Porträt der Woche

Die Networkerin

»Schon während meines Studiums habe ich berufliche Kontakte aufgebaut«: Nelly Kranz (26) lebt in München. Foto: Christian Rudnik

Ich sprühe. Vor Energie, aber auch vor Begeisterung für das, was ich tue. Und die, die mich auch nur ein bisschen kennen, wissen: »Die Nelly, die macht nie nur eine Sache; bei Nelly läuft immer vieles parallel.« Und ehrlich: Hätte ich so eine Nelly als Partnerin, das würde wahrscheinlich nicht funktionieren, das würde ich wahrscheinlich nicht aushalten.

Mit so viel Unternehmungsgeist muss man erst einmal zurechtkommen. Mein Mann kommt zu meinem Glück damit zurecht. Mehr noch: Er gibt mir eine gute Balance. Und meine Eltern. Meine Eltern sind mein Ruhepol. Sie unterstützen mich in allem, was ich tue, und vermitteln mir Sicherheit. Das empfinde ich als etwas sehr Wertvolles.

HEIMAT Seit Sommer 2017 bin ich der Kopf von »Nelly’s Network«, einem Unternehmen, das themenspezifische Delegations‐ und Bildungsreisen durch Israel anbietet und sich mit seinem Programm vor allem an Vertreter der deutschen Politik, der Wissenschaft und Wirtschaft wendet. Und ja, ich verwirkliche da etwas, was – man kann das tatsächlich so sagen – Teil meiner Persönlichkeit ist. Ich bin Deutschland und Israel, München und Tel Aviv. Ich bin mental und im Herzen in beiden Sphären zu Hause, kenne sie beide und sehe eine große Chance darin, diese beiden Welten zusammenbringen zu können.

Auf den Namen ist übrigens mein Vater gekommen. Bei meiner PR‐Dame ist er erst einmal auf etwas Skepsis gestoßen. »Zu cool, zu niedlich fürs Business«, meinte sie. Aber mit den Gegenvorschlägen, sehr geschäftlichen Titeln, habe ich mich nicht wohlgefühlt. Das Individuelle, das Persönliche steckte da nicht drin. Der jetzige Name aber fühlt sich richtig an.

Alle waren geschockt, als ich mit 18 Alija gemacht habe.

Geboren wurde ich 1992 in München. Von klein auf habe ich mit meiner israelischen Mutter Hebräisch und mit meinem Vater Deutsch gesprochen. Dass ich zweisprachig aufwuchs, war, glaube ich, eine Weichenstellung.

Das Thema »deutsch‐israelisches Verhältnis« verfolgte ich als Schülerin am Münchner Luitpold‐Gymnasium weiter, wann immer sich das anbot. Besonders prägend war für mich meine Zeit in der ZJD, der Zionistischen Jugend in Deutschland. Dort habe ich mich sehr engagiert, begann mit politischer Bildungsarbeit und merkte schnell, dass es mich reizte, Jugendlichen Themen nahezubringen, sie für etwas zu begeistern.

Im Abitur belegte ich als Leistungsfach Religion. Das hat mich dann auf einen weiteren wichtigen Aspekt der Thematik aufmerksam gemacht, nämlich die enge Verknüpfung zwischen Israel und Religion sowie Israel und Judentum. In meiner Facharbeit ging es dann schließlich um »Israel im Spannungsfeld zwischen Demokratie und Religion«. So kam eins zum anderen, und damit wuchs mein Ehrgeiz, die komplexe Thematik »Israel–Deutschland«, »Deutschland–Israel« immer weiter zu umkreisen, sie für mich zu erobern.

TICKET Seit meinem ersten Israel‐Machane war mir klar, dass ich in die Armee gehen würde. Damals haben die Erwachsenen mir noch gesagt: »Mädchen, du bist 13, lass uns noch einmal reden, wenn du 18 bist.« Dann waren sie echt alle geschockt, als ich mit 18 tatsächlich mein One‐Way‐Ticket nach Israel gebucht und Alija gemacht habe. In die Armee gegangen bin ich mit einer ganz genauen Vorstellung, welchen Job ich dort machen wollte: Pressearbeit. Dort bin ich dann auch gelandet.

In der deutschen Israel‐Berichterstattung sind mir bisweilen Unterschiede und Ungereimtheiten aufgefallen.

In der Pressesprecher‐Einheit war ich zuständig für Anfragen von deutschen Journalisten, aber auch dafür, ihnen interessante Geschichten vorzuschlagen und zu vermitteln. Man fand, dass ich für diese Stelle die Richtige sei, weil ich ja die deutsche Berichterstattung über Israel gut kannte. Noch in München hatte ich zudem zusammen mit meiner Mutter immer auch Nachrichten im israelischen Fernsehen und Radio verfolgt. Da sind mir bisweilen Unterschiede und Ungereimtheiten aufgefallen.

So haben zum Beispiel die Geschichten in der »Süddeutschen« nicht zu den Geschichten im israelischen Fernsehen gepasst. Das hat mein Interesse geweckt, hinter die Kulissen zu schauen und zu verstehen, wie es sein kann, dass man eine Geschichte so unterschiedlich erzählt. Da wollte ich Klarheit.

ARMEE Der Job in der Armee hat mir Spaß gemacht, und das, obwohl er auch etwas recht Demotivierendes hatte. Irgendwie hatte ich das Gefühl: So, jetzt bin ich Pressesprecherin, und trotzdem habe ich nicht wirklich Einfluss auf das, was da passiert.

Nehmen die deutschen Journalisten einen nicht ernst, oder wollen sie nicht wahrhaben, was man ihnen erzählt? Keine Ahnung. Es war jedenfalls nicht nur einmal so, dass ich mit Journalisten eine Geschichte besprochen, aber dann ein paar Tage später eine völlig andere Geschichte darüber in der Zeitung gelesen habe. Und das ärgerte mich.

Zum Beispiel habe ich einmal einen Journalisten dazu eingeladen, bei einem Militärtraining in einem bewohnten Gebiet dabei zu sein, bei dem es darum ging, wie man zivile Opfer vermeidet. Und statt zu zeigen, wie man sich im israelischen Militär um Humanität bemüht, ging dann die im öffentlich‐rechtlichen Fernsehen gezeigte Geschichte in Richtung »Israel bereitet sich darauf vor, ein Dorf im Libanon einzunehmen«. Sie haben sich diese Geschichte erfunden.

POSITIV Aber natürlich gab es auch positive Erlebnisse. Besonders wertvoll war, dass ich während dieser Zeit unglaublich viele Kontakte knüpfen konnte, die mir bis heute nützen. Ich saß da ja in einem internationalen Sprecherbüro, das heißt, meine engsten Freunde aus dem Militär kamen aus der ganzen Welt. Weil ich keine Zeit verplempern wollte, habe ich gleich nach meiner Entlassung angefangen zu studieren.

Ich besuchte in Tel Aviv das IDC, das Interdisziplinäre Zentrum, in dem vor allem Dozenten unterrichten, die aus der Praxis kommen: politische Berater, Politiker, Pentagon‐ oder Terrorismusexperten. Anfänglich ging es eher um innerpolitische Themen, Israel betreffend. Auf Hebräisch natürlich.

Während meines Studiums dolmetschte ich für eine Delegation aus dem thüringischen Wirtschaftsministerium.

Um meinen Blick international zu weiten, entschloss ich mich im zweiten Jahr dazu, auf den internationalen Zweig umzusteigen. Und auch während des Studiums habe ich weiter an meinem Netzwerk gestrickt. Eine Geschichte zum Beispiel hatte ich schon angekurbelt, als ich noch beim Militär war – ein Projekt des Goethe‐Instituts.

Als Studentin bin ich dann vom Goethe‐Institut angefragt worden, als Dolmetscherin eine politische Delegationsreise zu begleiten, Leute aus dem thüringischen Wirtschaftsministerium. Das hat mir großen Spaß gemacht. Das war irgendwie auch schon der Anfang meines jetzigen Geschäftsmodells.

HOCHZEIT Bei Aufträgen wie diesen habe ich mitbekommen, wie Städtepartnerschaften zustande kommen, deutsche und israelische Unternehmen Kooperationen aufbauen, kurz, wie man diese beiden Welten zusammenbringt. Für israelische Start‐ups hatte ich ebenfalls schon während des Studiums gearbeitet, war dann auch für ein Austauschsemester in Rom. Auf diese Weise wuchs mein Netz immer weiter.

Als ich dann 2016 mein Studium beendet hatte, war für mich längst klar, in welche Richtung es weitergehen sollte. Meine ersten kleinen Delegationsreisen fanden statt. Und: Ich habe geheiratet!

Als Paar haben wir uns – nach ausgiebigen Flitterwochen – entschlossen, wieder nach München zurückzukehren. Das war im Frühjahr 2017. Und dann ging es auch bald los mit der Firma. Und es läuft! In der ersten Novemberwoche hatte ich eine Delegationsreise, Mitte November eine weitere, Ende November die nächste, im Dezember eine weitere.

Eine enge Verbindung zur Gemeinde ist mir wichtig.

Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich erst einmal etwas Ruhe, bevor es im Frühjahr wieder so richtig losgeht. Ich ebne dem »israelischen Schlomi« in Flip‐Flops und dem »deutschen Hans« im steifen Hemd den Weg, sodass sie aufeinander zugehen und gut miteinander arbeiten können. Wenn das nichts ist! Und dabei zeige ich den Deutschen eben auch das andere Israel, das Land, das sie nicht aus den Zeitungen kennen.

SCHUHE Ich arbeite rund um die Uhr. Ich liebe das. Übrigens führe ich noch ein zweites Unternehmen. Ich mache den Vertrieb für eine israelische Designerin, die ein Luxus‐Schuh‐Label besitzt. Letzte Woche war ich deshalb in Mailand und Paris.

Was mir sonst neben all dem Arbeitstrubel wirklich wichtig ist, ist, ein jüdisches Leben zu führen, der religiöse Aspekt mit eingeschlossen. Ebenso wichtig ist mir in diesem Zusammenhang eine enge Verbindung zur Gemeinde. Anders habe ich es auch bei meinen Eltern nie gesehen.

Für uns deutsche Juden hat es große Bedeutung, immer auch Israel als unsere Heimat zu empfinden. Nicht statt Deutschland, sondern zusätzlich zu Deutschland.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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