Porträt der Woche

Die Salondame

Yael Nachshon ist Künstlerin und lädt jeden Monat zu kulturellen Begegnungen ein

von Simone Flores  17.08.2019 21:58 Uhr

»Meine Krankheit hat bewirkt, dass ich keine Zeit mehr auf Dinge verschwende, die mir nicht wichtig sind«: Yael Nachshon (39) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Yael Nachshon ist Künstlerin und lädt jeden Monat zu kulturellen Begegnungen ein

von Simone Flores  17.08.2019 21:58 Uhr

Ich wurde 1980 in Israel geboren, in Kfar Saba. Aufgewachsen bin ich in Kfar Shmaryahu, einem kleinen Ort nördlich von Tel Aviv. Meine Kindheit war schön, ich bin mit vielen Freiheiten groß geworden. Als Teenager wusste ich noch nicht, was ich später einmal werden möchte. Aber rückblickend sehe ich heute, dass ich mich immer für kreative Tätigkeiten interessiert habe.

Ich habe immer gemalt oder gesungen. Später, mit 13 oder 14, experimentierte ich mit verschiedenen Richtungen: visuelle Kunst, Theater, Drama. Ich habe vieles ausprobiert, bevor ich – erst verhältnismäßig spät – zur Musik kam. Meine Eltern hatten beruflich keinen Bezug dazu. Meine Mutter ist Architektin, mein Vater Ingenieur und Pilot. Jeder von ihnen hat aber das Herz eines Künstlers.

Unsere Familie war nie religiös. Wir gingen zwar an Feiertagen in die Synagoge, lebten aber nie koscher. Ich wuchs mit jüdischen Riten und Gebräuchen auf, aber eher im traditionellen als religiösen Sinn. Über diese Dinge denke ich eigentlich erst heute mehr nach, seit ich mit meiner Familie in Berlin lebe und meine Kinder mich fragen, warum wir jüdisch sind. Eine richtige Antwort darauf habe ich noch nicht gefunden, außer, dass ich eben jüdisch bin.

Ich lernte erst mit 17 ein Instrument. Trotzdem studierte ich Jazz.

Nach meiner Armeezeit verließ ich Israel. Ich war verrückt nach Jazz und wollte Jazzsängerin werden. Ich wollte zum besten Ort der Welt, um dort zu studieren: New York. Ich hätte nie gedacht, dass ich dort angenommen werde, aber es hat geklappt. Ich bekam sogar ein Stipendium. Also packte ich meine Sachen und zog los.

FREIHEIT Ich habe Musik immer geliebt, habe aber als Kind nie ein Instrument gelernt. Als ich im Alter von 17 oder 18 merkte, dass ich etwas mit Musik machen möchte, wurde mir klar, dass alle anderen im meinem Umfeld bereits mit fünf Jahren damit begonnen hatten. Also nahm ich privaten Unterricht, Gesang und Klavier. Für ein Jahr war ich auch an einer Musikakademie in Israel. Dort habe ich die Grundlagen gelernt. Ich habe mir alles im Schnelldurchlauf angeeignet. Dafür habe ich wirklich hart gearbeitet. Manchmal war ich fast wie besessen.

Das Fremdsein in New York habe ich geliebt. Es fühlte sich wie eine Befreiung an. Es gab mir das Gefühl, so sein zu können, wie ich bin. Niemand hat sich dafür interessiert, was ich mache. Das ist heute in Berlin ähnlich.

Im Juli 2016 zogen wir hierher. Mein Mann hatte durch seine Mutter schon einen deutschen Pass, ebenso unsere Kinder. Und er wollte eigentlich schon immer aus Israel weg. Er ist ebenfalls Künstler, und als Künstler in Israel zu leben, ist eine große Herausforderung. Ich hingegen wollte nie weg. Aber ich habe sehr schnell nach dem Umzug gemerkt, dass es eine gute Veränderung für uns war.

Im Integrationskurs lernte ich Syrer und Iraner kennen – zu sehen, wie ähnlich wir uns sind, war ein Segen für mich.

Ich fühle mich sehr wohl hier. Trotz aller Schwierigkeiten wie Wetter oder Sprache bin ich insgesamt sehr glücklich. Ich kann es nicht genau erklären, aber ich habe das Gefühl, dass mit all der Geschichte im Hintergrund unser Hiersein wichtig ist.

SYRER Als ich nach Berlin kam, besuchte ich jeden Tag einen Integrationskurs. Dort waren außer mir viele Flüchtlinge, vor allem aus Syrien und dem Iran. Sie sprachen kein Englisch, also mussten wir untereinander Deutsch sprechen. Das war eine unglaubliche Erfahrung. In Israel hätte ich ja niemals Menschen aus Syrien getroffen.

Zu sehen, wie ähnlich wir uns sind, in unserem Temperament, der Art zu reden, zu essen oder wie wir beim Reden mit den Händen gestikulieren, war ein Segen für mich. Diesen Bann zu brechen, den Politik schafft, indem sie Länder und Menschen definiert. Diese Menschen tatsächlich zu sehen und mit ihnen in Kontakt zu kommen, macht einen riesigen Unterschied.

Ich traf so viele Leute aus Syrien, dem Libanon oder dem Iran und erlebte nie Aggression oder Vorurteile. Es waren einfach nur nette Menschen. Das war eine großartige und traurige Erfahrung zugleich.

wohnung Unsere Wohnung ist ein typischer Berliner Altbau mit hohen Decken. Der ganze Raum, den wir plötzlich zur Verfügung hatten, überwältigte mich einfach. Unsere Wohnung in Tel Aviv war dagegen ein Schuhkarton. Die Räume seien viel zu schade, um sie nur zum Wohnen zu nutzen, sagte ich damals zu meinem Mann. Ich fand, wir müssten unbedingt noch irgendetwas anderes damit machen.

Also habe ich eine Art kulturellen Abend organisiert. Ich habe einige Freunde eingeladen, um Musik bei uns zu machen, außerdem einen befreundeten Künstler, der einige seiner Bilder zeigen wollte, und andere Freunde kamen einfach nur zum Zuhören und Schauen.

Ich glaube, wenn ich mein Herz und mein Wohnzimmer öffne und Menschen einlade, dann sind sie bereit, das Gleiche zu tun.

Es war, als ob meine Talente und Interessen in Kombination etwas Neues und Magisches hervorgebracht hätten. Mein Mann und ich sind beide leidenschaftliche Gastgeber, wir lieben es zu kochen. Diese Leidenschaften, Gastgeberin zu sein, Musik und Kunst – haben einfach spontan »Klick« gemacht. Ich hatte vorher keinen exakten Plan, kein Konzept, es war nur eine spontane Idee. Aber schon nach dem ersten Abend war mir klar, was für ein Potenzial darin steckte. Und jeder weitere Abend hat mich darin bestätigt.

IDEE Insgesamt organisierten wir in unserer Wohnung 15 solcher Abende mit jeweils etwa 80 Gästen – so lange, bis meine Familie verrückt wurde, denn wir mussten jedes Mal alle Möbel herausschaffen und alle Wände frei machen, um die Bilder aufzuhängen. Irgendwann hatten meine Kinder und mein Mann genug. Mittlerweile haben wir eigene Räume gemietet, und ich habe eine Partnerin, Dorit, die unsere Kunstkuratorin ist.

Es ist mir aber nach wie vor wichtig, dass der Ort einen sehr persönlichen Charakter hat. Es soll sich wie ein Wohnzimmer anfühlen, nicht wie eine nüchterne Galerie, deshalb haben wir in unseren Räumen auch eine Küche. Ich versuche quasi, eine moderne Art des Salons wiederzubeleben, wie er früher hier existiert hat. Wir führen Menschen in einer privaten und sicheren Umgebung zusammen. Die Atmosphäre soll offen und einladend sein und Menschen aus allen möglichen Bereichen und Hintergründen zusammenbringen, alle Altersgruppen, alle Sprachen.

Und das funktioniert. Meine syrischen Freunde aus dem Integrationskurs und das bourgeoise deutsche Prenzlauer-Berg-Publikum, meine israelischen Freunde, Italiener, Spanier, Japaner, wer auch immer.

Und wenn man alle in so einem geschützten Raum zusammenbringt, dann passiert etwas Magisches. Ich glaube, wenn ich mein Herz und mein Wohnzimmer öffne und Menschen einlade, dann sind sie bereit, das Gleiche zu tun.

KRISE Einige Zeit, bevor wir nach Deutschland zogen, bin ich durch eine lebensverändernde Situation gegangen. Ich war damals 34 Jahre alt und erkrankte an Krebs. Meine beiden Kinder waren zu der Zeit gerade einmal drei und ein Jahr alt. Es war schrecklich, die Hölle auf Erden. Einige Zeit nach Beendigung der Chemotherapie fühlte ich mich langsam besser und dachte, jetzt geht es wieder bergauf. Aber tatsächlich wurde es schlimmer. Denn dann ging es mir seelisch sehr schlecht. Es war, als hätte ich da erst begriffen, was passiert war.

Als ich 34 Jahre alt war, erkrankte ich an an Krebs. Mental konnte ich erst verarbeiten, was mit mir geschehen war, als mein Körper geheilt war.

Ich dachte, der Krebs sei nur eine körperliche Sache gewesen, die ich nun überwunden hätte, und ich könnte wieder ganz die Alte sein. Stattdessen merkte ich, dass eben nicht nur mein Körper betroffen war, sondern auch meine Seele. Mental konnte ich erst verarbeiten, was mit mir geschehen war, als mein Körper geheilt war. Das scheint eine sehr typische Reaktion zu sein, hat man mir gesagt. Es war eine sehr schwere Zeit für mich und meine Familie.

Ich brauchte fast zwei Jahre, um das mental zu verarbeiten und zu sehen, dass die Krankheit auch einen positiven Effekt auf mich hatte. Ich erinnere mich, dass mir während meiner Krankheit Leute sagten, mein Leben könne sich dadurch auch positiv verändern. Ich habe es gehasst, das zu hören. Ich konnte es nicht ertragen. Heute weiß ich, dass es natürlich gut gemeint war und auch etwas Richtiges daran ist.

KLARHEIT Es ist schwer, genau auszumachen, was sich durch die Krankheit verändert hat. Aber danach war mir auf einmal sehr klar, was ich tun möchte und was nicht. Meine Prioritäten waren auf einmal glasklar. Und von da an hat sich alles sehr schnell entwickelt. Ich verschwende seither keine Zeit mehr auf Dinge, die mir nicht wichtig sind. Ich stecke sehr viel Zeit und Energie in Dinge, die ich mich früher einfach nicht zu machen getraut habe. Die Salon-Abende etwa. Es hat etwas mit dem Glauben an mich selbst zu tun: dass ich es schaffen kann.

Ich weiß nicht, ob das durch den Krebs kam, aber ich erkenne jetzt, dass jeder Mensch besonders ist. Ich muss nicht die beste Musikerin oder Sängerin der Welt sein, um etwas Bedeutendes zu schaffen. Ich kann heute anerkennen, dass ich gute Arbeit leiste und das auch fortführen sollte. Das Bewusstsein dafür habe ich allerdings erst nach meiner Krankheit erlangt.

Das Bewusstsein dafür, dass ich gute Arbeit leiste, habe ich erst nach meiner Krankheit erlangt.

Manchmal deprimiert es mich, dass ich das Gefühl habe, keinen Einfluss nehmen zu können in der Welt. Aber hier in Berlin fühle ich, dass ich in einer ganz kleinen Nische doch Einfluss nehmen kann, und sei es auch nur auf eine einzige Art: indem ich es Menschen ermögliche, eine Verbindung einzugehen. Israel und Deutschland sind durch die Geschichte für immer verbunden. Und ich denke, diese Verbindung auf positive Art wiederzubeleben, ist sehr wichtig. Deshalb sind mir auch die Begegnungen zwischen Menschen so wichtig.

Aufgezeichnet von Simone Flores

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