Chemnitz

»Die Stadt soll zur Ruhe kommen«

Rechte Demonstration am vergangenen Montag in Chemnitz Foto: Reuters

Frau Röcher, wie haben Sie die vergangenen Tage mit den gewalttätigen Demons­trationen in Chemnitz erlebt?
Ich habe gar nichts davon mitbekommen, ich war mit Freunden unterwegs. Mein Sohn hat mich am Sonntagabend von Berlin aus angerufen und gefragt: »Was ist denn in Chemnitz los?« Und dann haben wir erst einmal Radio gehört. Die Synagoge und das Gemeindehaus sind nahe am Zentrum, aber nicht direkt im Zentrum, und die Synagoge war in keiner Art und Weise betroffen. Die Polizei ist bei uns schon seit etwa eineinhalb Jahren sehr präsent, aber das hängt auch mit der Renovierung des Gemeindehauses zusammen.

Aber der Tod eines deutschen Staatsbürgers, der mutmaßlich von einem Syrer und einem Iraker erstochen wurde, und der Aufmarsch von Neonazis aus ganz Deutschland sind doch sicherlich in der Gemeinde diskutiert worden.
Ja, natürlich. Ich bin Religionslehrerin und unterrichte Kinder aus Leipzig, Dresden und Chemnitz. In Chemnitz findet der Unterricht am Dienstag statt. Schon am Vormittag hat die eine oder andere Mutter besorgt angerufen und gefragt, ob der Religionsunterricht stattfindet. Ich habe gesagt: Ja, er findet statt. Manche Eltern wollten ihre Töchter an diesem Tag nicht durch das Stadtzentrum von Chemnitz schicken, das sind Mädchen im Alter von 14 und 15 Jahren. Die Eltern haben Bedenken – das kenne ich von Sachsen, und ich kann das verstehen. Als die Demonstrationen von Pegida 2015 in Dresden begonnen haben, sank der Anteil der Schüler am Religionsunterricht am Montag sofort, denn auch die Pegida‐Kundgebungen finden montags statt.

Wie haben die Schüler jetzt im Religionsunterricht auf die aktuelle Situation re­­­agiert?
Sie waren sehr aufgeregt. In allen Schulen in Chemnitz waren die Demonstrationen Thema. Und wie es typisch ist für Jugendliche in diesem Alter, bekommen sie Nachrichten vor allem über soziale Medien und das Internet mit. Ich hatte den Eindruck, dass sie teilweise nicht richtig informiert waren. Viele sagen auch, dass sie nicht in Deutschland bleiben wollen.

Und das begründen sie mit den Demons­trationen in Chemnitz?
Das war der Anlass für das Gespräch, aber es ist nicht das erste Mal, dass ich das von ihnen höre.

Sie haben gesagt, Sie haben den Eindruck, dass nicht alle Informationen richtig sind, die die Jugendlichen bekommen. Was mussten Sie in dem Gespräch zurechtrücken?
Ich habe gehört, dass manche Videos, die verbreitet wurden, alte Videos seien, die wieder im Netz kursieren, aber nicht vom vergangenen Sonntag stammen.

Was sieht man auf den Videos?
Auf den Videos sieht man Menschen, die von anderen Menschen verfolgt werden. Ich kann nicht sagen, dass das nicht stimmt. Aber es gibt auch falsche Videos. Ich höre auch von vielen Kindern, dass sie unzufrieden sind mit dem veränderten Stadtbild von Chemnitz.

Was meinen Sie damit?
Ich höre das immer wieder auch von Erwachsenen, auch von »unseren Leuten«. Chemnitz war eine sehr ruhige Stadt und eine Stadt, in der man gut leben konnte, eine Stadt mit viel Kultur. Wir als Jüdische Gemeinde sind in Chemnitz sehr willkommen. Aber das veränderte Stadtbild, seit die Flüchtlinge da sind, gefällt etlichen Menschen nicht. Und auch »unsere Leute« haben seit 2015 ganz einfach Angst. Denn wir wissen, aus welchen Ländern viele Flüchtlinge stammen und welche Informationen man ihnen in ihrer Heimat über Israel und das Judentum vermittelt hat. Wir haben damals einiges unternommen, um die Leute zu beruhigen. Wir hatten Gespräche mit der Polizei, wir haben die Ausländerbeauftragte eingeladen, damit sie uns sagt, wie die Situation tatsächlich ist, wie viele Flüchtlinge hier sind und aus welchen Ländern sie stammen.

Worüber ist man jetzt in der Gemeinde beunruhigt? Darüber, dass Neonazis aus ganz Deutschland in Chemnitz demons­trieren?
Wir haben genug vernünftige Leute, die sagen, dass die Rechten jede Möglichkeit suchen, um die Stimmung aufzuheizen. Wir müssen zur Besonnenheit aufrufen. Ich habe den Gemeinderat von Chemnitz zu einem Gespräch eingeladen. Mein Ziel ist es, dass der Freitagabendgottesdienst in dieser Woche verstärkt von Menschen aus Chemnitz besucht wird. Und ich überlege auch, ob wir ein Gebet zum Wohle der Stadt sprechen. Das haben wir schon im Juni getan, als Chemnitz seinen 875. Geburtstag feierte. Wir gehören zur Zivilgesellschaft von Chemnitz. Und es ist in unserem Interesse, dass die Stadt zur Ruhe kommt.

Welches Bild haben Sie von Chemnitz?
Hier ist ein guter Ort zum Wohnen, und die Stadt steht immer hinter der Jüdischen Gemeinde. Ich möchte präsent sein und sagen: Hier sind wir, und wir sind unzufrieden damit, wenn die Rechten auf der Straße die Oberhand bekommen. Ich verstehe auch nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir möchten die positiven Kräfte in der Stadt unterstützen. Für diesen Sonntag hat der Superintendent der Evangelischen Kirche zu einer Kundgebung eingeladen. Ich möchte gerne, dass auch wir als Jüdische Gemeinde offiziell an dieser Kundgebung teilnehmen. Wir wollen zeigen, dass es in Chemnitz viele vernünftige Leute gibt. Die Frage ist natürlich aber auch, wie es am Donnerstag aussehen wird, wenn die Rechten von »Pro Chemnitz« wieder demonstrieren.

Gab es irgendwelche Drohungen gegen die Jüdische Gemeinde?
Überhaupt nicht. Wir sind nicht im Fokus – jedenfalls nicht jetzt.

Mit der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Chemnitz sprach Ayala Goldmann.

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