Centrum Judaicum

Die Pforten sind weit offen

Fragmente des Baus Foto: Gregor Zielke

Alissa Jaffa war drei Jahre alt, als ihre Familie 1939 von Berlin nach England emigrierte. An ihre Geburtsstadt hat sie keine Erinnerungen. Und dennoch sind ihr bestimmte Straßennamen vertraut – dank Erich Kästners Kinderbuch Emil und die Detektive und ihrem Elternhaus, in dem auch nach der Emigration Deutsch gesprochen wurde. »Als ich nach dem Krieg mit meiner Mutter nach Berlin reiste – sie war als ehemalige jüdische Mitbürgerin von der Stadt eingeladen worden –, war ich ganz erstaunt, als ich sie mit Taxifahrern Berlinerisch sprechen hörte«, erinnert sich die 83‐Jährige, deren Geschichte die Filmemacherin Britta Wauer für die neue Dauerausstellung des Centrum Judaicum – Neue Synagoge Berlin festgehalten hat.

Was sie als Kind von Emigranteneltern geerbt habe, sagt Alissa Jaffa, sei eine »Doppelkultur«. Ihr Vater, der Rabbiner Ignaz Maybaum, habe bei der Ankunft in England kein Wort Englisch gesprochen und selbst später, als er die Sprache längst perfekt beherrschte, nie seinen deutschen Akzent verloren. Dem liberalen deutschen Judentum blieb Alissas Vater auch in London treu. Nach zehn Jahren ohne rabbinische Anstellung übernahm er 1949 die Edgware and District Reform Synagogue im Nordwesten von London.

stadtgesellschaft
Ignaz Maybaum fühlte sich ganz der Tradition des liberalen deutschen Judentums verpflichtet, für das seit ihrer Eröffnung 1866 die Neue Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße wie keine andere stand. Nach mehrjährigem Wiederaufbau von Teilen des Gebäudes seit 1988 und Eröffnung des Centrum Judaicum – Stiftung Neue Synagoge Berlin am 7. Mai 1995 wurde das Museum nach achtmonatiger Schließzeit wegen Renovierung am vergangenen Mittwoch mit einer neuen Dauerausstellung wiedereröffnet.

An dem Festakt nahmen neben Zeitzeugen und Nachfahren emigrierter jüdischer Berliner wie Alissa Jaffa, Ruth Gross‐Pisarek, Zvi Bernstein und der Berliner Ehrenbürgerin Margot Friedländer zahlreiche Vertreter des politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Berlin sowie des Bundes teil, darunter Zentratspräsident Josef Schuster, die Staatsministerin für internationale Kultur‐ und Bildungspolitik beim Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), der Gesandte des Staates Israel, Avraham Nir‐Feldklein, der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, Berlins Kultursenator und Stiftungsratsvorsitzender beim Centrum Judaicum, Klaus Lederer, sowie der Antisemitismus‐Beauftragte des Bundes, Felix Klein.

Selbstbewusstsein »Mit großem Selbstbewusstsein und beträchtlichen finanziellen Mitteln ließen die Berliner Juden mitten im Zentrum und weithin sichtbar diese Synagoge errichten, die 1866 eröffnet wurde. Das war damals Stadtgespräch, und zwar weit über jüdische Kreise hinaus«, hob Zentralratspräsident Josef Schuster in seinem Grußwort die Bedeutung der Synagoge hervor. Sie zeuge davon, dass sich die jüdische Gemeinde als Teil der Stadtgesellschaft wahrnahm – so, wie auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die ihren Verwaltungssitz im Haus hat, »ebenfalls ein fester Bestandteil der Stadtgesellschaft« sei, sagte Schuster.

Heute, gut 150 Jahre später und nach dem Bruch durch die Schoa, sei »diese Kuppel wieder das beliebteste Motiv, um das jüdische Leben in Berlin zu illustrieren«. Das Centrum Judaicum sei vermutlich die jüdische Einrichtung in Berlin, die am häufigsten von Touristen fotografiert wird. Mit seinem Archiv gehöre es zu den wichtigsten jüdischen Einrichtungen Berlins und Deutschlands. Und mit der neuen Dauerausstellung werde das Museum auch der Inschrift am Eingang wieder gerecht: »Tuet auf die Pforten«.

Angesichts von Antisemitismus und »Zündeleien der AfD« sei es heute besonders wichtig, so Schuster, »in die Breite der Gesellschaft hinein Vorurteile abzubauen«. Das müsse auf vielen Wegen geschehen. Einer davon sei diese Ausstellung. »Hier werden Besucher mitgenommen in die wechselvolle Geschichte dieses Hauses. Sie lernen auf anschauliche Weise, dass Judentum mehr ist als eine Opfergeschichte. Und zugleich wird die Verzahnung des jüdischen Alltags mit der übrigen Gesellschaft sehr schön sichtbar«, hob Schuster hervor. Der Zentralratspräsident dankte Direktorin Anja Siegemund und Kuratorin Chana Schütz, dass sie »die Besucher auf so wunderbare und moderne Weise an die Hand nehmen, um das Judentum in seiner Vielfalt kennenzulernen«.

Erfolg Avraham Nir‐Feldklein, Gesandter des Staates Israel, forderte die Festakt‐Gäste auf, für einen Moment die Augen zu schließen und sich den orientalischen Sakralbau in all seiner früheren Pracht und Lebendigkeit vorzustellen. »Jedesmal, wenn ich dieses wunderschöne Haus betrete, stelle ich mir vor, wie sich wohl meine Großeltern hier fühlen würden, die Deutschland 1934 verlassen mussten.« Die Geschichten jener, die aus Berlin stammen oder Berlin als Erinnerung der Eltern erlebten, nehmen in der neuen Dauerausstellung einen zentralen Platz ein.

»Wir sind glücklich über das Centrum Judaicum«, sagte auch Gemeindechef Gideon Joffe. Wenn man das Museum anschaue, würden alle Gegensätze, die es auch im breiten Spektrum der Berliner Einheitsgemeinde gebe, beiseite fallen – denn das Haus und seine überregionale und internationale Bedeutung erfülle die Gemeinde mit Stolz. Mehr als 100.000 Besucher jährlich gingen mit dem Gefühl aus der Ausstellung, etwas mehr vom Judentum verstanden zu haben, sagte Joffe.

Dieser enorme Erfolg sei in besonderem Maße dem Engagement des Gründungsdirektors Hermann Simon zu verdanken, betonte Kultursenator Klaus Lederer in seiner Ansprache. »Als Hermann Simon vor 23 Jahren am 7. Mai 1995, dem Vorabend des Tages der Befreiung, die Neue Synagoge als Centrum Judaicum und damit auch die erste Ausstellung eröffnete, erinnerte er an die wechselvolle Geschichte des Gotteshauses«, darunter an den Versuch der Nazis, die Synagoge in der Pogromnacht 1938 in Brand zu stecken, und an das couragierte Eingreifen des Reviervorstehers Wilhelm Krützfeld, »der sich den Brandstiftern entgegenstellte, als andere johlten«, sagte Lederer. Das Centrum Judaicum stehe für das jüdische Überleben und die jüdische Selbstbehauptung.

fragment »Mein Wunsch ist heute vor allem, Danke zu sagen«, sagte Direktorin Anja Siegemund. »Für das gesamte Centrum Judaicum bedeuten diese zwei Jahre, in denen wir die Dauerausstellung erarbeitet haben, eine höchst wichtige und interessante Zeit, aber auch eine Zeit des langen Atems bei gleichzeitigem Dauerlauf und in den letzten Tagen und Wochen sogar einem Sprint.« Diese Beschreibung war nicht untertrieben – noch bis zum Morgen waren Vitrinen geputzt, Wandbilder getrocknet, Teppiche ausgerollt und Stühle gerückt worden. Dass Kleinigkeiten nachgearbeitet werden müssen, fällt nicht weiter auf. Denn in ihrer Gesamtheit ist dem Team um Anja Siegemund und Chana Schütz ein großer Wurf gelungen.

Davon konnten sich die Gäste bei dem anschließenden Rundgang durch die Ausstellungsräume überzeugen. Auch die neue Dauerausstellung basiert auf dem 1995 formulierten und visuell umgesetzten Grundsatz, »das Fragment, also das, was im Schutt gefunden wurde, als Teil des Ganzen zu erleben – als Glanz und als Katastrophe der Berliner Juden gleichermaßen«, erklärte Chana Schütz.

Das Centrum Judaicum versteht sich als »Museum für Besucher aus dem In‐ und Ausland, die jüdisches Berlin und seine Geschichte am authentischen Ort entdecken wollen, als Kommunikationsforum, in dem sich jüdische und nichtjüdische Stadtgesellschaft, Berliner und Nicht‐Berliner treffen, als Lernort, der Teilhabe an kulturellem Wissen ermöglicht, als Speicher für historische Archivquellen und internationaler Gedächtnisort für ehemalige Berliner und ihre Familien«.

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