

Es ist Freitagmittag an der Heinz-Galinski-Schule. Hebräisch ist die letzte Stunde im Stundenplan, nebenan bereitet Erzieherin Tanja Immich den Kiddusch vor – frische Karotten, Äpfel, Challa und Saft, alles beigesteuert von den Eltern. »Jede Woche ist ein
anderes Kind Schabbat-Papa oder Schabbat-Mama«, erklärt Immich.

Auch das gehört zum Ausklang der Woche, ebenso wie zum neuen Sprachkonzept: selbst machen statt zurücklehnen, ausprobieren statt auswendig lernen, begreifen statt abfragen. »Learning by doing, doing by learning«, nennt Schulleiterin Soraya Koziner den Weg, den die jüdische Grundschule seit diesem Schuljahr mit ihrem Sprachunterricht gewagt hat. Es ist ein Experiment im Prozess, ein Kunstwerk im Werden: eine Schule im Wandel.

Mimik Während Rabbiner Zinvirt mit Händen, Füßen und viel Mimik auf Iwrit und per Smartboard Geschichten von der Wüsten-Wanderung erzählt und die Aufmerksamkeit der Sechs- bis Siebenjährigen rasch wieder einfängt, indem er fragt: »Wer will der Lehrer sein?«, wird deutlich, was die Schulleiterin meint. Die Kinder hören, sprechen, verstehen tatsächlich – auch wenn sie noch längst nicht alle Buchstaben des hebräischen Alphabets gelernt haben. Spielerisch und ganz natürlich tauchen sie ein in die Sprache, die für sie alltagstauglich und identitätsstärkend zugleich sein soll.

Immersion heißt der sprachpädagogische Ansatz (von lateinisch immersio: eintauchen), den die Pädagogen auf Initiative des Gemeindevorstands an der Heinz-Galinski-Schule verankern wollen. Er besagt, dass Kinder, die in ein fremdsprachiges Umfeld versetzt werden – etwa im Fach Sachkunde –, die neue Sprache nahezu beiläufig erwerben, sofern der Unterricht auf Basis der Muttersprache erfolgt.

Die Anregung kam bereits vor vielen Jahren von Michael Hertz, dem früheren Direktor der internationalen Nelson-Mandela-Schule. Er hatte dort seinerzeit erfolgreich Englisch als parallele Unterrichtssprache etabliert und den Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bei der Umsetzung des trilingualen Konzepts an der Heinz-Galinski-Schule beraten. Begleitet wird das Konzept zudem von der Sprachwissenschaftlerin Nadine Kolb.

Alltag In einer ersten Sprachstanderhebung nach dem ersten halben Jahr unterhielt sie sich mit den Kindern und stellte fest: Alle sind auf einem guten Niveau – gerade, was Deutsch betrifft. Auch diejenigen, denen die Umstellung anfangs schwerfiel, ziehen jetzt nach. Kein Wunder: Vielen Schülern ist ein mehrsprachiger Alltag durchaus vertraut. Sie leben in Familien, in denen zwei oder mehr Sprachen gang und gäbe sind. Wo also sollten sie damit beginnen, wenn nicht hier an der multikulturellen jüdischen Grundschule?

»Die Idee, dass Kinder nur eine Sprache aufnehmen können, ist von der Realität überholt«, meint Soraya Koziner. Natürlich gebe es Unterschiede beim Spracherwerb, aber die seien individuell: Während ein Kind sofort spreche und ein anderes zunächst »aufsaugt wie ein Schwamm« und dann spreche, wiederhole ein drittes Kind das Gehörte laut und verinnerliche die Sprache auf diese Weise.

Der neue Ansatz gefiel anfangs nicht allen. Es gab viele Fragen bei Lehrern und nicht wenige Ängste seitens der Eltern. Wie wird künftig eine Sachkundearbeit aussehen? Schreiben die Kinder Tests auf Englisch? Wie wird benotet, wenn nicht alle Vokabeln sitzen? »Doch darum geht es gar nicht«, betont Martina Godesa, die die Gemeindeeinrichtung im Team mit Soraya Koziner leitet.

Ein Teil der Klasse schreibe den Test vielleicht auf Englisch, ein anderer auf Deutsch, wenn die Kinder ein paar Worte auf Englisch oder Hebräisch einstreuen, sei das auch in Ordnung – schließlich gehe es »um die Sache und um Stärkung der Identität«. Dass im Deutsch- und Sachkundeunterricht fächerübergreifend die gleichen Themen behandelt werden – wie etwa »Frosch« oder »Frühling« –, ist ohnehin gängige Praxis. Neu ist, dass Sachkunde für die ersten und zweiten Klassen seit diesem Schuljahr ausschließlich von englischen Muttersprachlern unterrichtet wird – fünf Stunden pro Woche.

Vokabeln Damit wird die bisherige Stundenanzahl des Englischunterrichts von zwei mit drei Sachkundestunden auf insgesamt fünf zusammengelegt. Neu ist auch, dass Rabbiner Zinvirt dieses Konzept derzeit ebenfalls für den Hebräischunterricht entwickelt. Dabei gehe es weniger um Vokabeln als um Assoziationen. »Der Frosch wird dann etwa in das Pessach-Thema ›Plagen‹ eingebettet, der Apfel in den Komplex rund um Rosch Haschana«, erklärt Martina Godesa. »Hören die Schüler dann etwas über den Apfel im deutsch- oder englischsprachigen Sachkundeunterricht, können sie im Hebräischunterricht die Verbindung herstellen.«

Auch für die Kinder war die Umstellung anfangs nicht leicht. Sachkunde auf Englisch? »Wir verstehen Frau Brod nicht«, hieß es in den ersten Stunden des neuen Schuljahres. Mittlerweile haben sich die Schüler daran gewöhnt.

Auch konnte eine erste Evaluation von Sprachforscherin Nadine Kolb anfängliche Zweifel der Eltern zerstreuen. Mehr noch: Die Eltern ziehen mit. So erscheinen die monatlich von den Eltern verfassten Newsletter mittlerweile ebenfalls dreisprachig auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. Die Zusammenarbeit mit den Eltern sei »eng, transparent und sehr fruchtbar«.

»Wir freuen uns sehr, dass das vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde initiierte Konzept von Schülern, Eltern und Lehrern mit Begeisterung angenommen wird«, sagt Gemeindevorsitzender Gideon Joffe. Sein besonderer Dank gelte Michael Hertz, der den Vorstand bei diesem Projekt »hervorragend beraten« habe.

AKTIV Das Konzept scheint erste Früchte zu tragen. Dabei hatten anfangs vor allem die Hebrâischlehrer ihre Zweifel. Dennoch hätten sie sich bereitwillig auf die Veränderung eingelassen, freuen sich die beiden Schulleiterinnen – insbesondere, nachdem erste Erfolge sichtbar wurden: An TuBischwat ließen die Hebräischlehrer die Schüler einen israelischen Basar gestalten, mit Kaufmannsladen, Spielgeld und Preisen in Schekel – Sprache als Alltagsinstrument.

»Aller Anfang ist schwer«, gibt Martina Godesa unumwunden zu, doch zugleich sehe sie, was passiert: »Erst nehmen die Kinder ganz viel auf, dann sprudelt es aus ihnen heraus – wenn sie den Inhalt des Unterrichts verankern, entwickeln sie ein ganz anderes Gefühl für Sprache«, so die Schulleiterin. Verknüpfungsfähigkeit und Verankerung beeinflussen langfristig und dauerhaft auch Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, ist Soraya Koziner überzeugt. Genau das sei der Schlüssel.

»Zu wissen, ich kann mich in mehreren Sprachen ausdrücken, ist auch sehr motivierend für andere Fächer«, meinen beide Schulleiterinnen. Sie hoffen, dass somit die Mehrsprachigkeit
künftig in vielerlei Hinsicht Wirkung entfalten wird. »Die Kinder haben Spaß, das ist das Bedeutungsvolle für uns, nicht die Tests«, sagt Soraya Koziner. Ziel sei es, »die Sprachen zu hören und selbst aktiv anzuwenden – nicht, Wissen abzufragen«.

So viel Input spricht sich herum. Die jüdische Grundschule ist derzeit so gefragt, dass es im kommenden Schuljahr drei fünfte Klassen geben wird – erstmals seit 30 lahren. Für die zukünftigen ersten Klassen haben sich bereits mehr als 70 Schüler angemeldet, die Warteliste ist lang. Das Warten für die Erstklässler nebenan im Hebräischraum hat sich derweil gelohnt: Beim Kiddusch plappern sie unvermittelt drauflos – und merken gar nicht, wie sie dabei, fast nebenbei, englische und hebräische Worte einflechten.

Dresden

Gedenken an Pogromnacht

Nora Goldenbogen appelliert, Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten mahnend wachzuhalten

 10.11.2019

Konstanz

Neue Synagoge eingeweiht

Zentralratsvizepräsident Lehrer: »Zeichen für jüdische Zukunft«

 10.11.2019

Porträt der Woche

»Ich bin der Letzte«

Max Schwab ist Gemeindeältester in Halle und erlebte die Pogromnacht 1938

von Tobias Kühn  10.11.2019

Saarbrücken

Gegen alle Widerstände

Jahrelang kämpfte die Gemeinde für ein angemessenes Schoa-Mahnmal

von Lisa Huth  10.11.2019

Halle

Jüdische Gemeinde wünscht sich Ruhe

Vorsitzender Max Privorozki: »Können kein normales Gemeindeleben mehr führen«

 09.11.2019

München

Pogromnacht, Namenslesung, Erinnerung

Meldungen aus der IKG

 07.11.2019